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Abu-Ghureib-Skandal Wie aus Ivan Frederick ein Folterer wurde

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil warum sich Ivan Frederick vor seinem Einsatz in Abu Ghureib fürchtet und wie er später von seinen Vorgesetzten für seine Folterpraxis gelobt wird

Folterszene in Abu Ghureib: Lob vom Vorgesetzten für die "hervorragende Arbeit"
AFP

Folterszene in Abu Ghureib: Lob vom Vorgesetzten für die "hervorragende Arbeit"

Am 31. August trifft General Geoffrey D. Miller, Kommandeur der Joint Task Force Guantanamo, im Irak ein. Mit seinem Team, das den Gefangenen auf der Karibikinsel Kuba zu diesem Zeitpunkt auf Anweisung Rumsfelds bereits mit Schlafentzug zusetzen darf, mit Dauerlärm oder der Androhung sexueller Misshandlung, sucht er nach "Möglichkeiten, Gefangene rasch auf handlungstaugliche Informationen hin auszubeuten".

Miller empfiehlt im September 2003, dass die Einheiten der Armee, die das Gefängnis kontrollieren, den Geheimdiensten unterstellt werden. Zudem sollten die Soldaten dazu eingesetzt werden, "aktiv die Umstände herzustellen, unter denen die Gefangenen erfolgreich ausgebeutet werden können".

"Ich fürchte mich"

Am 17. September schreibt Ivan Frederick an seine Frau, dass ihm sein unmittelbar bevorstehender Einsatz im notorisch chaotischen und überfüllten Abu Ghureib Sorge bereitet: "Ich fürchte mich davor, aber was kann ich tun? Wenn ich ehrlich bin: Ich mache mir etwas Sorgen um diese Mission."

Mehrere tausend Häftlinge hausen im Barackenkomplex des schon unter Saddam Hussein berüchtigten Gefängnisses sowie in den beiden angrenzenden Zeltlagern Camp Vigilant und Camp Ganci: Jugendliche, Frauen, psychisch Kranke, Kriminelle und Gefangene der Staatssicherheit. Fredericks unmittelbarer Vorgesetzter, Hauptmann Reese, entdeckt auf seinem ersten Rundgang nackte Gefangene im Zellenblock 1-A. Reese, im zivilen Leben Jalousien-Verkäufer, wendet sich an die Geheimdienstoffiziere, die ihm versichern, dass an dieser Demütigung der Gefangenen "nichts ungewöhnlich oder illegal" sei.

Die Gefangenen werden wie Tiere gehalten, doch niemand in den oberen Rängen kümmert sich darum. Im Oktober schreibt Major Dinenna vom 320. Militärbataillon mehrere E-Mails an Major William Green von der 800. Militärpolizeibrigade, in denen er die horrenden Bedingungen in Abu Ghureib anklagt.

Das Essen der privaten Firma, die das Gefängnis beliefert, enthalte Ratten, Wanzen und Dreck, schreibt Dinenna. Anstatt Unterstützung erhält der Major nur eine Rüge: "Wer macht die Anschuldigung mit Dreck und Wanzen im Essen? Wenn es von den Gefangenen stammt, braucht man dem keinen Glauben zu schenken." Major Dinenna gibt zurück: "Unsere Militärpolizei, unsere Krankenpfleger und unser Feldarzt können durchaus Dreck, Wanzen und Ratten identifizieren - und das haben sie."

Hat die Gleichgültigkeit gegenüber den Gefangenen damit zu tun, dass die muslimischen Opfer schon längst nicht mehr als legitime Gegner in einem konventionellen Krieg anerkannt werden? Es sind "illegale Kämpfer" wie die Wortschöpfung der Bush-Administration es nennt.

Zum Dienst erscheinen die Verhörexperten der Geheimdienste und privaten Sicherheitsdienste mal in ziviler Kleidung, mal in Uniform, mal mit Namensschildern, mal ohne. In zahlreichen Anrufen bei Martha klagt der einstige Gefängniswärter Frederick: Es herrsche ein einziges Durcheinander. Eine klare Dienstordnung sei in diesem Gefängnis unbekannt. Was sonst noch alles in Abu Ghureib passiert, schildert er seiner Frau allerdings nicht. Nacht für Nacht werden die Gefangenen gequält, geschlagen, sexuell gedemütigt und misshandelt.

In der Unsicherheit der Zuständigkeiten, dem Chaos der wechselnden Hierarchien, in einem Krieg gegen den Terror, in dem alle Zurückhaltung längst verloren, zahlreiche Normen bereits gebrochen sind, braucht es nicht einmal mehr einen präzisen Befehl. Die Vorgesetzten, Oberst Thomas Pappas, der Kommandeur einer Brigade des Militärgeheimdienstes, dessen Kollege, Oberstleutnant Steve Jordan, und Steve Stefanowicz, ein Verhörspezialist der privaten Sicherheitsfirma CACI, benutzen die ihnen zugewiesenen Reservisten als Handlanger: "Macht den Kerl weich für uns", lauten die vagen Anweisungen der Geheimdienstler an die Soldaten der 372. Kompanie.

"Bereitet ihm eine schlechte Nacht." Jemand wie Stefanowicz, wird Generalmajor Taguba später in seinen Untersuchungsbericht schreiben, wisse genau, "dass seine Befehle physische Misshandlung bedeuten".

Und Frederick und seine Kollegen tun, was ihnen gesagt wird. Frederick verweigert nicht den Befehl. Er verweist nicht auf die Genfer Konvention. Er verweist auch nicht auf sein Gewissen. Oder auf seine Erfahrung im Gefängnis von Buckingham County.

Den Gefangenen Nori al-Yasseri misshandelt Frederick im Zellentrakt 1-A. Mit einer Plastiktüte über dem Kopf wird al-Yasseri gezwungen zu masturbieren und dabei fotografiert. Wieder und wieder wird der irakische Zivilist geschlagen und beschimpft von den Soldaten der 372. "Sie haben uns wie Tiere behandelt," sagt al-Yasseri gegenüber Generalmajor Taguba aus, "nicht wie Menschen. Jede dieser Nächte in Abu Ghureib fühlte sich wie 1000 Nächte an."

Letzte Zweifel an ihrem Handeln nimmt der Vorgesetzte Stefanowicz den Aufsehern. Er lobt Frederick und seine Einheit: Sie erledigten "hervorragende Arbeit", die Gefangenen könnten nun viel leichter abgeschöpft werden. Gewalt gegenüber den Häftlingen wird zum Alltag in Abu Ghureib. Keiner der Krankenpfleger, welche die malträtierten Körper behandeln müssen, stoppt die Misshandlungen.

Auch über die Warnungen von Soldaten, die zufällig Zeugen der Zustände im Zellenblock 1-A werden, setzt sich jeder hinweg. Sieben Gefangene hat Specialist Matthew Wisdom Oberfeldwebel Frederick und seiner Einheit überstellt. Wisdom sieht mit an, wie die Gefangenen übereinander geworfen und misshandelt werden. Auf einer Anhörung sagt er später aus, dass Frederick "einen der Häftlinge im Brustbereich geschlagen hat", obgleich der Gefangene "keine Gefahr für ihn" darstellte.

Ivan Frederick: "Ich werde therapeutische Hilfe benötigen"
AP

Ivan Frederick: "Ich werde therapeutische Hilfe benötigen"

Als Wisdom später noch einmal zurückkommt, sieht er zwei nackte Gefangene. Einer masturbiert, der andere muss vor ihm knien. Frederick macht sich lustig über die Szene. Er sagt zu Wisdom: "Schau, was diese Tiere anstellen, wenn du sie für zwei Sekunden allein lässt." Wisdom informiert daraufhin seine Vorgesetzten und hofft, "dass die Angelegenheit geregelt wird".

Doch monatelang geschieht nichts. Fredericks Kommandeur, Hauptmann Reese, überlässt seine Untergebenen sich selbst - oder den Geheimdienst-Offizieren. Janis Karpinski überlässt den gesamten Zellentrakt 1-A den privaten Sicherheitsfirmen und der CIA. Diesen Teil ihres eigenen Gefängnisses will sie gar nicht mehr betreten haben, sagt sie heute.

Im Spätherbst ruft Frederick bei Martha an: Schreckliche Dinge geschehen hier, erzählt er seiner Frau. Er könne am Telefon darüber nicht sprechen, aber nach seiner Rückkehr aus dem Irak werde er therapeutische Behandlung benötigen.

Erst am 14. Januar ist alles vorüber. Spät nachts klopfen Ermittler an Fredericks Tür und der Oberfeldwebel wird abgeführt. Zwei Wochen später wird Generalmajor Antonio Taguba beauftragt, die Vorfälle zu untersuchen.

"Systemische Probleme" konstatiert Taguba, "mangelnde Führung" und "unzureichende Ausbildung" der Militärpolizei. Für die brutalen Misshandlungen im Zellentrakt 1-A macht Taguba vor allem Stefanowicz, Pappas und Jordan verantwortlich. Doch vor Gericht stehen nur die Reservisten der Militärpolizei der 372. Kompanie, die willigen Vollstrecker.

Nach einem kurzen Zwischenstopp in Mannheim zu einer Anhörung, sitzt Frederick nun wieder in der Hitze von Bagdad in einem Zelt im amerikanischen Camp Victory und wartet darauf, dass ihm der Prozess gemacht wird. Er fürchtet, dass seine Ankläger versuchen werden, ihn, wie zuvor schon seine Mitbeschuldigte Laynndie England, als Täter aus eigenem Antrieb darzustellen.

Daheim in Buckingham Court kann Martha Frederick die Welt nicht mehr verstehen. Eine "Marionette an Strippen" sei ihr "Chip" gewesen. Nichts weiter. "Die haben uns mit Lügen in den Krieg geführt", sagt sie, "und jetzt benutzen sie die einfachen Soldaten als Sündenbock für ihre Verbrechen." Von seiner erst einmal letzten Reise, so viel scheint sicher, wird ihr Mann keine Fahne mehr nach Hause bringen.

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