Von Matthias Gebauer, Laschgarga
Laschkagar - Es war früher Morgen, als die bärtigen Männer auf 15 Motorrädern in das Dorf einritten. Als sie die kleine Polizeistation von Jani Kehl in der Provinz Paktia erreichten, eröffneten sie sofort das Feuer. Die Polizisten hielten nicht lange dagegen. "Die Magazine waren rasch leer geschossen", sagt Polizeichef Doulat Khan, "die angeforderte Nachschubmunition noch nicht gekommen". In aller Ruhe zündeten die Taliban das Polizeirevier an. Auf ihren Mopeds drehten sie triumphierend einige Runden im Hof und verschwanden.
Der Überfall vom vergangenen Samstag zeigt geradezu symbolisch das Muster des neuen Kriegs im Süden Afghanistans. Auf der einen Seite kämpfen die Guerilla-Trupps der wieder erstarkten Taliban, die mit ihren fast täglichen Attacken auf Schulen, Polizeistationen oder auf Mitarbeiter von internationalen Hilfsorganisationen die Autorität der Kabul-Regierung schwächen wollen. Auf der anderen Seite stehen hilflose und vor allem mittellose Soldaten oder Polizisten des Übergangspräsidenten Hamid Karzai.
Auferstehung der Gotteskrieger
Rund einen Monat dauert der neue Krieg bereits, und schon jetzt haben sich die wieder auferstandenen Kämpfer in Afghanistan und anderen Ländern der muslimischen Welt reichlich Respekt verschafft. Den Gotteskriegern geht es bisher nicht so sehr um einen Flächenkampf als vielmehr um die Vermittlung einer Nachricht: Wir sind zurück, und weder die Zentralregierung noch die USA kann uns stoppen.
Seit die Gewalt zurückkehrte, ist Militärkommandeur Khan Mohammed wieder an der Front. In Kandahar befehligt er mehrere hundert Soldaten der "Afghan Militia Forces", kurz AMF genannt. Jeden Tag suchen seine Männer in den Bergen nach Taliban. Bisher aber haben sie nicht vielmehr als eine Handvoll Korankämpfer und ab und an ein Waffenlager gefunden. "Die Taliban sind genauso schnell verschwunden, wie sie auftauchen", beschreibt er die Guerilla-Taktik.
Alles was seine Männer können, ist den Feinden hinterher zu laufen. Seine Soldaten werden weder aus Kabul bezahlt, noch sind sie gut ausgerüstet. Am Ende müssen sie die USA um Hilfe rufen. Als die Taliban vor etwa einem Monat die Provinz Dai Chupan unter ihre Kontrolle gebracht hatten, griff die Großmacht ein. Mit Luftattacken unterstützten sie die Afghanen, die am Boden kämpften. Rund 200 Taliban wurden getötet. "Mit Hilfe der USA haben wir den Feind besiegt", sagt Khan Mohammed, "doch sie werden nicht aufgeben."
Wann wechseln die Soldaten wieder die Seite?
Männer wie Khan Mohammed sind stolze Krieger. Trotzdem überschätzt er die Kraft seiner Truppe nicht. "Wenn die Amerikaner hier abziehen, werden wir den Kampf schnell verlieren", glaubt er. Zudem muss er ständig damit rechnen, dass sich die eigenen Männer über Nacht dem Feind anschließen könnten. Nach mehr als 20 Jahren Krieg gehört das Gespür für den richtigen Zeitpunkt eines Seitenwechsels zu den lebensnotwendigen Instinkten eines jeden Soldaten.
Erklärtes Ziel des neuen Krieges ist das Ende der Besetzung durch die Ungläubigen. Im Hintergrund wirken alte Bekannte: Im Juni 2003 soll Mullah Omar auf einer Shura, einer religiösen Versammlung der Fundamentalisten, die neue Doktrin ausgerufen haben. Der legendäre Taliban, ehemaliger Regierungschef, enger Vertrauter von Terror-Chef Osama Bin Laden und auf einem Auge erblindet, gilt sowohl in afghanischen als auch in westlichen Geheimdienstkreisen noch immer als aktiver Führer der Gotteskrieger.
Die Überlegungen Omars sind so schlicht wie schlüssig: Wenn die USA aus dem Land abgezogen seien, komme erneut die Zeit für die Taliban. Bis dahin sollen seine Kämpfer alles tun, um den Krieg gegen den Terror so teuer wie möglich zu machen. Nur zu gut können sich die Strategen daran erinnern, wie sie die Russen in den 80er Jahren mit blutiger Guerilla-Taktik zum Abzug genötigt hatten.
Terror ist billig
Noch haben die Taliban Angst. Erst nach langen Verhandlungen über Mittelsmänner stimmte einer ihrer Kommandeure vergangene Woche einem Treffen in der Provinz Helmand zu. Wie sein Führer Omar will er nicht fotografiert werden. Der Ort des Treffens nahe der Provinzhauptstadt Laschkagar bleibt bis zuletzt geheim. Als der Mann mit den leuchtend blauen Augen unterhalb seines akkurat gewickelten Turban schließlich erscheint, postiert er einen Wächter stets an seiner Seite. "Noch müssen wir uns fürchten", sagt er, "doch nicht mehr lange."
Der Kämpfer nennt sich nur Mullah Ismail, eine Art nom de guerre. Er liebt blumige Bilder. "Die USA sind ein Elefant, und wir sind die Moskitos", sagt er. Schon bald würden sie an Malaria sterben. Danach bringt Ismail die Argumente, die nicht nur verblendete Fundamentalisten überzeugen könnten. "Mit der neuen Regierung hat sich nichts verbessert. Das Land wird von Warlords regiert, es gibt Verbrechen und von Wiederaufbau ist keine Spur", sagt er mit zufriedener Miene. Erst mit den Taliban werde sich schnell vieles zum Besseren wenden. Wie vor ihrer Machtübernahme im Jahr 1996 versprechen Mullah Omar und seine Krieger vor allem Sicherheit.
Für die Karzai-Regierung hat Mullah Ismail kaum mehr als Spott übrig. "Als wir die Macht ergriffen, wussten wir zehn Tage vorher, was passieren wird", sagt er, "sie wussten es nicht mal zehn Monate später." Viel verrät der Kämpfer nicht. Schon zu ihren Regierungszeiten war Geheimnistuerei eine der wichtigsten Taktiken der Taliban. Niemand wusste wirklich, wer die Führer waren und wo sich die Treffen der Kämpfer abspielten. Ähnlich ist es heute. Zwar gestehen viele von den Karzai-Truppen gefangene Verdächtige alles, was sie wissen. Meist aber kennen sie auch nur einen der Sub-Kommandeure und mehr nicht.
Um Nachwuchs müssen sich die Taliban laut Mullah Ismail keine Sorgen machen. "Wir werden mit jedem Tag mehr", sagt er. Außerdem konnten viele ihrer Kämpfer nach dem Machtwechsel untertauchen. Als Ausbildungsstätte und Rückzugsbasis dient den Taliban dabei vor allem die Grenzregion zu Pakistan. Nicht nur Ismail weiß, dass in den unzähligen Madrassas - eigentlich religiöse Schulen für das Koranstudium - jede Menge junger Kämpfer heran wachsen.
Statt auf Details der Rekrutierung einzugehen, lobt Kämpfer Mullah Ismail lieber das bisher Geleistete. "Wir haben die Regierung bereits jetzt destabilisiert", sagt er. Die USA mit ihrer großen Militärmaschine könnten die Guerillas nicht stoppen. Während eine Terror-Attacke mit einer Landmine oder einigen Fußsoldaten nur wenige hundert Dollar koste, müssten die USA Flugzeuge starten lassen und Millionen für den Kampf ausgeben, so seine pragmatische Einschätzung.
Opium als Sold
Für die nahe Zukunft haben die Taliban schon eine Vision parat: Schon bald würde die Großmacht vor der Entscheidung stehen, entweder ihre Präsenz zu verstärken oder das Land erneut den Taliban zu überlassen. Mit Wohlwollen beobachten die Korankrieger deshalb auch die andauernden Kämpfe im Irak. Selbstbewusst tönt Mullah Ismail, die USA sollten sich doch einige Auslandseinsätze mehr leisten.
In den Provinzen rund um Kandahar fürchten die Sicherheitsorgane der Zentralregierung einen möglichen Abzug schon heute. "Es würde keine zwei Stunden dauern und ich würde nicht mehr hier sitzen", sagt der Sicherheitschef von Helmand, der in Laschkagar seine Basis hat. Haji Amanullah sitzt in einem schäbigen Büro hinter einem auseinander fallenden Schreibtisch, auf dem ein Militärtelefon aus der Zeit der russischen Besetzer steht. Das obligatorische Bild seines Präsidenten Hamid Karzai, und die Plastikblumen daneben haben auch bessere Tage gesehen.
Dass Amanullah und seine rund 100 Männer für die ganze Provinz aus Kabul seit Monaten keinen Lohn bekommen, ist für den Sicherheitschef schon normal. Die kleine Polizeistation, in deren Hof eine Marihuana-Pflanze blüht, hat er aus eigener Tasche möbliert. Solange die Kabul-Regierung ihre eigenen Leute nicht besser ausstatten kann, scheint nicht nur der Kampf gegen die Taliban aussichtslos. Amanullah jedenfalls baut für seinen Lebensunterhalt Opium an, das er Gästen gern als Geschenk mitgibt.
Der Teufelskreis der Taliban-Taktik
In der ebenfalls in Helmand gelegenen Kleinstadt Grisk ist zu sehen, dass der Kampf gegen die Taliban nicht nur ein militärischer ist. "Über 70 Prozent der Menschen hier sympathisieren mit den alten Machthabern", sagt der Polizeichef Baudur. Viele von ihnen seien von der Zentralregierung enttäuscht, da der versprochene Wiederaufbau des Landes den Ort nicht erreicht habe. Der Teufelskreis funktioniert bestens: Nachdem die Gotteskrieger mehrere Anschläge verübt haben, sind auch die letzten westlichen Helfer abgezogen.
Immer wieder finden die Polizisten an Moscheen und öffentlichen Plätzen Briefe der Taliban, so genannte "night letters". "Sie schreiben, dass sie das Land aufbauen, wenn sie wieder an der Macht sind", sagt Baudur, "und dass sie die Sicherheit wieder herstellen." Dass diese Angebote für viele Einwohner Grisks attraktiv sind, wundert den Polizeichef nicht. "Wir können den Kampf nur gewinnen, wenn Kabul uns besser unterstützt", glaubt er.
Auf mehr Unterstützung aus Washington hofft der Polizeichef vorerst nicht mehr. "Erst müsste wieder ein Anschlag wie am 11. September passieren", sagt er ironisch, "vorher werden die USA wohl nicht aufwachen und merken, wie die Terroristen Afghanistan wieder unter ihre Kontrolle bringen." Baudur spricht aus eigener Erfahrung. Als die Taliban Mitte der 90er die Macht übernommen hatten, habe ja auch niemand geholfen. "So bösartig es sich anhört", sagt er, "doch im Kampf gegen die Taliban war der 11. September ein Glücksfall."
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