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02.05.2004
 

Flaggenparade

Ein Stück Stoff bringt den Irak in Wallung

Von Yassin Musharbash

Die Iraker wehren sich gegen den Entwurf für ihre neue Staatsflagge. Kein Wunder: Er vernachlässigt sämtliche Traditionen der arabischen Farbenlehre. Außerdem erinnert das neue Symbol einige Iraker an die Flagge des Erzfeindes Israel.

Neue irakische Staatsflagge: Künstlich wie ein Firmenlogo
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AFP

Neue irakische Staatsflagge: Künstlich wie ein Firmenlogo

Berlin - Die neue Flagge des Irak war das Ergebnis eines ungezwungenen Gesprächs zwischen westlichen Besatzern und irakischer Führung: "Wir verbrachten eine fröhliche Stunde miteinander und diskutierten dabei die Nationalflagge", schrieb Gertrude Bell, die im Auftrag der britischen Regierung in Bagdad weilte, über die Geburtsstunde des symbolischen Stoffstücks. Das war 1921. Bells Gesprächspartner war der frisch eingesetzte König Faisal I., der den gerade erst entstandenen Staat regieren sollte.

Heute, über 80 Jahre später, steht der Irak vor einer ganz ähnlichen Situation - Nur dass sich dieses Mal Ärger in der Frage der Nationalflagge ankündigt: Der mit den US-geführten Besatzern abgesprochene Entwurf des irakischen Künstlers Rifat al-Chardachi stößt auf massiven Unmut. Kaum war er vor wenigen Tagen vorgestellt worden, fand schon die erste Demonstration dagegen statt.

Ein keineswegs unbekanntes Phänomen: Schon im Nachkriegsdeutschland gab es erbitterten Streit darüber, welche Flagge hier zu Lande wehen sollte. Und als Südafrika nach dem Fall des Apartheidsystems 1994 ein neues Nationalsymbol suchte, veranstaltete die Regierung ein Preisausschreiben; mit dem Gewinnerentwurf, der heutigen Flagge, waren damals viele Südafrikaner nicht einverstanden: Zu künstlich und traditionslos sei er geraten.

Diesen Vorwurf gibt es nun auch im Irak. Die Flagge, sagen viele Iraker, sehe so artifiziell aus wie ein Firmenlogo.

Von der arabischen Nation abgekoppelt?

Dabei hatte sich Illustrator al-Chardachi alle nur erdenkliche Mühe gegeben, niemanden im neuen Irak zu verletzen: Ein Halbmond in der oberen Hälfte der Flagge sollte das muslimische Empfinden der Mehrheit befriedigen; zwei blaue Streifen - gedacht als Anspielung auf die Flüsse Euphrat und Tigris - können auch als Symbol der Einheit von Sunniten und Schiiten gelesen werden; der gelbe Streifen dazwischen schließlich steht für die Kurden, deren eigene Flagge ein gelber Stern ziert.

Studenten in Bagdad demonstrieren für die alte Flagge: "Gott ist groß"
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REUTERS

Studenten in Bagdad demonstrieren für die alte Flagge: "Gott ist groß"

Doch so gut gemeint dieser Entwurf auch ist: Er steht vollkommen außerhalb jeder arabischen Flaggentradition. Seine fremde, künstliche Symbolsprache gibt den Irakern, die sich traditionell als ein zentrales Volk der arabischen Nation betrachten, das Gefühl, sie sollen quasi gewaltsam und vermittels ihres nationalen Symbols von eben dieser arabischen Schicksalsgemeinschaft abgekoppelt werden. Die Verwendung der Farbe Blau empört besonders: Sie erinnert viele Iraker an die Staatsflagge des verhassten Feindes Israel.

Rot, Grün und Schwarz dagegen sind die Farben, mit denen die Flaggen derjenigen arabischen Staaten gestaltet sind, die dem Irak geschichtlich, kulturell und sozial am nächsten sind.

Die Lieblingsfarbe des Propheten

Die Flagge, auf die sich Gertrude Bell und König Faisal I. seinerzeit einigten, begründete diese Farbenlehre, die ihrerseits wiederum in der arabischen Überlieferung verwurzelt war: Schon der Prophet Muhammad war mit zwei Bannern in den Krieg gezogen, den historischen Quellen zufolge waren sie weiß und schwarz. Die ihm nachfolgenden Dynastien griffen das Vorbild auf: Weiß wurde die Farbe der ab 661 regierenden ummayadischen Kalifen in Damaskus, Schwarz diejenige der anschließend von Bagdad aus herrschenden Abbasiden-Kalifen. Als später die Fatimiden in Ägypten zur bestimmenden Macht der islamischen Welt wurden, erkoren sie Grün zu ihrer Erkennungsfarbe - die angebliche Lieblingsfarbe des Propheten.

Flagge, mit der Husain von Mekka in den Krieg zog: Die Lieblingsfarbe des Propheten
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SPIEGEL ONLINE

Flagge, mit der Husain von Mekka in den Krieg zog: Die Lieblingsfarbe des Propheten

Jeweils ein grüner, weißer und schwarzer Längsstreifen zierte deshalb die erste Flagge des modernen Irak, die Gertrude Bell und König Faisal I. entwickelten. Von links ragte zusätzlich ein rotes Dreieck hinein: Eine Referenz an Faisals Familie der Haschemiten, die sich zu den Scherifen, den Nachfahren des Propheten zählen, und deren Farbe Rot ist. Der Entwurf erinnerte zudem an das Banner, das Scherif Husain von Mekka, Faisals Vater, im Ersten Weltkrieg gegen die türkischen Osmanen geführt hatte.

Jordanien und Syrien erhielten kurz nach dem Irak dieselbe Flagge mit nur leichten Variationen. Kein Wunder: In allen drei neuen Staaten herrschten Haschemiten. Siebenzackige Sterne symbolisierten zudem die ersten sieben Suren des Korans. Bis heute orientieren sich einige arabische Flaggen - zum Beispiel die palästinensische oder die kuweitische - an dieser religiös-geschichtlich begründeten Tradition.

Schwarze Gegenwart, strahlende Zukunft

Eine zweite Flaggentradition, mit der ersten aber durchaus kompatibel, führten die Ägypter nach dem Sturz der dortigen Monarchie im Jahr 1953 mit der so genannten "Flagge der arabischen Befreiung" ein: Jeweils ein schwarzer, weißer und roter Längsstreifen verdeutlichten einerseits die Verhaftung in der arabischen Geschichte - wurden aber andererseits revolutionär interpretiert: Schwarz, so hieß es, sei die Gegenwart, weiß und strahlend dagegen die Zukunft der arabischen Welt - und ohne Blut sei diese nicht zu erreichen.

Die meisten der später ebenfalls von antimonarchischen Putschisten regierten arabischen Staaten schlossen sich Ägypten bald an: Der Irak etwa erhielt 1963 die bekannte Flagge, die es nun abzulösen gilt. Sie ließ sich nur durch die Anzahl - diesmal fünfzackiger - Sterne von den Flaggen Syriens, des Jemen und Ägyptens unterscheiden. Diese Beinahe-Einheits-Flagge verkörperte nicht zuletzt die Idee des Panarabismus. Erst 1991 ließ Saddam Hussein persönlich die Wort "Allahu Akbar" - Gott ist groß - zwischen die drei irakischen Sterne einfügen, um seinem an sich säkularen Staat ein religiöses Gepräge zu geben.

Dieselben Farben wie die Komoren-Inseln

Gipfeltreffen der Arabische Liga: In der Geschichte verwurzelte Farbenlehre
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DPA

Gipfeltreffen der Arabische Liga: In der Geschichte verwurzelte Farbenlehre

Fast alle Araber der arabischen Halbinsel und des östlichen Mittelmeerraums - und zwar ganz gleich, ob ihr Vorbild eher der Prophet höchstselbst oder doch der ägyptische Populist Anwar al-Sadat ist, ob sie religiös oder säkular ausgerichtet, Christen oder Muslime sind - würden ihre Wunschflagge aufgrund dieser Traditionen wohl am ehesten aus einer Kombination der Farben Grün, Schwarz, Weiß und Rot zusammensetzen. Eigentlich nur im Golfraum, in den afrikanisch-arabischen Ländern und in den eigensinnigen Staaten Libyen und Saudi-Arabien gibt es andere Vorbilder.

Und nun sollen ausgerechnet die Iraker, auf deren Boden sich fast alle mit der arabischen Farbenlehre verbundenen Ereignisse zugetragen haben, die vollkommen unhistorischen Farben Gelb und Blau in ihre Flagge aufnehmen? Wie absurd diese Vorstellung in den Augen vieler Iraker anmutet, wird deutlich, wenn man einen Blick auf diejenigen Staaten der arabische Liga wirft, wirft die sonst noch die Farben Blau und Gelb in ihren Flaggen zeigen: Dschibuti, Somalia und die Komoren-Inseln.

Er solle ihr bitte mitteilen, bat Gertrude Bell damals ihren in Fragen der Heraldik bewanderten Vater, was er von ihrem Vorschlag halte - und ob er vielleicht eine bessere Idee habe. Gut möglich, dass sich die US-Besatzer und der irakische Illustrator bald ähnliche Fragen stellen müssen.

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