Von Gerhard Spörl, Washington
Amerika ist ein großes Land, ein Kontinent, so verschieden und so gegensätzlich wie ein Kontinent nur sein kann. Wie sollen die Präsidentschaftskandidaten da eigentlich einigermaßen geordnet und umsichtig einen Wahlkampf bestreiten? Und wie kann der Bush-Messer sich einen Überblick verschaffen und ein Urteil gewinnen, das mehr ist als eine schlichte Meinung aus einigermaßen gesundem Menschenverstand?
Die republikanische und die demokratische Wahlkampfmaschine beschränken sich einfach aufs Wesentliche. Falls George W. Bush in Kalifornien häufig aufkreuzen würde, stiegen seine Aussichten, diesen großen Staat zu gewinnen, allerhöchstens ein bisschen. Also lässt er es, genauso wie Arnold Schwarzenegger den Teufel tun wird, jenseits von Kalifornien für den Präsidenten in die Bütt zu steigen.
Falls John Kerry, sagen wir in Alabama, oft aufkreuzen würde, könnte er diesen konservativen Südstaat noch lange nicht gewinnen. Also lässt er es. Und deshalb eilen der Präsident und der Kandidat überall dorthin, wo sie einen Swingstaat vermuten, gestern in Iowa, heute in Ohio, morgen in Michigan, Pennsylvania oder Wisconsin. Dort treten sie pausenlos in Erscheinung, dort schalten sie ihre mehr oder weniger unerträglichen TV-Spots, dort fließen viele Millionen Dollar aus ihrem Etat.
Und wie hält es der Bush-Messer mit dem Klügerwerden unter schwierigen Bedingungen? Er fragt die Leute, die mehr wissen sollten als er. Also bestieg er neulich ein Flugzeug, das ihn nach Houston in Texas brachte, stieg in brüllender Hitze in ein Taxi, das ihn hinaus zur kleinen, feinen Rice University fuhr. Sie liegt traumhaft am Rande der texanischen Metropole, verschwenderisch in die Natur gepflanzt, weil ja Raum in Amerika ein Gut ist, das es reichlich gibt. Dann setzte sich der Bush-Messer mit Earl Black in die weitläufige, luxuriös ausgestattete James-Baker-Halle, die sich besagter James Baker, der einst die Vielzweckwaffe des Präsidenten George Herbert Walker Bush gewesen ist, bauen ließ und lauschte dem Professor mit wachsender Andacht.
Earl Black hat mit seinem Zwillingsbruder Merle die grundlegenden Bücher über die Verwandlung der Südstaaten geschrieben. Die ging so vonstatten: Erst hielten die Demokraten dort das politische Monopol, als die Demokratische Partei noch für Rassentrennung zu haben war und als die Republikanische Partei noch die Partei Abraham Lincolns und der Aufhebung der Rassentrennung war, also der Feind des Südens. Als aus dem ländlichen Süden Amerikas jedoch eine florierende urbane Gesellschaft entstand und als dazu der demokratische Präsident Lyndon B. Johnson (ein Texaner) Mitte der sechziger Jahre für die Bürgerrechte der Schwarzen eintrat, kehrten sich die Verhältnisse um. Die Demokraten waren nun für Egalität, die Republikaner aber waren gegen die Gleichberechtigung der Rassen, und also wählten die Weißen im Süden von nun an mehrheitlich die Republikaner.
Black, auf einem schwarzen gemütlichen Sofa in der gekühlten James-Baker-Halle sitzend, macht folgende Rechnung auf: Die Republikaner sind heute die Partei des Südens und müssen es am 2. November bleiben, will Bush Präsident bleiben. Zusätzlich muss er zumindest einen Staat gewinnen, der jenseits des Südens liegt, zum Beispiel Ohio, denn Ohio wurde in der Vergangenheit immer von dem Kandidaten gewonnen, der am Ende auch die Wahl gewann.
Die Demokraten wiederum, nahm der Bush-Messer gespannt zur Kenntnis, sind heute die Partei des Norden (diese geografischen Angaben sind nicht immer als exakte Himmelsrichtungen zu verstehen, da Amerika immer noch in den Kategorien des Bürgerkrieges denkt, eben in Nord und Süd). Kerry muss also unbedingt den Norden gewinnen und dazu mindestens einen Südstaat, zum Beispiel Florida, wo im Jahr 2000 nicht zufällig der Rechtsstreit um ein paar hundert Stimmen erbittert geführt worden ist. Al Gore verlor Florida und damit die Wahl.
Das ist eine Grundregel, an die wir uns fortan halten wollen. Der Bush-Messer schied vom Professor in Dankbarkeit und Achtung. So großzügig wird unsereinem ja nur selten der Horizont freigeräumt.
Also, wenn wir demnächst die Botschaft vernehmen, dass die Wahl am 2. November in den 16 Swingstaaten entschieden werden wird, jenem Gürtel von Pennsylvania über Ohio, Michigan, Wisconsin und Iowa bis tief hinein nach Nevada oder New Mexico, dann wissen wir, dass diese komplizierte Rechnung zwar stimmt, aber sich auf eine überschaubare Gleichung reduzieren lässt: Wer gewinnt Ohio? Wer gewinnt Florida? Da Kerry in beiden Staaten vor Bush liegt, ist die Prognose des Bush-Messers unverändert: Die Chancen, dass der amtierende Präsident wieder gewählt wird, liegen momentan nur bei mageren 25 Prozent.
Übrigens beantwortete Black am Ende noch eine wichtige Frage weniger entschieden als all die anderen, die ihm der Bush-Messer gestellt hatte. Die Frage lautete: Kann es nicht sein, dass der 11. September 2001 ein paar Grundwahrheiten außer Kraft setzt, die das traditionelle Wählerverhalten der Amerikaner betreffen? Die Antwort lautete: Kann sein, aber das wissen wir erst hinterher.
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