London - Campbell selbst habe dafür gesorgt, dass der Bericht aufgebauscht worden sei. Das habe ihm der Waffenexperte David Kelly gesagt, erklärte Gilligan. Laut dem Reporter war Kelly besonders unglücklich über die Behauptung in dem Dossier vom September, der inzwischen gestürzte irakische Staatschef Saddam Hussein könne binnen 45 Minuten chemische und biologische Waffen einsetzen.
Die Quelle für diese Zeitangabe habe Kelly als sehr unzuverlässig erachtet. Er sei der Überzeugung gewesen, dass sie nicht hätte benutzt werden dürfen. Campbell habe jedoch auf einer Verwendung bestanden.
"Die 45 Minuten waren ein klassisches Beispiel. Die Aussage beruhte nur auf einer Quelle. Ja, es sollte aufgebauscht werden", soll Kelly laut Gilligan gesagt haben.
Der Kommunikationschef selbst hat diese Darstellung vehement bestritten. Auch Kelly, der nach der BBC-Sendung vom Verteidigungsministerium als möglicher Informant identifiziert wurde, erklärte am 15. Juli vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss, er glaube nicht, dass Campbell den Geheimdienstbericht verändert habe.
Drei Tage später wurde der 59 Jahre alte Kelly, ein ehemaliger Uno-Waffeninspekteur und Beamter des britischen Verteidigungsministeriums, in der Nähe seines Hauses im südenglischen Abingdon mit aufgeschnittenen Pulsadern tot aufgefunden. Danach hatte Premier Tony Blair die Einsetzung einer Untersuchung unter Vorsitz von Lordrichter Brian Hutton veranlasst, vor dem der BBC-Reporter nun aussagte.
Nach seinem Tod benannte ihn die BBC als Quelle des Rundfunkberichts, in dem sich Gilligan lediglich auf einen ranghohen Regierungsbeamten berufen hatte. Auch Blair und Verteidigungsminister Geoff Hoon sollen zu einem späteren Zeitpunkt vor dem Ausschuss aussagen.
Vor dem Ermittlungsrichter zitierte der Reporter aus seinen Notizen, die er bei seinem Gespräch mit Kelly am 22. Mai, eine Woche vor der Sendung am 29. Mai, aufgezeichnet haben will. Dabei habe der Berater des Verteidigungsministeriums eindeutig darauf verwiesen, dass Campbell den 45-Minuten-Aspekt entgegen den Wünschen der Experten in das Geheimdienstdossier aufgenommen habe. Dies soll Kelly auch der BBC-Journalistin Susan Watts gesagt haben, die noch am Dienstag ebenfalls vor Richter Hutton erscheinen sollte.
Der Selbstmord Kellys hat die Regierung von Blair in die größte Krise seit dem Amtsantritt vor sechs Jahren gestürzt. Der Vertrauensverlust wiegt umso schwerer, als bislang keine Massenvernichtungswaffen in Irak gefunden werden konnten.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH