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14.09.2004
 

Spanien rockt

Das Ende der 1000-jährigen Isolation

Von Helene Zuber, Madrid

Deutschland träumt von der guten alten reformfreien Zeit, Italien verharrt im Bann eines korrupten Medienzaren, die Briten sind im Irak-Abenteuer gefangen - aber Spanien rockt. Auch die blutigen Attentate vom März dieses Jahres haben das Land nicht in Depression versinken lassen - im Gegenteil. Eine SPIEGEL-ONLINE-Serie über den Wiederaufstieg einer europäischen Mittelmacht.

 Hacienda Benazuza, Andalusien: Alte Werte, modernes Leben
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Hacienda Benazuza, Andalusien: Alte Werte, modernes Leben

Madrid - Das hauchdünne Rechteck sieht aus wie eine Oblate, ist aber getrocknete Milch. Das Ding ist bestreut mit den geheimnisvollen Blüten von Setschuan-Pfeffer. Es zergeht im Mund. Bald beginnen Gaumen und Zunge zu bitzeln, die Lippen vibrieren - eine aufregende Schärfe setzt quasi kleine Stromstöße frei. Mund auf, Augen zu. Das ist der Einstieg ins neue Spanien.

Ferran Adrià, 43, der verrückte Koch in seinem Restaurant hinter den Bergen der katalanischen Küste ist mittlerweile zum Symbol geworden für alles, was duftet und prickelt, gut aussieht und teuer ist. An Adrià kommt keiner mehr vorbei. Der Koch, nicht der Regierungschef oder ein Unternehmer, ist dem Nachrichtenmagazin "Time" als einziger Spanier wichtig genug, um ihn in den exklusiven Kreis der 100 einflussreichsten Menschen weltweit aufzunehmen.

Inzwischen hat der Adrià-Virus ganz Europa angesteckt. Selbst in Italiens Norden, wo man bislang so tat, als habe man das Kochen überhaupt erfunden, versuchen sterneheischende Jünger sich an Kreationen in der Art seines El Bulli-Restaurants.

Und die ganze Welt schraubt sich die Serpentinenstraße vom Ferienort Rosas an der Costa Blanca zur Montjoi-Bucht durch die Klippen, um Adriàs elektrische Milch zu verkosten. Der magische Keks erscheint als kulinarische Essenz all dessen, was den Reisenden dieser Tag im Land des Zauberkochs erwartet. So ein verwirrend beglückendes Prickeln hat ganz Spanien erfasst, es elektrisiert wie Adriàs Kekse.

Mode aus Barcelona

Filmemacher, Maler, Musiker, Architekten und Modedesigner befinden sich auf dem Siegeszug durch Europa und in Übersee. Sie führen eine neue "movida" an, stärker noch als die Bewegung, die das Erwachen der Künstler in den Jahren nach dem Tod des Diktators Franco 1975 auslöste.

Wer in ist trägt heute Mode von Custo aus Barcelona statt von Prada aus Mailand. Gerade hat das Filmfestival in Venedig den spanischen Kinostar Javier Bardem mit der Copa Volpi und den Regisseur Alejandro Amenábar mit dem Sonderpreis der Jury ausgezeichnet. Städte in aller Welt wetteifern um die Ehre, einen Bau der neuen spanischen Architektengeneration zu beherbergen.

Santiago Calatravas Dach für das Athener Olympia-Stadion galt als Signum der Spiele. Flamenco-chill-out beruhigt die Herzschläge nach einer Disco-Nacht, und Madrid bietet mit seinen drei spektakulär erweiterten Tempeln der Museumsmeile Kunst im Megapack. Im Prado wird als erster lebender Künstler Miquel Barceló, 47, ausstellen, nachdem er diesen Sommer im Pariser Louvre triumphierte. Vergesst Rom und Florenz: Europa macht sich auf den Weg in das Land, in dem die Orangen blühen - dreimal im Jahr.

"Spain rocks" titelte Time vor den Wahlen, die, ganz gegen die vorherrschende Tendenz anderswo in Europa, eine Partei unverbrauchter Sozialisten an die Macht brachte. Und selbst die Attentate der Quaida vom 11. März auf vier Vorortzüge in der Hauptstadt, durch die 191 Menschen starben, haben die Spanier nicht in Depressionen sinken lassen.

Das Selbstbewusstsein nach den Attentaten

Sie haben die Wahl, drei Tage danach, zum Neuanfang gemacht, das alte, verknöcherte Spanien mit seinen alten, verkniffenen Repräsentanten abgeschüttelt. Italien verharrt noch immer im Bann des korrupten Medienzaren Silvilo Berlusconi. But Spain rocks. Jetzt erst recht. Eben mal eine Regierung abgewählt - y qué, na und? Wo hat man das schon, in Europa? Die islamistischen Attacken nicht anders als die Wende-Wahl danach haben in aller Welt die Neugier auf diese Leute dort hinter den Pyrenäen erst richtig wach werden lassen.

Irgendetwas ist passiert mit diesen Spaniern. Übermut geht durchs Land, nachdem das Volk sich so plötzlich der Macht des Aufbegehrens bewusst geworden ist. Die ganze Gesellschaft fühlt sich empor getragen von einem neuen Lebensgefühl.

"Die Menschen sind glücklich. Wir haben das Korsett gesprengt", jubelte die neue Infrastrukturministerin Magdalena Álvarez. Aus "einem Albtraum erwacht" sei das Land, sagte der Regisseur Fernando Trueba, der zusammen mit anderen Intellektuellen die Gruppe "Demokratische Intervention" gegen die Regierung Aznar in den Wahlkampf einführte. "Wir haben den Glauben wieder gewonnen, dass wir Bürger etwas verändern können."

Denn der Konservative José María Aznar hatte zwar in seinen acht Regierungsjahren einen nach außen strahlenden wirtschaftlichen Aufschwung gut gemanagt. Doch durch die absolute Mehrheit zu Präpotenz verleitet, hatte er versucht, sein den Franquismus verharmlosendes Geschichtsbild und seinen miefigen, verklemmten Kunstgeschmack dem ganzen Volk aufzuzwingen, so der Publizist José María Ridao, der unlängst zum Botschafter Spaniens bei der Unesco in Paris ernannt wurde.

Euphorische Intellektuelle

Dieses "kulturelle Unwohlsein über Aznars Autoritarismus, der keine Andersdenkenden tolerierte," hat ein neues "Bürgerbewusstsein in einem mutigen demokratischen Akt abgeschüttelt", beschreibt der galizische Schriftsteller Manuel Rivas, 46, die Freude und Hoffnung, die seine Kollegen in diesem Frühling und Sommer verspüren. "Selbst nach Francos Tod fühlten wir uns nicht so befreit wie jetzt", sagt der Gründer einer frechen politischen Aktionsgruppe.

 Koch Adria: Vorbild für andere Gaumenfreunde
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Koch Adria: Vorbild für andere Gaumenfreunde

Die Wahl der Sozialisten, so der Politologe Fernando Vallespín, hatte den Charakter einer kollektiven Reinigung. Nach der Katharsis "sind wir endlich Herrn unseres Schicksals. Die Demokratie wurde gestärkt". Jetzt setzt die neue sozialistische Regierung in Spanien unter Hochdruck ihr Projekt für eine moderne Gesellschaft in Kraft. Die finster rückständige katholische Kirche verliert an Einfluss.

Frauen und Männer, Homos und Heteros, Junge und Alte bauen gleichberechtigt eine Bürgergemeinschaft auf. Spanien sei der am hellsten leuchtende Stern der europäischen Sozialisten, lobte dieser Tage der schwedische Premier Göran Persson.

So schnell wird man natürlich nicht zum Star. Künstler und Intellektuelle, Köche und Designer hatten ja schon seit Jahren versucht, aus der tausendjährigen iberischen Isolation auszubrechen, die konservative Hälfte der Gesellschaft endlich aufzumischen. Nun der große Bums, der ähnlich starke Schockwellen in die Welt sandte und internationale Aufmerksamkeit weckte wie das Erdbeben von Lissabon 1755: ¡Vamos! Die Spanier gehören plötzlich zu den Trendsettern Europas.

Der Duft der Orangenblüten lockt. Spanien ist weltweit zum zweitwichtigsten Reiseziel aufgestiegen, an Besucherzahlen wie Einkünften. Über 52 Millionen Touristen kamen im vergangenen Jahr, darunter fast zehn Millionen Deutsche, die zweitgrößte Gruppe hinter 16 Millionen Briten. Auch in diesem Sommer sollen die meisten Auslandsreisen aus Deutschland wieder nach España führen.

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