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08.03.2004
 

Bush-Messer

Der Cowboy attackiert Mr. Flip-Flop

Von Marc Pitzke, New York

TV-Werbeflop, stellenloser Aufschwung, Umfragetief: Für US-Präsident George W. Bush ging der Wahlkampfauftakt daneben. Doch auch sein Rivale John Kerry kämpft mit neuen Image-Problemen.

New York - Es war keine besonders gute Woche für George W. Bush. Sein offizieller Wahlkampfauftakt, die mit 60 Millionen Dollar teuerste TV-Werbekampagne aller Zeiten, erzielte leider eine etwas andere Wirkung als erhofft: Die Bilder der rauchenden Trümmer des World Trade Centers, gepaart mit dem väterlich weichgezeichneten Konterfei des Präsidenten, lösten bei Hinterbliebenen der Anschläge Empörung aus. Dann auch noch die jüngste Hiobsbotschaft vom US-Stellenmarkt sowie die neuesten Meinungsumfragen, die Bush und seinen Rivalen John Kerry gleichauf zeigen - das hätte kaum schlechter anfangen können.

Mit Genuss stürzten sich die US-Medien - und natürlich auch die Demokraten - auf Bushs TV-Flopp ("Aufruhr um Bush-Wahlkampf", schlagzeilte die "New York Times"), vergaßen dabei jedoch fast zu erwähnen, dass über ein Dutzend Angehöriger von Terror-Opfern die Werbespots durchaus begrüßten: "Es gibt kein besseres Zeugnis für Bushs Führungskraft als den 11. September", schrieben sie in einem offenem Brief. So oder so: Das Theater zeigte erneut, wie tief gespalten die Nation in diesem Wahlkampf ist und wie blank hier die Nerven liegen, schon jetzt, acht Monate vor der Wahl.

Diese Spaltung offenbart sich auch in den neuesten Umfragen. 46 Prozent für Bush, 45 Prozent für Kerry, 6 wahlentscheidende Prozent für den Joker und Ex-Grünen Ralph Nader. Also beginnen beide Seiten, ihre treue Basis für den Urnengang zu mobilisieren, um ihr Partei-Potential bestmöglich auszunutzen: Bush hofiert die christliche Rechte (deshalb sein Vorstoß für einen Verfassungszusatz zum Verbot der Schwulenehe), Kerry macht ganz einen auf intellektuell-liberal-weltoffen, indem er Keats und Yeats zitiert und bekennt, er möchte gerne Tango lernen. "Die Wahl", sagt der erfahrene Polit-Stratege Stan Greenberg, "ist diesmal zwischen einem von John F. Kennedy inspirierten Amerika und einem, das von Ronald Reagan geprägt wurde."

Bush hat derweil aber noch andere Wahlkampf-Probleme. Der Aufschwung ohne Arbeitsplätze, der sich vorige Woche erneut als solcher zemenierte, macht ihm weiter Schwierigkeiten bei seiner Strategie, sich als Retter der Wirtschaft zu präsentieren. Nur 21.000 neue Stellen im Februar, 2,2 Millionen verlorene Jobs seit Amtsantritt, ein neuer historischer Minusrekord: "Die Zahlen lügen nicht", sagt Diane Swonk, Chefökonomin der Bank One. Da kam selbst Bush bei einem Wahlkampfauftritt in der Provinz ins Stottern: "Die Wirtschaft... die Wirtschaft... äh... sie verbessert sich."

Doch auch Demokrat Kerry kann sich nicht nur freuen. Bushs Online-Parodie, in der er einen Comic-Kerry gegen sich selbst boxen lässt, um dessen Wankelmütigkeit bei wichtigen Themen zu demonstrieren, traf voll ins Schwarze. Die "New York Times" zeichnete Kerrys "Flip-Flop"-Politik über die Jahre prompt in einer langen Recherche nach, von der Nahostfrage über die Bildungspolitik bis hin zum Krieg gegen den Terror. Kerry, frohlockte Bush, sei lange genug in Washington gewesen, "um zu fast jedem Thema beide Positionen" vertreten zu haben.

Und so hat sie schon jetzt munter begonnen, die gegenseitige Charakter-Demontage. Bush verteufelt Kerry als Steuererhöhungs-Softie, Kerry attackiert Bush als inkompetenten Rechtsaußen-Macho. "Gosseneklig, auf beiden Seiten", findet das der demokratische Stratege Jim Duffy. Dabei sind es bis zur Stunde der Wahrheit noch 239 Tage. Schöne Aussichten.

Der Bush-Messer sinkt diese Woche, wegen Bushs verpatztem Wahlkampfauftakt, um vier Punkte, erholt sich dann aber dank Kerrys Image-Problemen doch noch mal um einen Punkt und bleibt schließlich exakt in der Waage stehen: 50 Prozent Wahrscheinlichkeit der Abwahl, 50 Prozent Wahrscheinlichkeit der Wiederwahl. Mögen die Spiele beginnen.

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