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02.04.2004
 

Interview mit dem afghanischen Planungsminister

"Die NGOs schwächen die Regierung"

Hilfsorganisationen in Afghanistan fühlen sich von der Regierung bei ihrer Arbeit behindert. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE reagiert der afghanische Planungsminister Ramazan Bachardoust auf die Vorwürfe und spricht über die Gefahr, die von den NGOs für seine Regierung ausgeht.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Minister, in einem Beitrag für SPIEGEL ONLINE kritisierte der deutsche NGO-Gründer Rupert Neudeck ihre Regierung dafür, dass die den Hilfsorganisationen zu viele Hindernis in den Weg stellt. Er nannte Kabul eine "Bürokratiefalle". Sind diese Vorwürfe gerechtfertigt?

Bachardoust: Ich weiß, dass die Bevölkerung sich wegen der Nichteffizienz der Ministerien beklagt und auch darüber, dass Korruption an der Tagesordnung ist. Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich die Anregungen von Herrn Neudeck aufnehmen werde, damit die Organisationen möglichst bald ohne große bürokratische Hindernisse den Menschen in Afghanistan helfen können.

SPIEGEL ONLINE: Herr Neudeck behauptet, jede NGO muss sich in Kabul zunächst einmal für 2000 US-Dollar registrieren lassen. Stimmt das?

Bachardoust: Ich bin erst seit drei Wochen im Amt und lasse die Vorwürfe gerade prüfen. Für die Zeit davor kann ich natürlich keine Verantwortung übernehmen. Aber ich lade Herrn Neudeck jetzt schon einmal ausdrücklich ein, mich in Kabul zu besuchen. Ich würde mich freuen, wenn er mir Beweise über Vorgänge vorlegt, die in meinem Ministerium nicht korrekt gelaufen sind, damit ich die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen kann. Ich habe, um mir selbst einen Überblick zu verschaffen, eine Sperre erlassen, um in Ruhe zu prüfen, was die NGOs, die schon im Land sind, eigentlich tun.

SPIEGEL ONLINE: Bedeutet das, dass sich zurzeit keine NGOs mehr in Kabul akkreditieren können?

Bachardoust: Ja, genau. Wir sind im Moment dabei, eine Liste derjenigen NGOs anzufertigen, die sogar gesetzliche Bestimmungen verletzen. Leider wird diese Liste immer länger.

SPIEGEL ONLINE: Brauchen Sie nicht eher noch mehr Unterstützung von Außen für den Wiederaufbau Ihres Landes?

Bachardoust: Ich möchte einen neuen Weg einschlagen. Die Hilfen der NGOs müssen direkt den Menschen zu Gute kommen. Zurzeit aber ist die Arbeit der meisten NGOs in Afghanistan nicht effektiv, weil sie alleine arbeiten und das meiste Geld, etwa 70 bis 80 Prozent, für Verwaltung ausgeben. Außerdem zahlen sie zu hohe Gehälter, so dass sie die afghanischen Experten von der Regierung wegziehen. Effektiv bedeutet die Arbeitsweise der NGOs also eine Schwächung der Regierung. Die Warlords sind nicht der einzige Grund dafür, dass die Zentralregierung über Kabul hinaus noch nicht richtig Fuß gefasst hat.

SPIEGEL ONLINE:Wollen Sie die NGOs etwa aus Afghanistan wegzuschicken, weil sie ein Problem für sie darstellen?

Bachardoust: Nein, auf keinen Fall! Wir brauchen NGOs. Aber eben nur die guten. Wie Herr Neudeck selbst bemerkt hat, ist die Aufgabe der NGOs, den Menschen unmittelbar und möglichst direkt zu helfen. Wir als Regierung wollen, dass sie sich auf diese Aufgabe konzentrieren. Das heißt zum Beispiel, dass die NGOs nicht einfach die Infrastrukturplanung in die Hand nehmen. Das ist Aufgabe der Regierung.

SPIEGEL ONLINE: Das Problem ist also, dass die NGOs auf eigene Faust arbeiten und ihre Projekte nicht mit ihnen absprechen?

Bachardoust: Wir wollen, dass jede Hilfsorganisation ihre Projekte dem Planungsministerium vorlegt und mit uns bespricht, so dass wir in die Lage versetzt werden, dabei praktisch zu helfen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie nicht, dass die NGOs das als Kontrolle empfinden und sich aus Ihrem Land zurückziehen könnten?

Bachardoust: Nein, denn wir wollen die Arbeit der NGOs ja gar nicht kontrollieren. Wir als Staat möchten nur koordinieren. Im Moment können Sie beobachten, dass in einer Provinz mehr als 20 NGOs aktiv sind und einer anderen Provinz keine einzige. Auch einige UNO-Organisationen haben sich verselbständigt. Das kann nicht sein. In unserem Ministerium haben wir exzellente Experten, die viel von der Arbeit und Denkweise der NGOs verstehen. Wir müssen gemeinsam ein Modell entwickeln, wo jeder weiß, was der andere macht. Wir wollen ein Rechtsstaat sein, wo nicht jeder macht, was er will. Wir müssen das Gefühl haben, dass unsere menschlichen Werte und die Gesetze respektiert werden. Die NGOs müssen gemäß unseren Bestimmungen über ihre Aktivitäten Bericht erstatten - auch darüber, wie viel Geld für welches Vorhaben in einem bestimmten Zeitraum ausgegeben worden ist.

SPIEGEL ONLINE: In welchen Gebieten können NGOs in Afghanistan Ihrer Meinung nach am sinnvollsten helfen?

Bachardoust: Im Grunde genommen überall und an jedem Ort im Land. Aber am dringendsten ist die Hilfe auf dem Land und im Gesundheits- und Bildungssektor.

Das Interview führte Yassin Musharbash

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