Der designierte demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry, der sich bisher zurückhaltend zur Anti-Terror-Politik der Regierung geäußert hatte, griff Bush auf einer Wahlkampfveranstaltung in Seattle scharf an. Bush betreibe die "arroganteste, ungeeignetste, rücksichtsloseste und ideologischste Außenpolitik in der Geschichte der Vereinigten Staaten". Vor der verregneten Kulisse des Seattler Hafens warf er der Regierung vor, weder die Containerhäfen noch Züge, Chemiewerke und Atomkraftwerke ausreichend zu überwachen. "Wir brauchen einen Präsidenten, für den Landesverteidigung kein Fototermin ist", sagte Kerry - ein klarer Seitenhieb auf die jüngst von der Regierung herausgegebene Terrorwarnung. "Wir brauchen einen Präsidenten, der Amerika sicherer macht", rief Kerry den 2000 Zuhörern zu.
Ähnlich äußerte sich auch der Washingtoner Polizeichef Charles Ramsey in der "Washington Post". Die Regierung habe ihm überhaupt keine neuen, spezifischen Informationen geliefert, so Ramsey. "Die Stadt selbst ist ein Ziel - aber das wussten wir vorher."
Das Weiße Haus versucht, die Bedenken zu zerstreuen. Regierungssprecher Scott McClellan berief sich auf eine "Reihe von glaubwürdigen Geheimdiensterkenntnissen" in den letzten Monaten, von einer Übertreibung der Bedrohung könne keine Rede sein. Mehr als eine verbale Reaktion zeigte das Weiße Haus allerdings nicht: Es bleibt bei der mittleren Alarmstufe "Gelb", die lediglich ein "erhöhtes" Anschlagsrisiko bezeichnet.
Auch sieht sich die Bush-Regierung dem Vorwurf ausgesetzt, die Terrorwarnung aus wahltaktischen Gründen absichtlich verspätet öffentlich gemacht zu haben. "Die Regierung wusste schon seit Monaten von der Bedrohung", kritisiert Harold Schaitberger, Vorsitzender der Gewerkschaft der Feuerwehrmänner. "Ich finde es verdächtig, dass die Warnung so erschreckend passend an Bushs Rede an die Nation und sinkende Umfragewerte anknüpft." Mehrere demokratische Mitglieder des Kongresses äußerten die Besorgnis, Bush wolle nur von der Situation im Irak ablenken, berichtet die "Seattle Times".
Justizminister John Ashcroft und FBI-Direktor Robert Mueller hatten gestern gewarnt, die Terrororganisation al-Qaida plane einen weiteren großen Anschlag auf US-Territorium in den nächsten Monaten. Gleichzeitig wurden Namen und Fotos von sieben Verdächtigen veröffentlicht, die laut Ashcroft Verbindungen zu al-Qaida haben. Eine direkte Verbindung der mutmaßlichen Terroristen zu den Anschlagsplänen sei jedoch bisher nicht festgestellt worden. Dafür hätten die Gesuchten aktiv an der Planung zurückliegender Anschläge im In- und Ausland mitgewirkt.
Stephan Zimprich
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