Von Matthias Streitz, New York
Es ist ein Dienstag nach Feierabend im New Yorker Stadtteil Cobble Hill, als die Gegner des Irak-Einsatzes in die Kirche strömen. "Ich glaube an den Herren" und "Ehre sei Gott" steht auf Schildern an der Balustrade. Nach einer Mahnrede des Pastors nehmen vor der Kanzel die Soldaten-Eltern Platz. Gloria Jackson ist als Zweite an der Reihe. Beinahe bricht sie in Tränen aus.
"Ich will mein Mädchen zurück, ich will bloß mein Mädchen zurück", wehklagt die Mutter, die nur die eine Tochter Anfang 20 hat. Jetzt ist die bei Bagdad stationiert - und der Termin ihrer Rückkehr bleibt ungewiss. Jeden Tag, sagt Gloria, werde sie von Gewissensnöten gequält: "Ich hatte kein Geld fürs College - nur deshalb habe ich mein Kind zur Armee geschickt."
"Militär-Familien wehren sich"
"Bringt die Truppen nach Hause" stand auf den Plakaten, die für die Demo hier in der "Haus des Herren"-Kirche warben. Es sind nicht viele gekommen, maximal 200 - doch TV-Teams aller Lokalkanäle dokumentieren ihren Protest. Der Bürgermeister-Kandidat Charles Barron ist hier, zwei liberale Promi-Juristen und eine Ex-Kongressabgeordnete vom linken Rand der Demokraten.
Kein Querschnitt des Mainstream-Amerikas. Dennoch sendet die Friedensdemo ein Signal: Es ist die erste größere in New York City seit Wochen. Wie hier ist es überall im Lande - kleine, oft gerade gegründete Gruppen wie "Militär-Familien wehren sich" schüren den Protest.
Vier Monate sind vergangen, seit George W. Bush in Armee-Montur auf der USS Lincoln landete und die "größeren Kampfhandlungen" im Irak für beendet erklärte. Vier Monate, in denen die Zahl der tödlichen Angriffe auf US-Soldaten nicht abnahm und in denen die Widerständler, wie beim Anschlag auf die Uno, zunehmend professionell agierten. Jeden Morgen hört Amerika Nachrichten, die immer gleich beginnen: "Im Irak ist erneut ein Soldat ums Leben gekommen." Seit "Kriegsende" sind 140 US-Militärs rund um Basra, Bagdad und Mossul gestorben - mehr als vor Bushs "Top Gun"-Inszenierung.
Sieben von zehn "besorgt" über die Lage im Irak
Amerikas Lokalpresse ist noch immer angefüllt mit Schlagzeilen wie "Heimkehr eines Helden", "Ich würde sofort zurück gehen", oder "Eltern so tapfer wie die Soldaten". Mehr und mehr aber spiegelt das nicht mehr die Stimmung - sie dreht sich langsam doch stetig. Noch immer befänden 53 Prozent der Bürger Bushs Amtsführung für gut, berichtet "Newsweek" nach einer Exklusivumfrage - das aber seien 18 Punkte weniger als im April. 69 Prozent zeigen sich angesichts der Lage im Irak "besorgt".
Unter den politisch Aktiven, den registrierten Wählern, steht erstmals seit Beginn dieser Umfragen vor einem Jahr eine Mehrheit gegen Bushs Wiederwahl. 44 Prozent der Wähler wollen den Präsidenten 2004 ein zweites Mal ins Weiße Haus bringen. 49 Prozent wollen ihn vertreiben.
"Politik des falschen Stolzes"
Von solchen Zahlen beflügelt fasst die Opposition frischen Mut. Die Aktivisten-Gruppen pappen schon lange "Stop Bush"-Sticker an Straßenlaternen. Doch das Establishment der Demokraten schien paralysiert - und wagte nicht, sich dem Feldherrn im Weißen Haus entgegen zu stellen. Der Guerilla-Krieg im Irak und Howard Dean haben das geändert: Ausgerechnet der Außenseiter aus der Veganer-Hochburg Vermont führt das Feld der möglichen Bush-Herausforderer an. Der Ex-Gouverneur mit Slogans wie "Holen wir uns unser Land zurück" hatte bereits im Winter gegen den Irak-Einsatz agitiert, nie an angebliche Achse von Saddam Hussein und al-Qaida geglaubt.
Deans demokratische Rivalen schwenken behutsam auf den kritischen Kurs ein, der bei ihrer Klientel so gut zieht. John Kerry, der im Senat für Bushs Kriegsresolution votierte, warnte am Montag vor einer "Politik des falschen Stolzes". Amerika müsse jetzt andere Nationen um Hilfe im Irak bitten - ohne sie ginge es nicht mehr. "Wenn wir den Frieden gewinnen wollen, brauchen wir internationale Unterstützung", sekundiert auch Möchtegernkandidat Dick Gephardt.
Sperrfeuer von rechts
Fast zeitgleich schart sich auf der Rechten eine Gruppe enttäuschter Falken zusammen - dem Präsidenten droht ein Scharmützel in der eigenen Partei. Senator John McCain, im Vorwahlkampf 1999 Bushs zähester Widersacher, warf der Regierung am Wochenende "erstaunliches Versagen" vor. Es sei offensichtlich, dass im Irak mehr Militärs benötigt würden - mindestens eine ganze Division.
Auch der "Weekly Standard", Leitpostille der konservativen Intelligenz, warnt vor einem Desaster im Irak - die Regierung reagiere "nicht mit der gebotenen Dringlichkeit". Gebraucht würden mehr Soldaten, mehr zivile Helfer, mehr Geld für den Einsatz. Dilemma für Bush: Folgt er dem Rat und baut die Streitmacht aus, könnte er noch mehr Soldaten-Eltern verärgern. Und schon jetzt rechnet Dr. Dean auf seinen Kundgebungen gerne vor, wie viele Schulen man mit Bushs Militär-Milliarden bauen könnte.
"Was ist der Plan B?"
Solchermaßen bedrängt blasen Bushs Getreue seit ein paar Tagen zur PR-Gegenoffensive. "Wenn Amerikaner ein edles Ziel anstreben", beschwor Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice am Montag einen Veteranen-Kongress, "dann halten sie auch durch." 120 Tage seien seit Ende der Kriegskämpfe vergangen, das sei "nicht besonders lang". Pentagon-Chef Donald Rumsfeld behauptete schlicht: "Es wäre ein Fehler zu glauben, dass wir im Irak mehr Truppen brauchen". Bush selbst unterbrach am Dienstag seinen Texas-Urlaub und gelobte, die USA würden nicht im nachlassen im Kampf gegen den Terror.
Eine neue Strategie für den Irak-Einsatz scheint in solchen Reden noch nicht durch - offenkundig ist die Regierung noch auf der Suche. "Was ist der Plan B?", fragt "Newsweek" auf dem Titel seiner aktuellen Ausgabe. Das klare Fazit: Es gebe gar keinen, selbst Plan A sei nicht ausgereift gewesen. Wie Kerry und Gephardt empfiehlt das Magazin, die Uno, die Türken und die Franzosen in den Einsatz einzubinden. Das aber wollen weder die Franzosen noch Rumsfeld.
"Nicht ruhen, bis wir drin sind im Weißen Haus"
Als neuer Heilsbringer soll offenbar der Harvard-Politologe Robert Blackwill wirken - Bush hat ihn im vergangenen Monat in sein nationales Sicherheitsteam beordert. Auch ein Indiz, dass es intern rumort in der Administration, trotz aller Durchhalteparolen nach draußen. Der Professor steht vor imposant komplexen Aufgaben: Er soll zwischen den Neokonservativen und den Powell-Internationalisten vermitteln, neue Konzepte für den Irak ausfeilen - und zugleich für Afghanistan, wo sich die Taliban mit einer Terror-Welle zurückgemeldet haben und den Unmut an der US-Heimatfront mehren.
Hier in Cobble Hill, bei der Versammlung im "Haus des Herren", sind inzwischen die Tränen der Wut gewichen. Larry Holmes ist an die Kanzel getreten, ein Redner der pazifistischen Gruppe "International Answer". Der Laie predigt mit Inbrunst, als wäre er der wahre Pastor im Saal. Es habe nicht nur einen Stromausfall in Amerika gegeben, ruft er - auch die Friedensbewegung habe seit Kriegsbeginn "all ihre Energie verloren". Das ändere sich jetzt, stachelt er sein Publikum an. "Wir dürfen nicht ruhen, bis wir drin sind im Weißen Haus - und Bush und seine Leute draußen."
Warten auf die Massen
Wie viel davon Rhetorik ist und wie viel glaubhaft, dürfte sich beim "Marsch der Massen" erweisen - der geplante Großumzug in Washington könnte zur ersten, ernsten Prüfung der "Bringt-die-Truppen-heim"-Bewegung werden. Vor der Kirche steht ein Dutzend Aktivisten, das mit Flugblättern dafür wirbt. Answer, kritische Veteranen, Soldaten-Eltern, einige Sozialisten - viele rufen zur Teilnahme auf. Wollen sie vom Rand der Gesellschaft in den Mainstream rücken, müssen sie Hunderttausende mobilisieren.
Bis zur "Massen-Marsch" bleibt allerdings Zeit - er ist für den 25. Oktober angesetzt. In der Ecke eines Flugblattes steht ein dazu passendes Zitat Donald Rumsfelds: "Werden noch mehr Leute getötet werden? Darauf können Sie wetten."
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