Washington - Der Rahmen war festlich. Es herrschte Krawattenpflicht. Doch beim jährlichen Dinner für Washingtoner Radio- und Fernsehkorrespondenten am Mittwochabend war auch Witz gefragt. Der Stargast des Abends: US-Präsident George W. Bush. Der hielt mit Humor nicht hinterm Berg und präsentierte den Journalisten eine Dia-Show unter dem Titel "Das Wahljahr-Album des Weißen Hauses".
Schallendes Gelächter füllte den Raum, als ein Foto an die Wand geworfen wurde, das Bush im Oval Office zeigt. Der Präsident kroch auf allen Vieren, um einen Blick unter die Möbel zu werfen. Bushs Kommentar dazu: "Diese Massenvernichtungswaffen müssen doch irgendwo sein."
Ein weiteres Dia zeigte ihn wie er in eine andere Ecke des Büros guckt - worauf Bush erklärte: "Nee, auch dort keine Waffen." Erneut Gelächter im Saal. "Vielleicht darunter", sprach Bush, das dritte Dia einblendend.
Die als selbstironisch gedachte Dia-Serie fanden keineswegs alle lustig. Der Fernsehsender CNN, der einen Beitrag zu dem Journalisten-Dinner brachte, heimste sich jede Menge E-Mails ein, die sich über die Geschmacklosigkeit des Präsidenten beschwerten. Doch nicht nur Zuschauer empörten sich. Auch ausländische Zeitungen kommentierten die Vorgänge entrüstet.
Nachdem die US-Regierung wegen irakischer Massenvernichtungsmittel einen Krieg vom Zaun gebrochen habe, sei es geschmacklos, nun darüber Witze zu machen. Bushs Gag sei voll daneben, schrieb die New York Times.
Beim Washingtoner Pressecorps ist es eine lange Tradition, Präsidenten oder andere hochrangige Politiker zum Dinner einzuladen. Es wird erwartet, dass sie Witze auf eigene Kosten machen.
Weniger lustig aufgelegt war man Tags darauf im Presseamt des Weißen Hauses. Sprecherin Claire Buchan übte sich in Schadensbegrenzung. Bush habe keine Späße über den Irak-Krieg machen wollen, teilte sie mit. Es habe sich lediglich um einen selbstdespektierlichen Humor gehandelt. Es sei schließlich der Brauch bei diesen Anlässen, sich selbst durch den Kakao zu ziehen.
Der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry nahm den umstrittenen Auftritt Bushs umgehend zum Anlass, dem Präsidenten eins überzuziehen. Er sagte, Bush habe eine "umwerfend überhebliche" Haltung an den Tag gelegt.
Bush hatte auch Späße über einige seiner Kabinettsmitglieder gemacht, einschließlich Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Der wollte sie allerdings nicht kommentieren. "Um zu wissen, was ich dächte, hätte ich dabei sein müssen", sagte er knapp.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH