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23.12.2003
 

Taliban-Terror

Afghanistans Helfer in Not

Mordanschläge, Terrorübergriffe und ein Rückgang der Spenden machen den Hilfsorganisationen in Afghanistan zu schaffen. Viele ziehen sich zurück, Lebensmittel können nicht mehr verteilt werden, besonders in den ärmsten Gegenden. Unter den Notleidenden finden die Fundamentalisten willige Rekruten.

Afghanistan: Ein Flüchtling hilft beim Ausladen von Hilfsgütern der Unicef
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DPA

Afghanistan: Ein Flüchtling hilft beim Ausladen von Hilfsgütern der Unicef

Hamburg/Kabul - "Feinde des Staates" machte ein Sprecher des Innenministeriums in Kabul für den jüngsten Anschlag in der afghanischen Hauptstadt verantwortlich. Eine Rakete hatte am Sonntagabend in ein Wohnhaus im Norden Kabuls eingeschlagen. Fensterscheiben zerbarsten, in die Decke wurde ein Loch gerissen. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Auch an anderen Orten der Metropole kam es zu Detonationen. Bei der Explosion eines Sprengsatzes im Osten Afghanistans wurden vier afghanische Soldaten getötet. Während der Beratungen der Loja Dschirga, der verfassungsgebenden Versammlung, werde es in Afghanistan verstärkt Angriffe geben, hatten die radikal-islamischen Taliban und die mit ihnen verbündeten muslimischen Extremisten gedroht.

Die Taliban haben es aber schon lange nicht mehr nur auf die alliierten Soldaten, sondern zunehmend auch auf die internationalen Helfer abgesehen, die nun zunehmend vor dem Terror zurückweichen. Bis zu einem Drittel des Landes werden deshalb inzwischen als "no go areas" bezeichnet - Gegenden vor allem im Süden und Osten Afghanistans, die nur schwer zugänglich sind. Seit Anfang des Jahres seien schon 13 Mitarbeiter von Hilfsorganisationen getötet worden, berichtet Nick Downie, Sicherheitskoordinator der Helfer für Afghanistan. "In vielen Gebieten können Hilfsorganisationen nicht mehr arbeiten", berichtet Downie.

Nach Angaben des Welternährungsprogramms (WFP) konnten im November in den südostafghanischen Provinzen Ghasni und Paktika 40 Prozent der geplanten Lebensmittel nicht verteilt werden. Im Osten, besonders an der Grenze zu Pakistan, seien im vergangenen Monat 52 Prozent der Hilfebedürftigen nicht erreicht worden, im Süden seien es 37 Prozent gewesen, sagt WFP-Sprecher Maarten Roest. "Die unsichersten Gegenden sind meist auch die, die am schlimmsten von Armut getroffen sind."

Die islamistischen Terroristen hoffen mit ihren Attacken wie im Irak auf einen Abzug der westlichen Helfer. Sie haben mit dieser Strategie offenbar Erfolg. Die Uno reagierte auf die Ermordung einer Mitarbeiterin bereits mit der Evakuierung ihrer Mitarbeiter aus dem Süden und Osten des Landes. Ärzte ohne Grenzen kündigte an, sich aus einem Flüchtlingslager in Kandahar zurückzuziehen.

Zeitgleich hat die Spendenbereitschaft für Afghanistan stark nachgelassen. So hatte Unicef Deutschland im Herbst 2001 knapp acht Millionen Euro erhalten. Im vergangenen Jahr waren es noch vier Millionen, in diesem Jahr aber nur noch 400.000 Euro. "Das Land verschwindet aus den Schlagzeilen", erklärt Rudi Tarneden vom deutschen Komitee des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen den Rückgang. Ähnlich sehen es andere deutsche Hilfsorganisationen. Die Not sei "aus den Köpfen der Menschen verschwunden", sagte Christian Funken vom Komitee Cap Anamur gegenüber SPIEGEL ONLINE. Das überwiegend sichere Kabul werde als "Synonym für ganz Afghanistan missverstanden". Dabei sehe es in weiten Teilen des Landes anders aus.

Kabul: Kinder holen sich Weihnachtsgeschenke von kanadischen Truppen ab
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AP

Kabul: Kinder holen sich Weihnachtsgeschenke von kanadischen Truppen ab

Ein völliger Abzug der internationalen Hilfsorganisationen wäre für die Regierung von Hamid Karzai eine Katastrophe. "Wenn die Menschen alleine gelassen werden, werden sie sich den Terroristen zuwenden", warnt Stefan Recker von der Deutschen Welthungerhilfe in Kundus. Die Rebellen führten längst auch einen Kampf um die Herzen der Bevölkerung. Sie brächten Ärzte in Dörfer, wo sich die Bewohner im Stich gelassen fühlen, und verschenken dort auch schon mal eine Ziege.

Wegen der deutlich verschlechterten Sicherheitslage kündigten die US-Streitkräfte am Wochenende an, in diesen Regionen mehrere neue Stützpunkte zu eröffnen. Die Ausweitung dieser regionalen Wiederaufbauteams werde nicht nur die Sicherheit verbessern, sondern auch den Wiederaufbau beschleunigen, sagte der neue US-Kommandeur in Afghanistan, General David Barno.

Die Zahl der Wiederaufbauteams soll bis März kommenden Jahres von derzeit acht auf zwölf erhöht werden. In Kunduz, im Norden des Landes, ist zur Zeit ein Camp der Bundeswehr im Aufbau, das zum Jahresende unter den Befehl der von der Nato geführten Internationalen Schutztruppe Isaf gestellt wird. Die anderen Teams arbeiten unter dem Anti-Terror-Mandat "Enduring Freedom".

Die Alliierten folgten damit auch einem Hilferuf von Uno-Generalsekretär Kofi Annan: "Wenn wir uns nicht um die Sicherheitsprobleme kümmern, könnten wir Afghanistan verlieren", warnte er.

Alwin Schröder

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