Aus Bagdad berichtet Markus Deggerich
Bagdad - Michel ist ein außergewöhnlicher Junge. Er mag Fußball nicht. Das müsste eigentlich ein Hinweis darauf sein, dass er keine irakischen Gene besitzt. Denn im Zweistromland kennt fast jeder die aktuelle Bundesliga-Tabelle besser als mancher Deutsche und tritt gegen alles, was irgendwie rund ist. Michel wächst in einem fußballverrückten Land auf. Und wenn man "Fußball" für ihn weglässt - wächst er eben nur noch in einem "verrückten" Land auf. Und das stimmt.
Michel ist jetzt drei Jahre und drei Monate alt. Im vergangenen Sommer wurde sein Vater Hussam in Bagdad ermordet, als Diebe versuchten sein Auto zu stehlen. SPIEGEL ONLINE hatte damals über den "Tod des Henkers" berichtet. Seitdem helfen Leser von SPIEGEL ONLINE Michel und seiner Mutter Jenan zu überleben in einem verrückten Dasein. Die beiden wohnen mit drei Schwestern von Jenan unter einem Dach. "Michel ist jetzt der Mann im Haus", sagt Jenans Schwester Marina.
Sie hat ihren Job als Rezeptionistin in einem Hotel aufgegeben, weil dort viele Amerikaner wohnen und sie deshalb Morddrohungen erhalten haben. Hotels sind beliebte Ziele für Anschläge. Das Trauma von Gewalt und Verlust sitzt tief in der Familie, und Marinas Angst war größer als die Furcht vor der Arbeitslosigkeit. "Jenan hätte Hussams Tod nicht überlebt, wenn Michel nicht gewesen wäre", sagt Marina. Jenan sieht sehr blass aus, ist oft müde, still und zurückgezogen.
Vier Frauen und ein kleiner Junge sind in Bagdad leichte Beute
"Jeder, der Jenan vor Hussams Tod kannte, erkennt sie heute kaum wieder", sagt die andere Schwester Samira. Jenan, sagen die Schwestern, lebt nur noch für Michel - und durch Michel. Jenan ist oft krank. Wenn die Schwestern behaupten, Michel sehe seiner Mutter ähnlich, streitet sie das immer vehement ab. "Er sieht aus wie Hussam", sagt sie. Sie will das so.
Aber Michel darf nicht allein auf die Straße. Kindesentführungen sind in Bagdad Alltag, und sei es, um verhältnismäßig lächerliche Summen zu erpressen. Vielleicht, sagt Samira, mag Michel keinen Fußball, weil man das ohnehin nur draußen spielen kann. Aber niemand in der Familie geht noch gerne raus. Falsch formuliert: Traut sich noch raus. Denn vier Frauen und ein kleiner Junge allein in einem Haus sind im Bagdad des Jahres 2004 leichte Beute. Immerhin bekommen sie Schutz von Nachbarn und Hussams Bruder.
Michel weiß nicht, wie und warum sein Vater ermordet wurde. Seine Mutter hat ihm bisher nur erklärt, dass Hussam im Himmel ist und von dort aus auf ihn aufpasst. Jeden Tag frage Michel nach seinem Vater. Manchmal soll Jenan ihn auf den Arm nehmen und ganz hoch heben. Wenn sie wissen will warum, sagt er: "Ich will hoch in den Himmel, Papa besuchen."
Was wird noch kaputt gehen, wenn es keinen besseren Irak gibt?
Manchmal kommt ihr Onkel zu Besuch und dann trauen sie sich raus. Er fährt jetzt Hussams Auto. Sie machen dann einen Ausflug. Dann ist Michel ganz aufgeregt und fragt, wie sie fahren. "Mit dem Auto des Onkels", sagt Marina. "Nein, das ist Papas Auto", sagt Michel und wird sehr streng.
Michel ist ein kleiner Tüftler. Er interessiert sich für Technik, bastelt gerne, entdeckt. "Das hat er von Hussam", sagt Jenan. Eines Tages, wenn Michel größer ist, wird sie ihm erzählen, was passiert ist, damals im Juli 2003. Sie wird ihm erzählen von einem Land, das verrückt war. Von einer Zeit, in der sich niemand sicher fühlen konnte. Sie wird ihm erzählen vom Irak des Saddam Hussein und von dem Krieg und der Zeit, in der es endlich besser werden sollte und die ihnen doch nur ihr Liebstes genommen hat. Sie wird ihm erzählen von der Angst und dem Terror. Und heute ist noch nicht abzusehen, was es für eine Zeit sein wird, was es für ein Irak sein wird, wenn Michel groß ist und sie ihm all die Geschichten erzählt.
Was passiert dann in ihm? Zerbricht etwas in ihm oder wird er denken, dass der Preis, den er zu bezahlen hatte, zumindest einen Wert hatte - den eines besseren Irak? Schon das ist viel verlangt, aber was wird noch in ihm kaputtgehen, wenn es kein besserer Irak ist? Jenan, sagt Marina, hat mit all dem abgeschlossen, Politik, Diplomatie, Versprechen, Demokratie. Sie will nur ein gutes Leben für Michel. Michel ist eine Zukunft des Irak und er wird wie alle anderen Kinder des Irak die Zukunft mitbestimmen, wenn er eine Zukunft hat. Die Grundsteine dafür werden jetzt gelegt - oder auch nicht.
Der erste Iraker auf dem Mond
Im Irak der Gegenwart, der Michels Vater das Leben kostete, ist noch alles drin. Und warum soll man nicht träumen, wenn man bereit ist, für die Träume etwas zu tun? Vielleicht wird Michel, der Tüftler, mal ein Automechaniker mit großem Herzen. Vielleicht wird er Arzt. Oder Straßenkehrer, der jedem zulächelt, Oder Lehrer. Vielleicht wird er Politiker. Oder Pizzabäcker (Jenan zaubert hervorragende Pizza).
Aber vielleicht wird er auch nur verbittert, enttäuscht, wütend, aggressiv. Oder, warum soll man nicht träumen, wird er, der Tüftler, der erste Iraker auf dem Mond? Vielleicht wird er aber eine Maschine erfinden, mit der man in den Himmel fliegen kann. Dann wird er seinen Vater im Himmel über Bagdad besuchen. Sie werden sich in die Arme nehmen und fragen: War es das wert? Was haben wir getan? Was hast du getan?
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