Aus Bagdad berichtet Markus Deggerich
Bagdad - Die Stadt wird wieder belagert. Der Gegner lauert an jeder Ecke und er nimmt keine Rücksicht. Er kämpft sich den Weg frei, Meter für Meter, weicht nie zurück und fühlt sich immer im Recht. Es gibt keine Regeln und keine Hemmungen. Und am Ende hat jeder verloren.
Rund eine Million Autos sollen offiziellen Schätzungen zufolge seit dem Ende des Krieges die Grenzen zum Irak überrollt haben. Neben Satellitenschüsseln, Fernsehern und Kühlschränken sind Autos - zoll- und steuerfrei - der Importschlager des neuen Irak. Nach den Jahren des Embargos gilt nun freie Fahrt für befreite Bürger - und die machen reichlich Gebrauch davon. Fünf Stunden dauert die Fahrt von der jordanischen Grenze durch die Wüste bis nach Bagdad - aber wer vom Stadtrand ins Herz der Metropole vordringen will kann noch mal bis zu zwei Stunden einplanen.
Bei der Rückkehr in die Stadt am Tigris knapp ein Jahr nach dem Beginn des Krieges scheint zunächst der Verkehr das größte Problem zu sein. In der Millionenmetropole herrscht die blanke Willkür: Egal ob Eselkarren oder der neueste BMW - alle drängen aus allen Richtungen zur gleichen Zeit auf Kreuzungen, Stadtautobahnen, Standstreifen, Gehwege, Brücken, Einbahnstraßen. Ampeln funktionieren nicht, Verkehrszeichen gibt es nicht, Polizisten interessieren nicht. Willkommen bei der Bagdad-Rallye, es geht um Leben und Tod.
Mahmud ist acht Jahre alt und geht heute mal wieder nicht zur Schule. Als kleiner Verkehrshelfer mit röchelnder Trillerpfeife verdient er mehr als sein Vater, der Elektriker. Haben sich mal wieder alle endgültig auf der Kreuzung zum Totalstillstand verkeilt, schüttelt er mit dem Kopf und fängt an zu entknoten. Hier zehn Zentimeter zurück, da zwei Meter vor, du bitte warten, hier bitte den Rückwärtsgang rein und ja, nach Mansur bitte links über die Brücke. Von den Trinkgeldern, die ihm durch die Fensterscheiben gereicht werden, und den Gebühren, die er kassiert, wenn er parkende Autos bewacht, kann Mahmud ziemlich gut leben - obwohl für ihn das Wort Staublunge nach einer neuen Definition schreit.
"Von mir aus kann das so bleiben", sagt der kleine Mann. Ärger droht nur, wenn die Amerikaner auftauchen, denn dann greift die einzige Verkehrsregel in Bagdad: US First. Die Amerikaner mögen es überhaupt nicht, wenn sie nicht vorwärts kommen. Stocken ihre Wagen oder gar ein ganzer Konvoi, steigt bei ihnen sofort der Adrenalinpegel. Stehend geben sie eine noch bessere Zielscheibe ab für Angriffe. Schon deshalb haben sie meist freie Fahrt, weil sich niemand gerne in ihrer Nähe als Kollateralschaden wiederfinden möchte. Und das ist auch der Moment, in dem man wieder weiß: Bagdad ist eben noch nicht die stinknormale Großstadt, deren größte Sorge Taschendiebe und Smog sind.
Das Leben ist auf die Straße zurückgekehrt
Es gibt tausend kleine Augenblicke, in denen man sich die Augen reibt, weil so vieles wieder oder erstmals funktioniert. Die Märkte und Geschäfte sind voller und besser sortiert als vor dem Krieg, das Leben ist auf die Straße zurückgekehrt, die Theater, Kinos, Galerien, Teestuben sind voll, das Leben vibriert, und die Sonne schickt freundliche 25 Grad in die Frühlingsluft. Die Ausgangssperre ist aufgehoben, es ist mehr irakische Polizei als US-Armee auf der Straße zu sehen. Selbst die Nächte sind ruhiger: Noch immer hört man Hubschrauber über der Stadt, Schüsse und Detonationen, aber es ist weniger geworden. Ist das Relativierung des Grauens, oder setzt sich Leben immer durch, weil man sich auch an das Ungewöhnlichste gewöhnen kann?
"Die Menschen haben einfach keine Lust mehr, zu Hause zu sitzen", sagt Alexander Christof, der als Leiter der Hilfsorganisation "Architekten für Menschen in Not" das gesamte Nachkriegsjahr in Bagdad verbracht hat. Auch wenn zum Beispiel einiges bei der Versorgung mit Wasser und Strom besser funktioniert, warnt er vor der trügerischen Ruhe: "Das größte Problem ist immer noch die Sicherheit." Es kann immer noch jeden zu jeder Zeit treffen. Doch mittlerweile habe er vor den US-Soldaten mehr Angst als vor irakischen Attentaten oder Überfällen: "Sie sind oft überfordert und haben einen nervösen Finger am Abzug."
Wohin dann?
Bagdad ist noch lange nicht über den Berg, aber es steigt auf aus dem Staub. Das Wort Bürgerkrieg will Christof nicht in den Mund nehmen, "aber etwas in der Art liegt immer noch in der Luft". Zu viele verschiedene Interessensgruppen wollen dem Chaos weiter Nahrung geben. Einige Ziele sind definierbar: Man halte sich fern von irakischen Polizeiwachen, man halte sich fern von religiösen oder politischen Großversammlungen und man halte sich fern von Orten, an denen Amerikaner auftauchen. Tja, aber wohin dann? Marina David hat sich entschieden. Sie hatte jahrelang als Rezeptionistin im "Sultan Palace Hotel" gearbeitet. Nun haben sich dort für ein Jahr zivile amerikanische Mitarbeiter eingemietet. Nach einer Woche bekamen die irakischen Angestellten des Hotels die ersten schriftlichen Drohungen: Wer mit "amrici" zusammenarbeitet wird bestraft. Obwohl Arbeitslosigkeit mit das größte Problem in Bagdad darstellt, gab Marina ihren gut bezahlten Job auf. "Die Angst ist zu groß", sagt sie. Jetzt hockt sie wieder zu Hause und hofft auf Heimarbeit als Übersetzerin.
Die neue Zeit hat viele neue Jobs produziert, aber auch zu viele in die Arbeitslosigkeit getrieben. Es entstehen neue "Betätigungsfelder": Prostitution, Drogenhandel und unscheinbare Schilder wie "The art of the doctress", hinter dem sich ein Hardcore-Porno-Kino verbirgt, lassen religiöse Führer schäumen. In Armenvierteln wie dem ehemaligen Saddam City, einer Hochburg der Schiiten in Bagdad, liegt die Arbeitslosigkeit bei 80 Prozent, schätzt Alexander Christof. Wer Englisch spricht, versucht bei irgendeiner Hilfsorganisation anzudocken, wer mutig ist, arbeitet für die Amerikaner. "Wächter" ist das bekannteste Berufsbild und sagt viel über das andere weit verbreitete Berufsbild: Ali Baba.
"Al-Qaida ist in der Stadt"
Die Unsicherheit ist das größte Kapital derjenigen, die ein Interesse an einem instabilen Irak haben. Aber auch viele Amerika-skeptische Iraker sind die ewige Angst leid. "Wir wollen in Ruhe leben", sagt Mohammed Abur. Er handelt mit Raubkopien von CDs in Bagdads Handelsstraße Al Rashid mitten in der Innenstadt. Zu seinen Bestsellern gehören selbst gebastelte Video-CDs mit Aufnahmen von Saddams Folteropfern und über das Luxusleben der Saddam-Söhne. Auch eine Art von Pressefreiheit.
Die klammheimliche Freude über tote US-Soldaten weicht mehr und mehr einer Wut über das Chaos, das dadurch entsteht - nicht zuletzt, weil zunehmend Iraker ins Visier geraten. Mohammed ist sich sicher, dass es auch nicht mehr überwiegend die Iraker selbst sind, die Bomben legen und Raketen abschießen. In den Teestuben und, was wichtiger ist, in den Moscheen, wird mal mehr oder wenig laut erzählt: "Al-Qaida ist in der Stadt. Seid auf der Hut. Sie wollen Böses."
Das sieht auch US-Zivilverwalter Paul Bremer so. Er hat nun die Zahl der Grenzübergänge zum Iran auf drei reduzieren lassen und die Kontrollen verstärkt. Aus dem Osten und dem Süden, über Basra, sind sich die Amerikaner sicher, sickern Terroristen ein. Sollte das nur ein nützliches Feindbild sein, das die Iraker mit den Amerikanern verbrüdern soll, dann war es bereits erfolgreich: Der Begriff al-Qaida hat in Bagdad Konjunktur.
Tom Murray aus South-Carolina sieht das ähnlich. Er ist mit acht Kollegen auf Patrouille, nach Einbruch der Dunkelheit in der Abu Naws Straße, direkt am Ostufer des Tigris. Dort stehen am Rande des Flusses Holzverschläge, die einst die beliebtesten Fischrestaurants des Orients waren, in denen der berühmte irakische Karpfen serviert wurde. Der Karpfen schmeckt heute nach Tigris, was nichts Gutes heißt, und die Hütten sind mehr und mehr zu Spelunken verkommen. Für einen Dollar bieten dort Männer mit glasigen Augen, die nicht nur vom Alkohol stammen können, Whisky an.
Frank Sinatra leiert
Während die eine Hälfte des GI-Trupps die Straße sichert, genehmigen sich die anderen vier im Stehen und mit Sturmgewehr vor dem Bauch ein Glas. Sie werden zuvorkommend bedient, immer mit Bückling und viel "please Mister, please Mister" - aber auch ein bisschen provoziert: "Fickificki, one Dollar", sagt der Iraker mit den glasigsten Augen und guckt herausfordernd. Tom Murray lacht darüber und winkt ab: "Sorry, I am not gay". Alle lachen, etwas unsicher. Der Besitzer der Klitsche dreht die scheppernde arabische Tanzmusik runter und legt eine leiernde Kassette mit Songs von Frank Sinatra ein: "Moon River" quäkt es nun aus den Lautsprechern. Man ist anpassungsfähig.
Wie das Verhältnis zu den Menschen auf der Straße ist? "Die meisten sind sehr freundlich. Sie sagen: Wir lieben euch. Und sie schenken uns Blumen", erzählt der 20-jährige Murray, der seit einem halben Jahr im Irak Dienst schiebt und nicht weiß, wann er nach Hause kommen wird. Er lächelt in die Runde und trinkt aus. Was Murray nicht sieht, nachdem er die Spelunke verlassen hat: Seine eben noch freundlichen Gastgeber spucken auf den Boden und werfen mit betont angeekeltem Gesicht das geleerte Glas in die Spüle. Frank Sinatra wird wieder ausgetauscht. In Bagdad ist wieder viel Musik drin. Aber sie schmeckt noch immer nach Blues.
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