Warschau/Berlin - In den Hauptstädten der neuen Mitgliedsländer versammelten sich mehrere hunderttausend Menschen, um das historische Ereignis zu erleben. Auch in Berlin und zahlreichen Städten entlang der deutschen Grenze zu Polen und Tschechien strömten die Menschen zu Volksfesten zusammen.
In Frankfurt an der Oder kamen der polnische Außenminister Wlodzimierz Cimoszewicz und Bundesaußenminister Joschka Fischer auf der Stadtbrücke zusammen. Die Beziehungen beider Völker seien im 20. Jahrhundert von Krieg und schrecklichen Verbrechen gekennzeichnet gewesen, sagte Fischer. Nun seien beide in der Europäischen Union vereint. "Wir sollten stolz sein, dass wir den Gang der europäischen Geschichte verändern", sagte Cimoszewicz. Bei Ahlbeck auf der Ostseeinsel Usedom wurde die Erweiterung der EU mit einem grenzüberschreitenden Drahtseilakt begangen.
Der polnische Präsident Aleksander Kwasniewski hat den Beginn der EU-Mitgliedschaft zum Anlass genommen, um Lech Walesa und Papst Johannes Paul II. für ihre Beiträge zur Überwindung der kommunistischen Herrschaft zu danken. "Wir haben den Test bestanden, Europäer zu sein", sagte Kwasniewski vor einer großen Menschenmenge auf dem zentralen Pilsudski-Platz in Warschau.
Mit dem Läuten von Kirchenglocken im ganzen Land wurde in Ungarn der Beitritt zur Europäischen Union begangen. Auf dem Heldenplatz von Budapest feierte eine große Menschenmenge die Rückkehr Ungarns ins Zentrum Europas. Ungarn sei immer an den Toren Europas gewesen, sagte Ministerpräsident Peter Medgyessy. "Der entscheidende Unterschied besteht nun darin, dass wir innerhalb der Tore sind."
"Wir haben viele Jahre gebraucht, um diese Reise zurückzulegen", sagte der amtierende litauische Präsident Arturas Paulauskas vor 30.000 Menschen auf dem Platz vor der Kathedrale von Vilnius. "Nun ist es vollbracht. Willkommen in Europa, willkommen daheim!" Mit einem Lichtermeer von Laserstrahlen, Taschenlampen und Kerzen folgten Zehntausende einem Aufruf, Litauen in der Nacht der EU-Mitgliedschaft zum "hellsten Staat im neuen Europa" zu machen.
In der slowakischen Hauptstadt Bratislava wurde vor dem Präsidentenpalast die EU-Fahne gehisst. "Für die Generation, die hinter Stacheldraht gefangen war, bedeutet die EU die Erfüllung eines Traums", sagte Parlamentspräsident Pavol Hrusovsky.
EU-Kommissionspräsident Romano Prodi kam zur EU-Erweiterung in die slowenische Grenzstadt Nova Gorica. Die Idee eines vereinigten Europas sei Jahrhunderte lang von Krieg und Intoleranz behindert worden, sagte Prodi. Jetzt zeige die Erweiterung der EU, "dass es möglich ist, die Beziehungen zwischen Ländern nicht mit dem Gesetz der Gewalt, sondern durch die Kraft des Gesetzes zu gestalten". Der slowenische Ministerpräsident Anton Rop sprach von der symbolischen Umarmung der drei Hauptkulturen des europäischen Kontinents. "Dies ist der Ort, wo die slawische, die germanische und die romanische Welt verschmelzen", sagte Rop am Dreiländereck von Slowenien, Italien und Österreich in 1510 Meter Höhe, wo die Alpenorte Kranjska Gora, Tarvisio und Arnoldstein aneinander grenzen.
Heute wollen Bundeskanzler Gerhard Schröder und die Regierungschefs von Polen und Tschechien, Leszek Miller und Vladimir Spidla, das Dreiländereck in Zittau besuchen. Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union werden die Erweiterung auf einem Sondergipfel in Dublin feiern. Für den späten Nachmittag ist eine Zeremonie in der Residenz der irischen Staatspräsidentin Mary McAleese vorgesehen, bei der die Fahnen der dann 25 Mitgliedstaaten gehisst werden sollen.
Mit Polen, Ungarn, Tschechien, Estland, Lettland, Litauen, der Slowakei, Slowenien, Malta und Zypern wächst die Bevölkerung der EU von derzeit rund 370 Millionen auf 455 Millionen Menschen. Das mit Abstand größte Beitrittsland ist Polen mit fast 39 Millionen Menschen, was in etwa der Bevölkerungszahl Spaniens entspricht. Der kleinste Kandidat ist Malta mit einer Bevölkerung von 400.000 Menschen, in etwa so viele wie Luxemburg.
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