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21.07.2004
 

Polen

Nacktes Elend in Schlesien

Aus Kattowitz berichtet Jan Puhl

Seitdem die Traditionsindustrien abgewickelt sind, gehen im alten Bergbaugebiet an der Oder viele Frauen und Töchter arbeitsloser Kumpel auf den Strich. Ganze Busladungen mit Amateur-Huren werden nach Krakau gebracht - dort bieten sich die Polinnen Touristen an.

Abends, nach zehn Uhr, lockern die Herren in der Bar des Hotels "Rondo" in Kattowitz (Katowice) die Krawatten, bestellen ein paar Bier, erholen sich vom Manager-Alltag. Magda ist dann immer da.

Gleichmäßige Sonnenbank-Bräune im Gesicht, die schwarzen Haare offen, wartet sie vor ihrem Mineralwasser in der Ecke, zwinkert Neuankömmlingen zu. Ab und an nickt einer der Männer unauffällig. Magda steht dann auf, schlendert durch den Raum und setzt sich dazu, plaudert in holprigem Englisch. Es soll aussehen wie eine Zufallsbekanntschaft, dabei weiß sowieso jeder, warum Magda hier ist: "Was hast du denn heute noch vor", fragt sie. "Vielleicht willst du mich auf dein Zimmer einladen, 100 Euro."

Magda ist 20, sie hat ein Töchterchen und Hunderte von Konkurrentinnen.

Das einstige Bergbaurevier Schlesien ist zu einer Hochburg des Sexbusiness geworden: Überall in den Straßen von Katowice klemmen kleine Zettel in der Größe von Visitenkarten hinter den Scheibenwischern parkender Autos. Auf ihnen sind nackte Frauen zu sehen, Reklame für so genannte Geselligkeitsagenturen - in Privatwohnungen eingerichtete Puffs. In manchen der vielen Plattenbau-Wohnblocks gibt es gleich mehrere solcher Etablissements.

Busladungsweise lassen Zuhälter Amateur-Huren aus der alten Kumpelstadt nach Krakau chauffieren, um sie dort Touristen anzubieten. Prostitution als Broterwerb, das ist im katholischen Schlesien mittlerweile so normal, dass Frauen, die in der Zeitung "Glos Zachodni" seriöse Arbeit suchen, ihren Anzeigen den Zusatz "Geselligkeitsarbeit ausgeschlossen" hinzufügen. Nur so können sie sich vor Angeboten aus der Sexbranche schützen.

Für diese Frauen geht es ums Überleben

Beata Dabrowska vom Demokratischen Frauenclub im nahen Zabrze hat sich einmal als Telefonistin in eine dieser Agenturen eingeschlichen. "Es kam sogar vor, dass sich dort Mutter und Tochter gemeinsam um Arbeit bewarben." Zu Hause hatten sie erzählt, dass sie Jobs als Kinderbetreuerinnen hätten. Auch Frauen über vierzig versuchen sich in dem Gewerbe so lange es geht.

"Für diese Frauen geht es ums Überleben, es gibt einfach keine Arbeit hier", sagt Schwester Anna Balchan. Ihr dunkelbrauner Habit hat sie nicht daran gehindert, sich in Hotel-Lobbys, in Bars und auf der Straße kundig zu machen. Für eine Nonne spricht sie flapsiges Polnisch und pflegt ein gutes Verhältnis zu ihrer Klientel. Seit sechs Jahren kümmert sie sich in Katowice um Frauen, die sich auf diese Weise zuweilen ganz buchstäblich Brot beschaffen. "Das Phänomen findet sich längst in der Mitte der Gesellschaft", hat Schwester Anna beobachtet.

Wie viele Frauen sich und ihre Familien mit käuflichem Sex über Wasser halten, will weder die Stadt noch die Woiwodschaft so genau wissen, die Dunkelziffer ist gewaltig. Die Männer, hat Schwester Anna beobachtet, kneifen häufig die Augen zu, wollten lieber gar nicht wissen, woher das Geld stammt, mit dem ihre Frauen den Kühlschrank füllen. Doch die Trennungsquote von Paaren hat sich in der Gegend vervielfacht.

Neben der Landwirtschaft stellt die schlesische Schwer- und Bergbauindustrie - einst Stolz und Devisenbringer Polens - die Warschauer Regierung vor schwere Probleme. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung der einst blühenden Region haben keinen Job, die meisten davon sind Kumpel, die kaum noch Chancen haben, jemals wieder in die Arbeitswelt zurückzufinden.

An einer Schule ihres Ordens der "Schwestern der unbefleckten Maria" hatte Anna vor 20 Jahren ihr Leben als Nonne begonnen. Damals hätte sie nicht im Traum für möglich gehalten, dass sich ihre Schülerinnen einmal wildfremden Männern verkaufen würden.

200.000 Bergleute verloren ihren Job im Revier

"Die kleinen Mädchen sagten damals: Schwester, warum sollen wir denn lernen, wir heiraten doch einen Bergmann." Die Kumpel genossen Privilegien, durften in speziellen Geschäften all die Dinge kaufen, die sonst in der Volksrepublik Mangelware waren: Kühlschränke etwa oder Fernseher. Und sie konnten sie sich leisten, ein Bergmann verdiente das Zweieinhalbfache des polnischen Durchschnittslohns.

Das war reine Bestechung: Die Kommunisten fürchteten sich vor den Arbeitern mit den kohlenstaubgeschwärzten Gesichtern. In den achtziger Jahren hatten die Kumpel gemeinsam mit den Werftarbeitern die unabhängige Gewerkschaft Solidarnosc organisiert.

Diesen glorreichen Zeiten trauern die Mitarbeiter in der Katowicer Zentrale der Solidarnosc noch immer nach. Bilder des Papstes, des "Sohnes der polnischen Erde auf dem Throne Petri" schmücken die Wände. Gleich daneben hängen Porträts des Priesters Jerzy Popieluszko, an dessen Ermordung durch kommunistische Sicherheitskräfte 1984 die Solidarnosc in diesem Jahr mit Gedenkgottesdiensten erinnert.

Mehr als 200.000 Bergleute haben in den letzten zehn Jahren in Schlesien ihren Job verloren, klagt der Solidarnosc-Funktionär Jaroslaw Grzesik. 130.000 Kumpel gibt es noch, aber die Entlassungen gehen weiter. "Man hätte nicht so viele Gruben schließen dürfen", glaubt Grzesik.

Zu spät. Die meisten Hallen auf dem Gelände der Katowicer Zeche Kleofas unweit des Rondo-Hotels stehen bereits leer. Nur noch die "Restrukturierungsgesellschaft" residiert weiterhin im Hauptgebäude. Ein Baggerfahrer und sein Kollege mit dem Lkw reißen die übrigen Bauten ab, kippen den Schutt in die Flöze. "Restrukturierung? Das ist Polnisch für Liquidierung", sagt der Gewerkschafter Grzesik. Die Fördertürme mit den Aufzügen fallen als letztes.

In Dabrowa Gornicza, einer nahen Bergbaustadt, ist die Restrukturierung längst abgeschlossen. Hier entstehen heute 95 Prozent der polnischen Pornoseiten für das Internet. "Uns ist die Umstellung vorbildlich gelungen: Wir haben eine alte sterbende Branche durch ein Geschäft ersetzt, das auf Hochtechnologie basiert", witzelt Piotr Dobiech, ein Erotik-Seiten-Produzent.

Funktionär Grzesik kann nicht mitlachen: "Die Kumpel und ihre Familien, die einst den Wandel im Ostblock angestoßen haben, sind heute seine Opfer."

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