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08.05.2004
 

Verhörtechnik von Abu Ghureib

Die teuflische Wirklichkeit von R2I

Einen Tag nach der Vernehmung von Verteidigungsminister Rumsfeld wird die US-Administration durch neue Details belastet: Immer deutlicher wird, dass die Misshandlungen System hatten. Sie wurden von Geheimdienstlern angeordnet und waren in Militärkreisen bekannte Foltertechniken, wie ein britischer Offizier enthüllt.

Militärpolizistin Lynndie England: Mit  systematischen Erniedrigungen den Willen brechen
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REUTERS/ The New Yorker

Militärpolizistin Lynndie England: Mit systematischen Erniedrigungen den Willen brechen

Das Kürzel klingt harmlos, doch seine Bedeutung ist teuflisch: R2I - Resistance to interrogation - heißt eine unter Geheimdienstlern und den Soldaten von Spezialtruppen wohl bekannte Technik. Sie dient dazu, widerspenstige Gefangene zu zermürben und zur Aussage zu zwingen. Die Mittel sind seit den Bildern aus dem irakischen Foltergefängnis Abu Ghureib wohl bekannt: Mit systematischen Misshandlungen und Erniedrigungen soll der Wille gebrochen werden.

Ein ehemaliger britischer Offizier enthüllt in der britischen Zeitung "Guardian", dass die berüchtigte R2I-Verhörtechnik auf britischen und amerikanischen Stützpunkten zum ständigen Lehrstoff für Spezialtruppen gehört. Danach sollen die Gefangenen unter Schlafentzug und ständigen Psycho-Misshandlungen so zermürbt werden, dass sie am Ende zerbrechen und jeden Widerstand aufgeben. Zu der Methode gehört es, den Opfern Plastiksäcke über die Köpfe zu stülpen, sie stundenlang nackt herumstehen zu lassen, ihnen sexuelle Misshandlungen anzudrohen und ihnen so ihr letztes Selbstwertgefühl zu nehmen.

Nur ein paar Stunden nach der Vernehmung von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vor dem Armee-Ausschuss des Senats bringen damit neue Vorwürfe die US-Regierung in Bedrängnis. Immer deutlicher wird: Im berüchtigten Folter-Knast von Abu Ghureib war keine ausgerastete Einheit am Werk, hier waren nicht die Kommandostrukturen weggebrochen. Die Soldaten praktizierten Zermürbungstaktiken, deren Gebrauch sich nach den Terroranschlägen vom 11. September jenseits der von der Regierung durchbrochenen juristischen Barrieren vielerorts durchgesetzt hat.

Besonders fatal können die Techniken wirken, wenn sie von ungeschulten Hilfskräften eingesetzt werden. Militärs werden üblicherweise darauf vorbereitet, wie sie selbst in Gefangenschaft durch Erniedrigungen zermürbt werden sollen und erleben deshalb schon während der Schulung die fatale Psycho-Wirkung am eigenen Leib. Doch die im Irak eingesetzten privaten Hilfstruppen sind oft nicht durch ein ähnliches Programm gegangen - und praktizieren die ohnehin menschenverachtende Verhör-Technik umso rücksichtsloser.

Die Vorwürfe stützt auch eine der auf den berüchtigten Fotos erkennbaren Soldatinnen, die jetzt in der "Washington Post" ihr Schweigen bricht. In einem E-Mail-Austausch mit der Redaktion belastet die Militärpolizistin Sabrina Harmann, die derzeit in einem Camp in der Nähe des Flughafens von Bagdad festgehalten wird, ihre Vorgesetzten schwer. Danach brachten Geheimdienstler aus Armee, CIA oder von privaten Söldner-Firmen regelmäßig Gefangenen in den Knast mit der Vorgabe, sie fürs Verhör "vorzubereiten": "Der Job des Miliärpolizisten war es", schrieb sie der "Post", "sie wach zu halten, ihnen das Leben zur Hölle zu machen, so dass sie schließlich reden würden."

Die Gefangenen wurden oft schon mit Plastiksäcken über dem Kopf angeliefert. Dann wurden sie ausgezogen und mussten stundenlang stehen oder auf Knien herumkriechen. Von der Genfer Konvention habe sie, schrieb die Soldatin, die in ihrem zivilen Leben vor dem Krieg in einem Pizza-Restaurant gearbeitet hatte, erst gehört, als sie sich vor Militärermittlern wegen der Fotos verantworten musste. Harmann wird unter anderem vorgeworfen, die Bilder der übereinander gestapelten nackten Gefangenen aufgenommen zu haben.

Harmanns Bericht deckt sich mit den Ermittlungen des Taguba-Reports, den der US-Journalist Seymour Hersh erstmalig im "New Yorker" publiziert hatte und damit neben dem TV-Sender CBS die Affäre ins Rollen brachte. "Die Stimmung unter den US-Soldaten, mit denen ich in der letzten Woche gesprochen habe, ist: 'Die Samthandschuhe sind ausgezogen'", berichtet der vom "Guardian" zitierte Offizier: "Viele von denen denken immer noch, sie haben es mit Leuten zu tun, die für den 11. September verantwortlich waren."

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