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17.09.2004
 

Spanien rockt

Shoppen statt beten

Von Helene Zuber,Madrid

2. Teil: Lesen Sie in Teil 2: Der neue Trend der spanischen Mode

Die Trendzentrale der Teenies liegt nur eine Stunde Fahrzeit vom Jakobsgrab entfernt. Kleideten sich früher Schüler und Studenten bei Benetton mit Polos und Pullis in allen Farben ein, lassen sie heute ihr Taschengeld bei Zara, Firmensitz La Coruña. Über 1500 Läden des reichsten Manns von Spanien, 31 davon in Deutschland, versorgen allein Europas Jugend "just in time". Wöchentlich gibt's neue heiße Modelle, oft geschickte Kopien internationaler Couturiers, die nur einen Bruchteil des Originals kosten.

Elegante Geschäftsleute, die einst gern mit dem Armani-Label im Jackett protzten, finden beim Designer Adolfo Domínguez eine Alternative zu erschwinglichen Preisen. Der Familienbetrieb aus der galizischen Provinzstadt Orense präsentiert seine coolen Kollektionen inzwischen auf den Schauen von Paris und Köln statt in Madrid oder Barcelona. Im Schaufenster des neu eröffneten Ladens nahe der Madrider Nobelmeile Calle Serrano schräg gegenüber von Versace liegen nur drei Teile: ein Mini, Flipflops und eine Hose. Drinnen sieht es aus wie im Foyer der Zentrale einer Designer-Regierung. Weiß gelackte Decken und Wände, angestrahlt nur von der Fußleiste her, Leere bis auf den flauschigen Teppichboden mit pastellfarbenen psychedelischen Kreissegmenten. Die Ware ist nicht zu sehen.

Die Lolitakleider, Mäntel und Shorts hängen in schmalen Nischen. Hier versteckt sich jetzt gern die Prada-Klientel, um sich bei der Konkurrenz von der iberischen Halbinsel nach Neuem umzusehen.

US-Schauspieler als Trendsetter

Seit die amerikanischen Stars Julia Roberts, Madonna und Bridget Fonda in den Hemdchen von Custo Dalmau aus Barcelona Aufsehen erregten, tun es ihnen modebewusste Europäerinnen gleich. Diesen Sommer sind Hängetaschen in Tierform ein Muss. Sie gehören fast schon ebenso zur Grundausstattung wie einst der kleine schwarze Rucksack der italienischen Designerin.

Custodio Dalmau, 46, bedruckt mit seinem jüngeren Bruder seit über 20 Jahren T-Shirts, doch jetzt erleben die Katalanen, die als Studenten der Kunstgeschichte und Architektur per Motorrad die Welt erkundet hatten, ihren Triumph. Mit ihrer kompletten Kollektion, einer Fusion aus Kalifornien und Katalonien, setzte Custo Barcelona im letzten Jahr 80 Millionen Euro um.

Die Ähnlichkeit zwischen Custos Läden und Ferran Adriàs kaltblinkender Küche mit Maschinen wie in einem Raumlabor, die Ingredienzien verborgen hinter Alu-Fronten, ist kein Zufall. Die bunten Kleider und die schillernden Speisen überraschen umso mehr. Die Katalanen-Bande hat sich zusammengetan zur Conquista der alten Welt. Spanische Marken scheinen unaufhaltsam, weil Made in Spain zum Kult der neuen Welt geworden ist, anerkannt von Manhattan bis Hollywood.

Spaniens Spitzenkoch

Seit der katalanische Koch Ferran Adrià, 43, im vergangenen August auf dem Titel des Sonntagsblatts der ehrwürdigen New York Times erschien, ist keine Halten mehr - ein Heer von Epigonen aus aller Herren Länder will ihm nachfolgen. Die nordamerikanischen Fresskritiker huldigten dem Genie als Weltbesten, der die französischen Kochmützen deklassiert hat. "Le Monde" bestätigte mit seiner ersten Farbbeilage, die dem Dalì der Töpfe gewidmet war, die Kapitulation der haute cuisine vor den neuartigen Tapas des Meisters aus dem Nachbarland.

Selbst in deutschen Kleinstädten hat man inzwischen die Auswahl zwischen mehreren Tapas-Bars, wo diese kleinen Häppchen aus Fisch, Gemüse, Käse und Fleisch nach spanischer Sitte als Begleitung zum Wein angeboten werden. An den Wursttheken von Karstadt wird immer häufiger Serrano-Schinken als Parma verlangt.

Und der Cava, nach der Champagner-Methode hergestellter trockener Sekt aus Katalonien, prickelt schon ebenso häufig auf deutschen Zungen wie die Kredenz aus Frankreich. Die Rotweine aus der Rioja und von der Ribera del Duero haben Brunellos und Barolos deklassiert. Feinschmecker haben extra vergine Olivenöl, angeblich in den lieblichen Hügeln der Toscana gereift, als Marketing-Bluff entlarvt. Denn die grünen harten Früchte stammen größtenteils aus Spanien. Edelste, sortenreine Pressungen aus Katalonien, Andalusien und Kastilien bringen Exotik an den deutschen Salat.

Die Toscana ist schon gefallen. In Norditalien breitet sich der "morbus Adrià" aus, wie die FAZ jüngst missvergnügt das Immitationsfieber taufte. Drei-Sterne-Restaurants im essverliebten Norden glauben, nicht mehr ohne die heißkalte Inszenierung nach Art des "El Bulli" im katalanischen Rosas auszukommen. Doch bei willkürlichen Remixes von Kreationen, die Adrià selbst längst übertroffen hat, kann auch eine exakte Gebrauchsanweisung vor dem Verspeisen nicht überzeugen.

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