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08.09.2003
 

Terrornest Südafghanistan

Treibjagd auf die Taliban

Aus Kandahar berichtet Matthias Gebauer

Die Taliban kehren zurück. Sie schleichen über steinige Gebirgspfade nach Afghanistan. Mit der "Operation Mount Viper" versuchen die US-Streitkräfte die wieder erstarkten Gotteskrieger zu vertreiben. Auf Hilfe aus der Bevölkerung dürfen sie nicht hoffen. Die Taliban bringen jeden um, der die "Ungläubigen" unterstützt.

US-Soldaten auf Talibanjagd: Der Feind sucht den Schutz der Dunkelheit
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US-Soldaten auf Talibanjagd: Der Feind sucht den Schutz der Dunkelheit

Als die vier "Black-Hawk"-Hubschrauber im Morgengrauen zur Landung ansetzen, füllt sich das Tal in der südafghanischen Region Dai Chopan mit dichten Wolken aus Staub. Rund um die Maschinen biegen sich die Mandelbäume. Die Esel auf den Feldern suchen das Weite. Nach wenigen Minuten ist das ohrenbetäubende Rattern der Rotoren vorbei. Die mattschwarzen Helikopter heben ab und sausen über die Berge zurück zur US-Basis nach Kandahar.

In den festgetrockneten Bodenfurchen des Tals bleiben Dutzende von US-Soldaten des 22. Infanterie-Regiments mit ihren entsicherten M-16-Gewehren liegen. Erst nach Minuten legt sich der Staub langsam und die Kämpfer bekommen klare Sicht. Mit Ferngläsern spähen sie die bis zu 3500 Meter hohen Gebirgszüge aus. Dann schleichen sie geduckt in ihr provisorisches Lager, das unter Baumkronen versteckt und von weiteren Dutzenden Soldaten bewacht ist.

Die Jäger haben sich der Beute angepasst

Tagsüber brauchen die US-Soldaten den Feind kaum zu suchen. Sie wissen, dass sich die bewaffneten Taliban in Südafghanistan gern im Schutze der Dunkelheit bewegen. Erst dann suchen sie ihre Waffenverstecke auf oder steigen hinab in die Dörfer, um die Einwohner von ihrer Sache zu begeistern. Im Kampf gegen die vermeintlich Besiegten haben sich die Jäger ihrer Beute angepasst. Fast den ganzen Tag suchen die Männer mit den beigen Camouflage-Uniformen unter den Bäumen Deckung und Schutz vor der gleißenden Sonne. Erst als die Sonne untergeht, begeben sich die Soldaten mit Nachtsichtgeräten auf die Suche.

Das Tal in Dai Chopan ist nur einer von zahlreichen kleinen Schauplätzen in der neuen Kampfzone in Südafghanistan. Überall in der Region Zabul und weiter südlich fanden in den vergangenen Tage ähnliche Missionen statt. In der groß angelegten Operation "Mount Viper" ringt die Supermacht seit mehr als einer Woche mit denen, die sie im Anti-Terror-Krieg scheinbar rasend schnell aus den Machtpositionen Afghanistans vertrieben hatte - den Taliban. Zum Einsatz kommen mehrere hundert Soldaten, Bomber und Einheiten der afghanischen Armee.

Der Süden droht erneut abzudriften

Afghanen, US-Soldaten: Wer den "Ungläubigen" hilft, wird von den Taliban ermordet
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Afghanen, US-Soldaten: Wer den "Ungläubigen" hilft, wird von den Taliban ermordet

Drei US-Soldaten haben die Kämpfer der wieder erstarkten Taliban in dieser Zeit bereits getötet. Vor allem aber haben die Kämpfe das von den USA gern verbreitete Bild eines befriedeten Afghanistans, das im Juni 2004 seinen ersten frei gewählten Präsidenten küren soll, mehr als in Frage gestellt. So, wie die Taliban nach dem Einmarsch der Amerikaner plötzlich verschwanden, tauchen sie nun aus dem Nichts wieder auf.

Mit kraftvollen Auftritten werben die Zöglinge von Osama Bin Ladens Weggefährten Mullah Omar für die Rückkehr zu einem Gottesstaat. Mit spontanen Besetzungen von Polizeistationen oder Schulen zeigen sie, dass sie außerhalb der von den USA bewachten Stadt Kandahar über erhebliche Macht verfügen. Wie viele Männer die Taliban wieder oder noch unter Waffen haben, vermag niemand zu sagen. Doch schon jetzt fürchten Pessimisten, dass der Kabuler Regierung von Hamid Karzai der Süden des Landes entgleiten und erneut in die Hand der Taliban fallen könnte.

Acht Tage auf der Jagd

Für die Region Dai Chupan ist die Operation "Mount Viper" seit Sonntag beinahe abgeschlossen. "In dieser Region sind kaum noch Taliban-Kämpfer", sagt der US-Captain Toby Moore stolz. Es war kein schneller Sieg. Acht Tage lang hat Moore mit seinen Männern das gesamte Tal von der Fläche einer deutschen Großstadt abgesucht. Fast jeden der Berghänge hat sein "Mountin"-Squad in glühender Hitze bestiegen. Nun dösen sie mit ihren verbrannten Nasen und müden Beinen unter den Bäumen, während der Nachschub weiter auf Patrouille geht.

Captain Moores US-Truppe in Aktion: Taliban erfolgreich vertrieben
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Captain Moores US-Truppe in Aktion: Taliban erfolgreich vertrieben

Für Moore war der Einsatz in dem Tal ein Erfolg, auch wenn seine Männer in der Woche nur einmal kurz "Feindberührung" hatten. Zwei Männer haben sie dabei wahrscheinlich getötet, drei festgenommen. Anfang vergangener Woche hatte Moore Hinweise von den stets präsenten "Special Forces" bekommen, dass sich in dem Tal etwa 150 Taliban zurückgezogen haben und es außerdem als Versteck für Waffen und Nachschub nutzten. Mit seinen Patrouillen habe er sie in die Enge getrieben, glaubt er. Am einzigen Ausgang des Tales im Süden nahm schließlich eine andere Gruppe der US-Armee Dutzende Bewaffnete fest. Weiter südlich, in der Nähe von Dai Chupan, bietet sich ein ähnliches Bild. Afghanischen Soldaten passten am Wochenende fliehende Taliban ab. Unter ihnen der Taliban-Kommandeur Mullah Abdul Salaam. Der Militärführer wurde sofort nach Kandahar gebracht. Dort soll er den Amerikanern mehr über die Taktik seiner Mitkämpfer erzählen.

Die Taktik des Infanteristen Moore skizziert die gesamte Operation "Mount Viper". Mit Präsenz am Boden treiben die USA den Feind vor sich her. Mit gezielten Luftattacken töteten sie in den letzten Wochen mehr als 80 Taliban-Kämpfer. Nach und nach versuchen die Amerikaner mit Hilfe der afghanischen Armee in einer Art Katz- und Mausspiel, die Taliban wieder in die Grenzregion zu Pakistan zurück zu drängen. Nach dem scheinbar schnellen Sieg gegen die Gotteskrieger wurden diese Regionen nie wirklich erobert oder durchsucht - eine Taktik, die sich zu rächen droht. In Pakistan selber weigert sich die Regierung seit je her, der Rekrutierung von Kriegern ein Ende zu bereiten.

Spuren der Gotteskrieger

Im Tal von Dai Chupan haben die Taliban ihre Spuren in den Köpfen der Menschen hinterlassen. Die Bewohner zögern über die Gotteskrieger zu reden. Sie haben Angst. Da die amerikanischen Soldaten in dem großen und schwer zugänglichen Gebiet nicht dauerhaft präsent sind, können die Taliban jederzeit wiederkommen. Zwar sind die meisten von ihnen für Medikamente und jede andere Hilfe der US-Truppen dankbar. Doch sie wissen: Die Taliban werden sie für diesen Beweis ihrer Kooperation mit den Ungläubigen bestrafen.

"Die Menschen sind in einer schwierigen Situation", gesteht auch Captain Moore ein, "doch wir versuchen ihnen klar zu machen, dass sie uns vertrauen müssen". Wieder einmal in der langen Kriegsgeschichte von Afghanistan stehen sie zwischen den Fronten der Kriegsparteien, von denen keine eine freie Wahl lässt. So wollen die Männer von Captain Moore bei jedem Besuch in den Dörfern Hinweise auf die Verstecke der Taliban in den Bergen. Die Taliban hingegen drohen jedem, der sie verrät, mit dem Tod.

"night letters" warnen die Dorfbewohner

Erst vor einem Monat zeigten die Taliban, wie gut ihre Drohmaschine funktioniert. Als in einem US-Magazin ein Foto eines mit US-Soldaten reisenden afghanischen Dolmetschers erschien, jagten Taliban-Kämpfer den jungen Mann. Neben seiner geschundenen Leiche hinterließen sie eine schriftliche Warnung an alle anderen, "die den Ungläubigen helfen". Ähnliche Drohungen, die mittlerweile als "night letters" bekannt sind, hinterlassen sie oft auch in den Ortschaften, die sie durchstreifen.

US-Truppen werden per Helikopter in abgeschiedene Täler gebracht
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US-Truppen werden per Helikopter in abgeschiedene Täler gebracht

Für ihre Popularität wissen die Taliban die Schwäche der Nationalregierung zu nutzen. Immer wieder erinnern sie daran, wie sicher Afghanistan unter ihrer Herrschaft und der eisernen Auslegung des Korans war. Nun ziehen Banditen durch die Bergtäler. Sie rauben den Einwohnern das Letzte, was sie noch besitzen. Bei jedem Raub geht auch ein Stück Vertrauen in die um fernen Kabul agierende Regierung verloren.

Daran wird auch der Aufenthalt der US-Suchtrupps nichts ändern, denn so schnell, wie die Amerikaner kommen, gehen sie auch wieder. So werden die Menschen in dem kleinen Ort Jimahatkhel in dieser Nacht zum letzten Mal um vier Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen. Die Erde bebt von den Detonationen der acht Granaten, die mit Leuchtmunition die Berge ein letztes Mal ausleuchten. Doch im fahlen Licht der Munition ist kein Taliban-Kämpfer zu sehen. Rund eine Stunde später versinkt das Tal wieder im von den Hubschraubern aufgewirbelten Staub. Captain Moore und seine Männer ziehen auf ihrer Taliban-Jagd weiter nach Süden. Die Treibjagd geht weiter.

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