Von Matthias Gebauer
Berlin/Kunduz - Es war gegen 9.30 Uhr Ortszeit, als das belebte Treiben auf dem Gandum-Basar mitten in der nordafghanischen Provinzhauptstadt Kunduz von einem lauten Knall zerrissen wurde. Beißender Rauch verbreitete sich in Sekundenschnelle. Mitten auf der nicht asphaltierten Straße stand ein brennender Jeep, auf dessen Heckscheibe eine deutsche Fahne klebt. Im Innenraum fanden die Polizisten wenig später nur noch die Leiche des afghanischen Fahrers, im Umfeld des Wagens lagen die Körper zweier getöteter Männer, eines Kindes und die Überreste einer fern gezündeten Bombe.
Schnell mühte sich die Bundeswehr hier zu Lande, den Fall klein zu reden. Kein Bundeswehr-Soldat sei bei dem Attentat verletzt worden, da der afghanische Fahrer, ein Werkstattbesitzer, mit dem Jeep auf dem Weg zu einer Reparatur gewesen sei. Außerdem sei auch noch nicht klar, dass der Anschlag explizit dem deutschen Kontingent von 250 Soldaten gegolten habe, so ein Sprecher des Einsatzführungskommandos in Potsdam. Ebenso hätte der Sprengsatz zufällig losgegangen sein, als gerade das gut zu erkennende Bundeswehrfahrzeug vorbei gekommen sei.
Auch die Folgen des zweiten schweren Zwischenfalls in der eigentlich als ruhig geltenden Provinz Kunduz wurden von der Bundeswehr offiziell heruntergespielt. "Wir haben so oder so eine sehr hohe Sicherheitsstufe", sagte der Sprecher in Potsdam, "da kann man kaum noch etwas hochfahren." Bis die Ermittlungen abgeschlossen seien, würden die Soldaten aber auf alle nicht unbedingt nötigen Fahrten außerhalb des Camps und auf Inspektionen bei Projekten verzichten. Dennoch würden die Soldaten weiter ihren Auftrag ausführen und den Aufbau von zwei weiteren Camps in der Region vorantreiben.
"Neue Stufe der Gewalt"
Intern wurde der Vorgang etwas anders bewertet. Ein Mitarbeiter aus dem Verteidigungsministerium gestand ein, dass der offenbar gezielte Angriff eine "neue Stufe der Gewalt" darstellt. Bisher sei es in Kunduz meist nur zu Streit unter rivalisierenden Gruppen gekommen, die deutsche Truppe hingegen wurde nie direkt angegriffen. Dass es sich bei der Explosion um einen Zufall handelte, will auch im Ministerium niemand so recht glauben. Auch erste Hinweise, dass der Werkstattbesitzer wegen seiner Kooperation mit den Deutschen das eigentliche Ziel des Angriffs gewesen sein könnte, machen die Lage nicht besser. "Die Einschläge kommen schnell näher", befürchtet der Bundeswehr-Beamte.
Erst nach dem Überfall auf ein Camp mit chinesischen Gastarbeitern in der vergangenen Woche, bei dem zwölf Menschen ums Leben kamen, ist einigen Politikern aufgegangen, wie gefährlich der Einsatz ist. "Jedem muss klar gewesen sein, dass wir dort nicht in einem Paradies herum laufen", sagt der CDU-Verteidigungsexperte Thomas Kossendey. Trotzdem ist sowohl bei der SPD als auch bei der Union Konsens, an der Mission festzuhalten. "Wir bleiben in Kunduz, auch wenn es gefährlich wird", fasste es ein Politiker aus dem Verteidigungsausschuss zusammen. Etwas weniger dramatisch sagte das später auch ein Regierungssprecher.
Vor allem die recht professionelle Ausführung des Anschlags, die laut einem ersten Bericht mit einer Metallkonstruktion ummantelt und offenbar mit einem Sender fern gezündet wurde, lässt den Ermittlern keine Ruhe. Der Ausführung lässt vermuten, dass es sich bei den Tätern nicht um pensionierte Freizeit-Guerilleros handelt, sondern um eine gut organisierte Gruppe. Sorge bereitet den deutschen Soldaten im Camp auch die Meldung, dass wenige Stunden vor dem Anschlag in Kunduz eine Bombe gleicher Bauart in einer Nachbarprovinz gezündet worden war.
Blitzableiter für US-Offensive gegen Drogen?
Gründe für die eskalierende Gewalt gegen die Soldaten gibt es viele. Zum einen versuchen mehrere Gruppen von alten Taliban und lokalen Machthabern die langsam einkehrende Stabilität in der Provinz zu stören. Mit allen Mitteln wollen sie die Wahlen im September verhindern, die der amtierenden Kabuler Übergangsregierung erstmals Legitimität geben sollen. Schon jetzt scheint dieses Ziel erreicht, denn die Wählerregistrierung ist in den letzten Wochen außer in der Hauptstadt zum Erliegen gekommen. Schon jetzt befürchten die Organisatoren der Wahl, dass der Urnengang nicht wie geplant im September über die Bühne gehen kann.
Die Bundeswehr könnte aber auch als Sündenbock für Verbündete herhalten. Mohnbauern und Händler sind wütend, weil die USA-Armee Mohnfelder in der Region zerstören lässt. Schon vor Wochen hatten mehrere Soldaten in Kunduz die Befürchtung geäußert, dass sie angegriffen werden könnten, wenn die Aktion in der Provinz beginnt. Mittlerweile aber ist aus Kunduz zu hören, dass auch die US-Truppen ihre Offensive wieder abgeblasen haben. Als Grund wird die mangelnde Sicherheit in der Region genannt.
Für den Fahrer des Bundeswehr-Jeeps und die anderen Opfer kam diese Erkenntnis zu spät.
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