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30.05.2004
 

Bin Laden und die Taliban

Offensive im Grenzland der Paschtunen

Von Claus Christian Malzahn

Wenn der Schnee schmilzt am Hindukusch, flammen die Kämpfe auf. US-Truppen und Pakistanis versuchen zur Zeit, die Taliban in die Zange zu nehmen - doch bei den Kämpfen im Grenzland verlor die US-Armee am Wochenende bereits vier Soldaten.

 US-Soldaten in Afghanistan: Kapazität verdreifacht
SPIEGEL ONLINE

US-Soldaten in Afghanistan: Kapazität verdreifacht

Frieden gibt es in Afghanistan meistens nur im Winter, und auch der ist eher fragil. Von November bis April sind die meisten Pässe durch Schneemassen blockiert - selbst die aggressivsten Kämpfer kämen durch Eis und Kälte nicht durch. Wenn aber der Schnee schmilzt in den Bergen vor Kabul und die Sonne die Ebene von Kandahar braungebrannt hat, greifen die Stämme zu den Waffen - das ist seit hunderten von Jahren so und in diesem Frühling nicht anders.

Die Bilanz des vergangenen Wochenendes liest sich für die Regierung in Kabul nicht gut. Im Süden des zerklüfteten Landes griffen paschtunische Anhänger der Taliban ein Büro der Bezirksregierung von Helmand an - sieben regierungstreue afghanische Soldaten und ein Angreifer kamen bei dem Feuergefecht ums Leben. In der Nachbarprovinz Zabul musste die US-Armee einen ihrer größten Verluste seit dem Einmarsch im Herbst 2001 verzeichnen: Vier Soldaten wurden dort in einem Guerilla-Angriff getötet.

 Taliban-Kämpfer: Flucht durch Tunnel
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REUTERS

Taliban-Kämpfer: Flucht durch Tunnel

An der Grenze zu Pakistan, in dem Hinterhalt-Attacken und Überraschungsangriffe der Taliban besonders häufig vorkommen, wurden außerdem mehrere US-Soldaten bei einer Attacke verletzt. Damit stieg die Zahl der in Afghanistan gefallenen US-Soldaten auf 90; 56 von ihnen starben bei Gefechten. Seit vergangenen Sommer starben in Afghanistan etwa 700 Menschen durch Angriffe der Taliban, darunter auch viele Zivilisten: das Land befindet sich längst wieder im Krieg.

Neue US-Truppen in Kandahar

Die Amerikaner haben sich für diesen Sommer offenbar vorgenommen, die zum Teil völlig außer Kontrolle geratene Situation in den südöstlichen Provinzen militärisch zu bereinigen. Im Pentagon und im weißen Haus träumen manche Strategen sogar davon, endlich Osama bin Laden zu fangen, dessen Versteck im Grenzland der Paschtunen vermutet wird.

Die Luftschlagskapazität der in Kandahar stationierten US-Streitkräfte wurde deshalb dem Vernehmen nach verdreifacht. Doch Bomber und Jets können in der unübersichtlichen, von Schluchten und Höhlen durchzogenen Bergwelt tatsächlich wenig ausrichten. Dennoch werden die in Kandahar stationierten US-Truppen seit einigen Monaten stufenweise ausgetauscht und teilweise durch Elite-Einheiten aus Hawaii ersetzt. Die US-Armee verfügt in Afghanistan über etwa 20.000 Soldaten, ausserdem etwa 10.000 Soldaten der noch im Aufbau befindlichen Karzai-treuen "Afghan National Army", die in der Regel die Hauptlast von Bodenoffensiven tragen muss. Die in Kabul stationierten Soldaten der Internationalen Schutztruppe ISAF, an der sich Soldaten aus 30 Nationen beteiligen, ist an der offensichtlich bevorstehenden Offensive gegen die Taliban nicht direkt beteiligt. Etwa 6500 Soldaten der "International Security Assistance Force", zu der Deutschland seit dem Januar 2002 einen erheblichen Truppenanteil stellt, sichern die Hauptstadt Kabul. Die Stadt gilt, trotz einiger Anschläge und Attacken, als relativ sicher.

Doch im Grenzland, dem Hauptaufmarschgebiet der Taliban, stoßen die US-Armee und die Truppen Karzais auf objektive, kaum lösbare geographische und politische Probleme. Viele der islamistischen Guerilleros ziehen sich nach ihren Angriffen wieder nach Pakistan zurück. Dorther kommen sie meistens. Die pakistanische Grenzarmee ließ die islamistischen Guerilleros lange Zeit gewähren, afghanische und amerikanische Politiker sowie neutrale Beobachter mussten sogar davon ausgehen, dass Pakistan den Kampf der Taliban auf kleiner Flamme weiterkochen lässt, um Kabul nicht zur Ruhe kommen zu lassen.

Pakistanis kesseln Wannu ein

Nachdem Islamisten im vergangenen Jahr mehrfach vergeblich versucht haben, das pakistanische Staatsoberhaupt, General Pervez Musharraf umzubringen, scheint man in Islamabad aber von seiner gefährlichen bisherigen Linie abzurücken. Die pakistanische Armee ist seitdem mehrfach in die autonomen Stammesgebiete einmarschiert, um Islamisten dingfest zu machen und zu bekämpfen.

Seit einigen Tagen blockiert die Armee die Zufahrtsstraßen zur vor allem von Paschtunen bewohnten Provinzhauptstadt Wannu, die unweit der Grenze zu Afghanistan liegt. Die Stadt ist umzingelt, Scharfschützen der Armee sind in Wannu in Position gegangen. Der Handel liegt lahm, kaum jemand wird die Durchfahrt erlaubt. Mit den Aktionen sollen paschtunische Stammesführer gezwungen werden, militante Islamisten, die sich in der Stadt versteckt halten sollen, an die Armee zu übergeben.

Wannu ist die Hauptstadt von Süd-Waziristan, einer Gegend, die neben anderen Provinzen als möglicher Schlupfwinkel von al-Kaida Offizieren gilt. Waziristan grenzt wiederum an die afghanische Provinz Paktika, einer Berggegend, aus der die Taliban nie richtig vertrieben werden konnten. Die letzte Anti-Terror-Aktion der pakistanischen Armee fand hier im Herbst 2001 statt.

 US-Soldaten, verbündete Afghanen: Offensive nach der Schneeschmelze
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US-Soldaten, verbündete Afghanen: Offensive nach der Schneeschmelze

Bisher ist es den Guerilleros aber bei solchen Aktionen meistens gelungen, zu fliehen, manchmal sogar durch kilometerlange Erdtunnel. Das Vertrauen der US-Armee in die Fähigkeiten ihrer pakistanischen Bündnispartner ist außerdem nicht sehr groß. Immer wieder kam es in letzter Zeit deshalb zu Grenzübertritten - US-Soldaten im Einsatz auf pakistanischem Territorium.

Solche militärisch mitunter sinnvollen, politisch aber fragwürdigen Aktionen schätzt man gar nicht in Islamabad. Denn sie kratzen am selbstbewussten Image der Nation und sind Wasser auf die Mühlen der Prediger, die Musharraf als Marionette der Amerikaner denunzieren. Doch um im Grenzland der Paschtunen endlich Boden gut zu machen, werden solche Übertritte für die Amerikaner in diesem Sommer vermutlich kaum zu vermeiden sein.

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