Brüssel/Hamburg - 60.000 Seiten Berichte und Gesetzestexte warten schon jetzt in Brüssel auf ihre Übersetzung. Nach der EU-Osterweiterung droht die Kommission unter dem Papierberg zu ersticken. Verwaltungskommissar Neil Kinnock griff daher zu drastischen Maßnahmen. Laut "Financial Times" verfügte er, dass die Schriftstücke der Kommission künftig bis auf begründete Ausnahmen nicht länger als 15 Seiten sein sollen. Im Moment haben die Papiere im Durchschnitt einen Umfang von 32 Seiten. Bereits 2001 war eine Reduzierung gefordert worden, trotzdem stieg der Übersetzungsbedarf jährlich um mehr als fünf Prozent. Bliebe dies so, würden die Stapel unübersetzter Dokumente binnen drei Jahren auf 300.000 Seiten anwachsen, erklärte die Kommission.
Die Zahl der Amtssprachen stieg mit dem 1. Mai von elf auf zwanzig. Anstelle der 110 Übersetzungskombinationen gibt es nun 380. Alle drei baltischen Staaten haben eigenständige Sprachen und selbst das englischsprachige Malta brachte seine zweite Amtssprache ins Brüsseler Babel ein. Maltesisch ist dabei besonders kompliziert, gehört es doch zum nordarabischen Zweig der semitischen Sprachen.
Neil Kinnock: Schreibt die Hälfte!
"Aus diesem Grund müssen die Kommissionsdienststellen im Hinblick auf die Anzahl und Länge der von ihnen erstellten Texte mehr Disziplin wallten lassen." Der jetzt verabschiedete Aktionsplan soll dafür sorgen, "dass die für Texte vorgesehene Standardlänge strikt eingehalten wird". Ein so genanntes "System zur Nachfragesteuerung" soll garantieren, dass die Vorgaben auch umgesetzt werden. Danach gibt es verschiedene Prioritäten für die Schriftstücke. Interne Dokumente werden verstärkt nur noch in die Verfahrenssprachen Englisch, Französisch und Deutsch übersetzt. Diese Praxis ist auch jetzt schon gängig.
Die neuen EU-Mitglieder plagen noch ganz andere Sorgen. In vielen Ländern ist noch nicht einmal das 85.000 Seiten starke Regelwerk der EU vollständig in die Landessprachen übersetzt. In den Ländern des ehemaligen Ostblocks fehlen dabei oft einfach die Worte. Viele englische Fachbegriffe, Bezeichnungen exotischer Tiere und Obstsorten oder verschiedene Austernkrankheiten kannte man früher nicht. Da die Staaten oftmals auch nicht einfach Anglizismen übernehmen möchten, werden die Dolmetscher zu Sprachschöpfern. Im staatlichen Übersetzungsbüro Lettlands entstanden so Hunderte Neuschöpfungen, die eine eigene Regierungskommission prüft und absegnet.
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