Von Gerhard Spörl, Washington
In Washington geht plötzlich das kunstvoll gefertigte Gerücht um, die Tage von Osama bin Laden seien gezählt. In der Nacht zum Sonntag meldete CNN, australische Zeitungen schrieben, der Mann, der Amerika den Krieg erklärt hat, sei eingekreist - irgendwo dort hinten im Grenzland zwischen Pakistan und Afghanistan. Als interessierte Quelle des Gerüchts lässt sich das Pentagon ahnen. Immerhin wurde zugleich bekannt, dass George Tenet, der CIA-Chef, heimlich Perez Musharaff, dem Staatspräsidenten Pakistans, das im Ruch steht, nicht alles zu tun, damit bin Laden gefasst wird, einen Besuch abgestattet habe. Ist da was dran oder sollen wir nur glauben, dass bald und möglicherweise etwas Dramatisches passiert? Es ist Wahlkampf, und da ist jedes Gerücht verdächtig.
Halten wir uns an die überschaubaren Tatsachen der Woche: Die Republikaner haben angekündigt, der Präsident werde nun aggressiver seine Standpunkte vertreten und damit wieder die Initiative an sich reißen. Die TV-Spots, die den mutmaßlichen Gegenspieler John Kerry in negatives Licht tauchen sollen, sind bereits in Arbeit. Wenn denn schon heute, und nicht erst in mehr als acht Monaten, Wahl wäre, würde nämlich George W. Bush mit 43 Prozent auf der Strecke bleiben, während Kerry bei 55 läge.
Vermutlich hat Kerry die schönsten Tage gerade hinter sich. Gestern gab Ralph Nader seinen Entschluss bekannt, er werde wieder bei der Wahl am 2.November antreten. Seine Freunde hatten vergeblich versucht, den Verbraucheranwalt davon abzuhalten. Am Argument ist ja auch was dran, dass Nader den demokratischen Kandidaten schwächen dürfte. Vor vier Jahren bekam er zwar nur 2,7 Prozent aller Stimmen, aber in New Hampshire und Florida zog er genügend Wähler von Al Gore ab und verhalf Bush zum Sieg.
In dieser Woche tritt George W. Bush wieder ganz als Präsident in Erscheinung. Der deutsche Kanzler beehrt ihn mit seinem Besuch. Wenn es nach dem Weißen Haus geht, steht ein rauschender Erfolg bevor: viel Freundschaft, viel Eierkuchen. Der Bush-Messer von SPIEGEL ONLINE bleibt unbeeindruckt von Gerücht und Staatsaktionen auf derselben Marke wie in der vorigen Woche stehen: 55 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass der Amtsinhaber auch Amtsinhaber bleibt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
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