Von Fritjof Meyer, Aralsk
Das kleine Mädchen hatte erst hohes Fieber, ihm wurde übel. Dann bildeten sich schwarze Eiterbeulen auf der Haut. In der Nacht zum 16. August starb die Vierjährige. Im Krankenhaus von Aralsk in Kasachstan diagnostizierten die Ärzte eine Tröpfcheninfektion mit Pasteurella pestis, also schlicht durch Einatmen. In der Sterbeurkunde steht als Todesursache: Pest.
Die 18 Personen, die mit der Kleinen in Berührung gekommen waren, wurden unter Quarantäne gestellt, die Einwohner von Aralsk und auch das Vieh geimpft. Ärzte kontrollieren die Passagiere auf dem Flughafen Kyzyl Orda auf verdächtige Symptome.
Die kasachische Regierung versuchte den Fall geheim zu halten. Dabei ist der Ausbruch kein Einzelfall: In Mittelasien hat man die Seuche schon öfter registriert. Zu Sowjetzeiten soll es in der Umgebung von Aral-See und Kaspischem Meer jedes Jahr etwa ein Dutzend Pesttote gegeben haben. Diesmal aber liegt der Fall wahrscheinlich anders.
Der Tod des Kindes deutet auf eine andere Ursache als Armut, Schmutz und ungenügende medizinische Versorgung hin: Aralsk war lange Zeit eine Fischersiedlung am Rande des Aral-Sees, einem Binnenmeer 120-mal so groß wie der Bodensee. In dessen Mitte, 240 Kilometer von Aralsk entfernt, liegt die Insel Woroschdenije. Dort betrieb die Sowjetregierung ihr größtes Biowaffen-Laboratorium.
Seit 1959 entwickelte die hochgeheime "Einheit 2548" Massenvernichtungsmittel mit Bakterien. Karatjan Alibekow, der über Pestkampfstoffe promoviert hatte, unternahm auf dem Eiland Experimente mit Affen: Wie sie auf Pocken, Milzbrand und andere Bazillen reagierten - und auf Pesterreger. 1987 wurde Alibekow Vizechef des sowjetischen B-Waffenprogramms. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR ging er in die USA, wo er weiterforschte. 1991 fiel das Gebiet der Aral-See an die anliegende frühere Sowjetrepublik Kasachstan und im Süden an Usbekistan. Die Grenze läuft heute quer über den Aral und durch die Insel.
Experimente haben seither nicht mehr stattgefunden. Russlands Präsident Boris Jelzin versprach den Abbau des Labors, eine Dekontaminierung des Bodens und die Aushändigung einschlägiger Unterlagen an die Regierungen von Kasachstan und Usbekistan. Die gefährlichen Bakterienstämme wurden mit Chlorkalk versetzt und in Zink-Container vergraben. Sie liegen dicht unter der Erdoberfläche - und das Metall zerfällt bereits. Die zugesagten Dokumente über Art, Umfang und Lagerung hat Moskau nach dem Einspruch der Militärs aus Gründen der Geheimhaltung nicht herausgegeben.
Auf Verlangen der usbekischen Regierung untersuchten mehrfach amerikanische Experten in Schutzanzügen die Insel. Sie sollen sich auch um eine Entgiftung bemüht, die Arbeiten aber nicht abgeschlossen haben. Sie erkannten, dass Ratten, Kriechtiere und auch Vögel die Killer-Bakterien weitertransportierten - und bald auch über eine Landbrücke verfügen: Denn die mörderische Insel wächst, sie ist jetzt zehnmal so groß wie zu Sowjetzeiten, nämlich 2000 Quadratkilometer. Als Folge der Bewässerung des umliegenden Steppenlandes zur landwirtschaftlichen Nutzung trocknet der Aral aus. Er ist bereits um 80 Prozent geschrumpft.
Die Anlieger sind offiziell nicht über die Gefahr unterrichtet worden, melden aber sehr hohe Krebserkrankungsraten und viele Missgeburten. 1991 brach eine Pestepidemie aus, 1999 erlitt ein Neunjähriger beim früheren Hafen Munak - heute weitab vom Wasser - den schwarzen Tod.
Doch nicht nur Zugvögel könnten die furchtbaren Erreger in andere Regionen tragen: Eine viel größere Katastrophe würde drohen, wenn es Terroristen gelänge, die Container auszugraben. Über die technischen und finanziellen Mittel für eine Verwendung als Massenvernichtungswaffe verfügt die "Islamische Bewegung für Usbekistan", eine Untergrundtruppe mit besten Beziehungen zu Osama Bin Laden. Sie möchte alle postsowjetischen Regierungen in Mittelasien stürzen, die zumeist von den alten Parteichefs der KPdSU geleitet werden und nach einem Bündnis mit den USA streben. Die Islamisten-Gruppe steht auf der US-Liste der für die Welt gefährlichsten Terrororganisationen.
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