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13.05.2004
 

Wahlen in Indien

Die Rückkehr der Gandhis

Von Dominik Baur

Völlig überraschend haben die Inder die Regierung von Premier Vajpayee aus dem Amt gefegt. Die angeblich größten demokratischen Wahlen der Welt dürften jetzt eine gebürtige Italienerin an die Macht bringen - und mit ihr eine alte "Herrscherdynastie" am Leben erhalten.



"Vage Idee, dass es Indien gibt": Sonia Gandhi
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"Vage Idee, dass es Indien gibt": Sonia Gandhi

Hamburg - 660 Millionen Wahlberechtigte, 700.000 Wahllokale und fast 5000 Kandidaten: Fünf Tage lang hat Indien, das sich gern als größte Demokratie der Welt bezeichnet, die Lok Sabha, das Unterhaus, neu gewählt. Der Begriff Demokratie ist jedoch in dem bevölkerungsreichsten Land nach China relativ. Korruption und Wahlbetrug sind in Indien gang und gäbe. Teilweise reicht es, mit den Wahlhelfern und der Polizei gut zu stehen, teilweise sorgen Schlägertrupps in weit abgelegenen Provinzen dafür, dass die Wähler auf der elektronischen Wahlmaschine den richtigen Knopf drücken. Während der Wahlen kam es zu zahlreichen Übergriffen, mindestens 45 Menschen starben.

Immerhin: Da der Wahlbetrug nicht nur von einem regierenden Regime ausgeht, sind auch bei indischen Wahlen Überraschungen möglich. So wie dieses Mal: Großer Verlierer der Wahlen war die Regierungskoalition Nationale Demokratische Allianz (NDA). Noch heute gestand Ministerpräsident Atal Behari Vajpayee seine Niederlage an und erklärte den Rücktritt. Der scheidende Premier ist stinksauer. Seine Berater hatten ihn gedrängt, die Wahlen vorzuziehen, man befinde sich derzeit in einem Stimmungshoch. Auf bis zu 275 von 545 Sitzen in der Lok Sabha hatte die NDA spekuliert, am Ende wurden es gerade einmal 188. Die Kongresspartei dagegen eroberte 223 Sitze.

Noch vor zwei Wochen hatte keiner damit gerechnet, dass die angeschlagene Kongresspartei einen solchen Erfolg davon tragen könnte. Die meisten Beobachter rechneten damit, dass Vajpayee seine Mehrheit würde sichern können.

"Ich hatte nie Lust, in die Politik zu gehen"

Venkaiah Naidu, Chef von Vajpayees Hindupartei Bharatiya Janata Party (BJP), sagte: "Weil wir das Mandat des Volkes nicht bekommen haben, haben wir beschlossen, in die Opposition zu gehen." Generalsekretär Pramod Mahajan gab sich "fassungslos". Inoffiziellen Prognosen zufolge konnte die Opposition vor allem bei der armen Landbevölkerung punkten.

Gandhi-Anhänger feiern den Wahlsieg
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Gandhi-Anhänger feiern den Wahlsieg

Noch ist unklar, wer die Nachfolge Vajpayees antreten wird; das Oppositionsbündnis war ohne Spitzenkandidat in die Wahl gegangen. Doch beste Aussichten hat derzeit die Vorsitzende der Kongresspartei, Sonia Gandhi. Der Generalsekretär der Kongresspartei, Ghulam Babi Azad, wollte überhaupt keinen Zweifel daran lassen. Vollmundig verkündete er heute: "Sonia Gandhi wird Ministerpräsidentin werden." Freilich gibt es bei möglichen Koalitionspartnern Vorbehalte gegen die Witwe des früheren Premier Rajiv Gandhi. In ihren Augen hat sie vor allem einen Makel: ihre Herkunft.

Denn Anfang der sechziger Jahre, als Sonia, die Tochter eines Bauunternehmers aus Turin, für einen Sprachkurs nach Cambridge ging, hatte sie kaum eine rechte Vorstellung von Indien - gerade einmal, wie sie später gestand, "eine vage Idee, dass es Indien mit seinen Schlangen, Elefanten und Dschungeln irgendwo auf der Welt gibt". Und jetzt soll die Herrschaftsdynastie der wohl bedeutendsten Familie des Subkontinents fortsetzen und nach Staatsgründer Jawaharlal Nehru, dessen Tochter Indira Gandhi sowie deren Sohn Rajiv die vierte Regierungschefin aus dem Clan werden.

Doch so vorgezeichnet, wie es schien, war der Weg Sonia Gandhis in die Politik keineswegs. Als 1984 Schwiegermutter Indira Gandhi von einem Leibwächter erschossen wurde, gab es für sie nur eines: Sie wollte unbedingt ihren Mann Rajiv davon abhalten, in die Politik zu gehen. Sie ahnte, ihm würde dasselbe Schicksal blühen. Umsonst. Rajiv ließ sich von den trauernden Indern zum Nachfolger seiner Mutter küren. Sieben Jahre später, zwei Jahre nachdem ihn eine Wahlniederlage das Amt gekostet hatte, kam auch er ums Leben - als Opfer eines tamilischen Selbstmordattentäters.

"Die Sphinx von Delhi"

Glaubhaft klingt es daher, wenn Sonia Gandhi sagt: "Ich hatte nie Lust, in die Politik zu gehen." Doch das Pflichtbewusstsein einer Familie gegenüber, deren Mitglieder für die Kongresspartei gestorben seien, stimmte sie schließlich doch um. Erst 1998 hatte sie nach langem Zögern den Vorsitz der Partei übernommen.

Stinksauer: Noch-Premier Vajpayee
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Stinksauer: Noch-Premier Vajpayee

Lange Zeit hatte sich Gandhi demonstrativ von der Öffentlichkeit ferngehalten. Um die Witwe entstand ein Mythos. Ihr Bungalow in Neu Delhi, Janpath Nummer Zehn, wurde zu einer der bekanntesten Adressen Indiens. Obwohl sie es damals vermied, öffentlich Position zu beziehen, galt sie als einflussreichste Frau des Landes. Die "Sphinx von Delhi" nannte man sie.

Besonders liegt der Ministerpräsidentin in spe nun daran, ihre italienische Vergangenheit runterzuspielen. Eine Weiße an der Spitze der Regierung, das ist für viele in der ehemaligen Kolonie noch immer eine schwer erträgliche Vorstellung. Seit 20 Jahren besitzt sie die indische Staatsangehörigkeit, sie spricht - wenn auch mit Akzent - fließend Hindi, trägt besonders gern Sari. Ihr Sohn Rahul wird nicht müde, sie als "Mutter Indien" zu porträtieren. Von ihr, nicht von seinem Vater, habe er gelernt, ein Inder zu sein. Und die Mutter selbst betont: Zu Hause wird indisch gegessen. Pasta gebe es nur auf besonderen Wunsch von Freunden.

Insofern dürfte die gebürtige Italienerin die Bedeutung des Gandhi-Clans in Indien am Leben halten. Und für mögliche Nachfolger hat Sonia Gandhi auch schon gesorgt. Die nächsten Gandhis stehen in den Startlöchern. Tochter Priyanka machte die letzten Wochen kräftig Wahlkampf, und Rahul bewarb sich bei der Wahl wie seine Mutter um einen Parlamentssitz - keine Frage, für welche Partei.

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