Von Yassin Musharbash, Istanbul
Istanbul - Mit Klebeband und Schnüren oder sogar an Fleischerhaken befestigt hängt die rot-weiße türkische Staatsflagge mittlerweile an vielen Schaufenstern und Haustüren in der türkischen Metropole am Bosporus. Die Flaggen sind ein Zeichen der Solidarität mit den Opfern der Anschläge vom Donnerstagmorgen. Sie stehen aber auch für den Willen der Türken, sich dem Terror nicht zu beugen. Tausende Menschen kamen heute in Istanbul und anderen großen Städten der Türkei zusammen, um dies zu bekunden. Ein duldsames Mitglied der US-geführten Anti-Terrorkoalition wollen die Demonstranten jedoch auf keinen Fall werden. Sie protestierten deshalb nicht nur gegen die Islamisten, sondern zugleich auch gegen die eigene Regierung, die enge Beziehungen zu Israel unterhält und gegen die Nahost-Politik der USA. "Ich bin gekommen, um gegen den Mord an vielen Unschuldigen zu protestieren", sagt der 42 Jahre alte Ingenieur Seyit Orkun, der einem Aufruf seiner Gewerkschaft gefolgt ist, heute in Istanbul auf die Strasse zu gehen. "Aber wir wollen auch klar machen, dass es kein Widerspruch ist, zugleich gegen die USA und gegen den Terror zu demonstrieren." Denselben Grundgedanken bringt die kommunistische Partei, die zahlreich vertreten ist, noch drastischer zum Ausdruck: "Killer" steht auf all ihren Plakaten, die abwechselnd Osama Bin Laden, George W. Bush, den britischen Premier Tony Blair sowie den israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon und seinen türkischen Amtskollegen Rageb Tayip Erdogan zeigen. Lautstark skandieren die Kommunisten Anti-USA-Slogans, während sie durch die Fußgängerzone ziehen, um sich am zentral gelegenen Taksim-Platz schließlich der Großdemonstration anzuschließen. "Die USA? Der größte Terrorist" "Der größte Terrorist, das sind doch die USA selbst", sagt auch die 25-jährige Rechtsanwältin Savinc, die mit Mitstreiterinnen und Mitstreitern einer humanitären Nichtregierungsorganisation an der Kundgebung teilnimmt. "Ich bin gegen den Imperialismus der USA. Und das ist, neben der Trauer um die Toten, für mich ein Grund, heute hier zu sein."Keine Verbrüderung also zwischen Türken und Amerikanern wegen der gemeinsamen Erfahrung, Opfer islamistischer Anschläge geworden zu sein.In den Augen der Demonstranten, die vor allem den linken, demokratischen und laizistischen Teil der türkischen Gesellschaft repräsentieren, gibt es einen engen Zusammenhang zwischen dem Vorgehen der USA im Nahen und Mittleren Osten und dem Ansteigen terroristischer Anschläge weltweit. Noch ist unklar, welchen Kurs der türkische Premier Erdogan nach den Anschlägen einschlagen wird, der eine konservativ-muslimische Partei vertritt: ob er die Bindungen an die USA noch vertiefen oder dem Bedürfnis vieler seiner Landsleute nach einem eigenen, türkischen Weg angesichts der terroristischen Bedrohung nachgeben wird. Die Demonstranten können jedenfalls nichts mit dem "Entweder mit uns, oder gegen uns"-Diktum des amerikanischen Präsidenten anfangen. Da müssten die USA zuvor schon ihre Politik ändern, meint Rechtsanwältin Sevinc. Anderenfalls sei jede Unterstützung für die USA schizophren. Victory-Zeichen und gereckte Fäuste "Wir kannten al-Qaida vor den Kriegen in Afghanistan und im Irak gar nicht", meint der 25-jährige Geschichtsstudent Baris Alt. Er hält die USAfür mitverantwortlich an den Anschlägen der islamistischen Internationale, deren Terrorschläge eine Reaktion darauf seien. "Die Linke", sagt Alt, "hat jetzt die Aufgabe, alternative Herangehensweisen aufzuzeigen." Gewalt, "die bevorzugte Methode der USA", sei eine schlechte Wahl. Frieden, Gerechtigkeit und Demokratie sind die Ideale, für die Alt heute demonstriert. Öffentlich würden die USA in der Türkei zwar kaum angegriffen, sagt Alt, aber die Mehrheit denke wie er und seine Freunde, ist er sich sicher. Tatsächlich ist es auch auf dieser Kundgebung so, dass die Plakate und Sprechchöre der Teilnehmer hinsichtlich der USA eine eindeutigere Sprache sprechen als die Redner auf dem tribünenartigen Podest. Als später eine Schweigeminute für die Getöteten abgehalten wird, kehrt für einen Moment deutlich sichtbar die Erinnerung an die schrecklichen Bilder vom Donnerstag in die Gesichter zurück. Stumm heben viele die Hand und spreizen die Finger zum Victory-Zeichen. Andere recken die Faust zum Gruß. Die Kundgebung endet mit einem lautstarken Bekenntnis zur Demokratie. Dann zerstreut sich die Menge. Der eine oder andere macht sich noch auf den Weg zur Beerdigung eines beliebten Theaterschauspielers, der bei den Anschlägen ums Leben kann. Zurück bleiben ein paar Flaggenverkäufer, die ihre Ware nicht losgeworden sind.
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