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26.03.2004
 

US-Wahlkampf

Bush hetzt seine Hunde auf Clarke

Fast 500.000 verkaufte Exemplare in drei Tagen - die Enthüllung von Bushs ehemaligem Terrorberater Richard Clarke schlägt alle Rekorde. Clarkes brisanter Vorwurf: Der US-Präsident habe Bin Laden ignoriert, weil er auf einen Umsturz im Irak versessen war. Das Weiße Haus schlägt mit einer einmaligen Propagandaoffensive zurück.

Clarke: "Das sind armselige Leute"
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AFP

Clarke: "Das sind armselige Leute"

Washington - Beim Online-Buchhändler Amazon steht "Against All Enemies" auf Platz eins, nur drei Tage nach Verkaufsbeginn ließ der Verlag Simon & Schuster schon die fünfte Auflage produzieren, womit die Zahl der gedruckten Bücher bei 500.000 liegt. Der Bestseller von Richard Clarke ist das Gesprächsthema Nummer eins in der US-Hauptstadt. Andere Verleger sind neidisch: "Ich wünschte, es wäre meines", gab Peter Osnos von "Public Affairs" zu. "Against All Enemies" sei zurzeit "das" Buch.

Bei einer Umfrage gaben 42 Prozent der Erwachsenen an, sie hätten schon "viel" gehört von Clarkes Vorwürfen, berichtet die "Washington Post". 47 Prozent gaben immerhin an, "ein wenig" davon zu wissen, und nur zehn Prozent gaben sich ahnungslos. Clarke wirft der Regierung von Bush vor, nicht genug getan zu haben, um das Land vor dem 11. September 2001 Terroranschlägen zu schützen. Clarke war Antiterrorberater der letzten drei US-Präsidenten.

So locker wie Richard Armitage geht sonst niemand aus dem Lager von Bush mit dem Werk Clarkes um. "Sie haben in den Index des Buches gesehen, um zu überprüfen, ob ihr Name drin steht", sagte James Thompson, der von den Republikanern in die Untersuchungskommission berufen wurde, die die Anschläge untersucht, zum stellvertretenden Außenminister. "Und dann habe ich nachgesehen, was über mich gesagt wird", teilte Armitage dem Gremium mit, das daraufhin in Gelächter ausbrach.

Georg W. Bush: "Falsche Erklärungen"
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AP

Georg W. Bush: "Falsche Erklärungen"

Die US-Regierung will den Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen, die Terrorgefahr vor dem 11. September 2001 unterschätzt zu haben. Deswegen soll Rice ein zweites Mal vor der unabhängigen Kommission aussagen, die die Hintergründe der Terroranschläge untersucht. Ihre Aussagen sollen aber nicht öffentlich sein, wie von Mitgliedern der Kommission und Hinterbliebenen der Terroranschläge gefordert wird.

Die schweren Vorwürfe von Bushs früherem Terrorabwehr-Berater sind für Bush und sein Wahlkampfteam explosiv. Denn sie stellen das Image des Präsidenten als verlässlichen Kämpfer gegen den Terrorismus in Frage. Angesichts des ohnehin schon starken Gegenwindes durch den demokratischen Herausforderer John Kerry wird man im Weißen Haus nervös. Mit massiven Attacken versucht die US-Regierung ihren ehemaligen Berater Clarke zu diskreditieren.

Rice: "Verleumderische Vorwürfe"

Besonders Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice ging den früheren Bush-Vertrauten persönlich an. Clarkes Vorwürfe seien "verleumderisch", teilte sie in unzähligen TV-Sendungen mit. Sie warf Clarke vor, aus kommerziellem Interesse falsche Angaben zu machen: "Er muss seine Geschichte passend bekommen."

Rice: Rüge per E-Mail
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AP

Rice: Rüge per E-Mail

Das Bush-Team versucht, Clarke als unglaubwürdig darzustellen. Der 53-Jährige sei ein frustrierter Beamter, der sich mit seinem Buch räche, weil er bei einer Beförderung übergangen worden sei. Clarke hatte sich angeblich vergebens um den Posten des stellvertretenden Direktors der Heimatschutzbehörde beworben.

Die Regierung veröffentlichte außerdem erstmals E-Mails von Clarke und dessen Rücktrittsschreiben vom März vergangenen Jahres, in dem er Bushs Führungsstärke lobte. In einer E-Mail von Rice rügt sie Clarke, weil dieser wiederholt bei ihren morgendlichen Briefings geschwänzt habe. Clarke habe ein immer größer werdendes Glaubwürdigkeitsproblem, sagte Bush-Sprecher Scott McClellan: "Er gibt Erklärungen ab, die völlig falsch sind."

Sehr untyisch für das Weiße Haus werden Journalisten fast rund um die Uhr zu Interviews und Pressekonferenzen geladen. "Für jedes Interview, das er gibt, werden wir ihm drei auf den Hals hetzen", drohte McClellan.

"Sie sind verletzbar, deshalb greifen sie so hart an", wertet James A. Thurber, Leiter des Zentrums für Kongress- und Präsidentenstudien an der American University in Washington, die Attacken aus dem Weißen Haus. "Man muss schon bis nach Vietnam und Watergate zurückgehen, um ähnlich aggressive Statements aus dem Weißen Haus zu bekommen", sagte er in der "Washington Post".

Clarke selbst beschwerte sich über das Vorgehen des Bush-Lagers. "Das sind armselige und gemeine Leute", sagte er in der Sendung "Nightline" von ABC. Rückendeckung bekam er vom demokratischen Senator Thomas Daschle. Bush habe im Jahre 2000 nach dem Wahlkampf versprochen, dass sich der Umgang miteinander in Washington bessern werde. "Aber nun tun die Leute um ihn herum Dinge, die nicht getan werden sollten und die vorher niemals getan wurden."

Alwin Schröder

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