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20.02.2004
 

Selbstmorde unter Besatzungssoldaten

Was geschah mit Suellboy?

Von Dominik Baur

Immer mehr US-Soldaten zeigen sich dem Einsatz im Irak nicht gewachsen. Hunderte wurden bereits heimgeschickt, Dutzende flüchteten sich in den Freitod. Das Pentagon lässt die Gründe für die erhöhte Suizidgefahr jetzt untersuchen - behandelt das Thema jedoch nach wie vor als Tabu.

US-Soldat in Bagdad: "Sie haben Zeit, um über ihre Probleme zu brüten"
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REUTERS

US-Soldat in Bagdad: "Sie haben Zeit, um über ihre Probleme zu brüten"

Hamburg - Seine Familie und Freunde kannten Joseph Dewayne Suell als robusten und gottesfürchtigen Menschen. Selbstmord, so predigte der junge Mann anderen, sei eine Sünde. Im April letzten Jahres wurde der Soldat aus Texas in den Irak geschickt. "Hier weiß man nie, was als nächstes passiert", schrieb er seiner Schwiegermutter: "Also vertraue ich einfach in Jesus und halte meine Augen offen."

Weniger als zwei Monate später war Suellboy, wie er von seinen Freunden genannt wurde, tot. Es war am Vatertag. Der 24-jährige Familienvater starb - so erfuhr die Familie von der Armee - aus eigenem Willen. Todesursache war eine Überdosis Drogen.

Suells Tod, über den auch die "Washington Post" gestern berichtete, war kein Einzelfall. Auch Corey Small, Gefreiter der US-Luftwaffe, war den Anforderungen des Kriegsdienstes offensichtlich nicht gewachsen. Nach einem Gespräch mit seiner Frau trat der 20-Jährige in Bagdad aus der Telefonzelle und jagte sich eine Kugel in den Kopf - vor den Augen seiner Kameraden, die darauf warteten, ebenfalls das Telefon zu benutzen. Nicht viel anders der Fall von Kyle Williams, 21: Williams war Mitglied in der 507. Instandsetzungskompanie, in der auch Jessica Lynch diente. Lynch wurde nach ihrer medienwirksamen Befreiung aus irakischer Gefangenschaft zum Star. Williams schoss sich nach sieben Monaten Einsatz im Irak ins Herz.

Suell, Small und Williams sind drei von 22 US-Soldaten, die im vergangenen Jahr im Irak Selbstmord begangen haben. Damit liegt die Suizidrate bei den im Irak stationierten Streitkräften bei 13,5 von 100.000 Soldaten - deutlich mehr als sonst in der US-Armee (10,5 bis 11). Die Dunkelziffer dürfte jedoch noch deutlich höher sein, denn nicht mitgezählt werden Fälle von GIs, die sich kurz nach der Heimkehr das Leben nehmen, oder solche, die noch untersucht werden.

Selbstmord von Soldaten ist freilich kein Thema, über das man im US-Verteidigungsministerium gerne spricht. Öffentlich wird in solchen Fällen als Todesursache lediglich "nicht-feindliche Schusswunden" oder "nicht-feindliche Verletzungen" genannt. Ganz entgegen der Akkuratesse, mit der die Armee sonst ihre Verluste bezeichnet: Für gewöhnlich wird genau angegeben, ob ein Soldat im feindlichen Kugelhagel gefallen ist, von einer Landmine getötet wurde oder bei einem Auto-Unfall ums Leben kam.

"Selbst Kriminelle im Knast wissen, wann ihre Zeit abgelaufen ist"

Obwohl die Selbstmordrate in der Truppe im Vergleich zu den entsprechenden Altersgruppen der Gesamtbevölkerung relativ niedrig ist, gibt die Zunahme der Freitode bei den Besatzungssoldaten dem Pentagon zu denken. Im Herbst schickte man ein Experten-Team nach Bagdad, um den seelischen Zustand der Soldaten zu untersuchen. Demnächst plant das Ministerium, die Ergebnisse zu veröffentlichen.

Warum sich die Soldaten im Irak häufiger das Leben nehmen, liegt für Psychologen auf der Hand: Ronald W. Maris, ein Psychiater an der Universität von South Carolina vergleicht die Situation mit dem Vietnamkrieg. Seit damals ist der Einsatz im Irak der erste Bodenkrieg der Amerikaner über einen langen Zeitraum. Außerdem wird - eine weitere Parallele - in der öffentlichen Debatte die Rechtmäßigkeit des Krieges selbst in Frage gestellt. Das, so zitiert die "Washington Post" den Experten, lasse die Soldaten am Sinn ihrer Aufgabe zweifeln. "Der Erste und der Zweite Weltkrieg schienen da etwas rechtschaffener, weil es erst eine feindliche Aggression gab. Das trifft weder auf Vietnam zu, noch auf den Irak."

Besonders hoch ist die Suizidgefahr erfahrungsgemäß nach Ende der Kampfhandlungen. "Wenn die Kämpfe einmal vorbei sind, haben die Leute Zeit in einer ernsten Umgebung und 24 Stunden am Tag Zugang zu Feuerwaffen", erklärt Pentagon-Sprecherin Martha Rudd. "Und sie haben Zeit, um über ihren Probleme zu brüten."

Dazu kommt, dass die Einsätze nicht klar begrenzt sind. Die GIs wissen nicht, wie lange sie noch bleiben müssen. Manche sehen ihre Familie Monate oder ein ganzes Jahr lang nicht. "Oft geht es darum, dass sie sich in der Falle fühlen", erklärt Ricky Malone, der bis vor kurzem die Psychiatrie im Militärkrankenhaus in Bagdad leitete. Die Soldaten dächten dann: "Ich muss hier raus - und wenn das nicht geht, will ich lieber sterben."

In einem Leserbrief an das Militärmagazin "Stars and Stripes" klagt ein Soldat: "Selbst Kriminelle im Knast wissen, wann ihre Zeit abgelaufen ist." Unter den Militärs im Irak verteilte das Magazin Fragebögen. 2000 kamen ausgefüllt zurück. Das Ergebnis: 33 Prozent der Befragten beurteilten die Truppenmoral als "niedrig" oder "sehr niedrig". 49 Prozent wollten nach ihrer Rückkehr aus dem Irak aus dem Militärdienst ausscheiden.

Freilich ist das Pentagon bemüht, die kritischen Fälle rechtzeitig zu erkennen. Militärkapläne und psychologische Betreuer sollen sich um die Soldaten kümmern. Hunderte wurden seit Beginn des Krieges in Behandlung oder gar nach Hause geschickt. Doch viele behalten ihren Kummer für sich. So wie Joseph Suell.

Suells Witwe Rebecca und seine Mutter Rena Mathis wollen nicht glauben, dass ihr Mann und Sohn absichtlich eine Überdosis genommen hat.. Selbstmord? Suellboy? Nein, das kann nicht sein. Der Soldat habe bestimmt nur etwas gegen Kopfschmerzen nehmen wollen. Vom Militär fordern die beiden Informationen über die näheren Umstände des Todes - vergeblich. "Wir rufen ständig an", schimpft Rebecca Suell. "Wir haben Fragen, wir wollen etwas erfahren, und die haben uns nichts zu sagen."

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