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30.09.2004
 

Labour-Parteitag

Blairs rosa Wolken und der Krieg

Aus Brighton berichtet Matthias Matussek

Der Parteitag von New Labour in Brighton wird als einer der bizarrsten in die Geschichte eingehen: Als große Beruhigungs-Show gedacht, mit tollen Versprechen für die Zukunft in Cool Britannia, wurde er durchkreuzt von den allerhässlichsten Wahrheiten, den allerwiderlichsten Bildern aus dem Irak. Nicht einmal U2-Star Bono konnte davon ablenken.

U2-Frontmann Bono auf dem Labour-Parteitag: Cool Britannia
REUTERS

U2-Frontmann Bono auf dem Labour-Parteitag: Cool Britannia

Die Wohlfühl-Pop-Designer von New Labour hatten ganze Arbeit geleistet: Der Konferenzsaal für das große Partei-Palaver im Seebad Brighton sah aus wie eine rosa Wolke. Lauter Zuckerwatte-Farben. Teletubbies tollen in so was herum. Hier konnten die Delegierten in die Bonbon-Sessel plumpsen wie in eine beruhigende Umarmung.

Am letzten Tag des Parteitags, dem der großen Kriegsaussprache, kann bereits eines mit Sicherheit gesagt werden: Diese Labour-Konferenz war eine der bizarrsten der Geschichte. Der Einheitsparteitag, der als großes Sedativ gedacht war, mit jeder Menge Versprechen für eine noch tollere Zukunft in Cool Britannia, wurde durchkreuzt von den allerhässlichsten Wahrheiten, den allerwiderlichsten Bildern aus dem Irak.

Es sieht so aus, als könne Premier Tony Blair ein weiteres Mal seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. In den letzten Stunden des Parteitags in Brighton wird heute ein Antrag, die britischen Truppen aus dem Irak zurückzuziehen, aller Voraussicht nach scheitern. Bis in die späten Nachtstunden hatte die Labour-Führung in intensiven Hinterzimmer-Verhandlungen den Gewerkschaften zumindest eine Stimmenthaltung in der Frage abgetrotzt.

Streetfighter aus der Oberklasse

Sänger Bono: "Blue, blue eyes, why do you tell so many lies"
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REUTERS

Sänger Bono: "Blue, blue eyes, why do you tell so many lies"

Zunächst wurde der Parteitag von der wohl merkwürdigsten Gruppe von Streetfightern in Atem gehalten, die sich je vor einem Parteitags-Gebäude zusammengerottet hatte: die Kaschmir-Schal-Aktivisten des Landadels, die gegen das Verbot der Fuchsjagd protestierten, hatten in der Nähe des Kongresszentrums ein totes Pferd und tote Kälber abgeladen und mit Trillerpfeifen und Stöcken das Konferenzgebäude belagert.

Bereits am Bahnhof wurden die Mitglieder der radikalisierten Oberklasse gefilmt und gefilzt. "Dieses Land ist faschistisch geworden unter Tony Blair" ereiferte sich Miles, ein Kunsthändler, der mit Transparent und dreiteiligem Tweed-Anzug erschienen war, Zornesröte im Gesicht.

Kann sich eine Arbeiterpartei, dessen Führung als opportunistisch gilt und als fest im Griff gerissener Babyboomer-Karrieristen, einen besseren Gegner wünschen? Plötzlich wirkte Labour wieder authentisch wie Labour, bekriegt von einer Oberklasse, die lautstark grölte, dass sie nicht daran denkt, sich an die bestehenden Gesetze zu halten.

Die Blair-Alternative: Gordon Brown

Schatzmeister Gordon Brown und Blair: Das Herz der Partei
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AP

Schatzmeister Gordon Brown und Blair: Das Herz der Partei

Zu Beginn hatte Schatzkanzler Gordon Brown, der vom Totenbett seiner Mutter nach Brighton gekommen war, eine der leidenschaftlichsten und wohl besten Reden seines Lebens gehalten. Er sprach von Chancengleichheit, von den Werten Labours und von dem langen Weg, der zu ihrer Verwirklichung noch zurückzulegen sei, trotz aller wirtschaftlichen Erfolge. Er wirkte ehrlich. Er wirkte vertrauenswürdig. Er wirkte wie eine Alternative zu Tony Blair.

Wohl deshalb stieg der glatte Blair-Stratege Milburn drei Stunden später vor die Kameras, um das, was Brown sagte, als "lautes Geschrei über vergangene Erfolge" zu zerfetzen. Brown, das Herz der Partei, soviel war klar, sollte Tony Blair die Show nicht stehlen.

Zur Einstimmung auf Blairs Rede - womöglich ein luzider Akt der Subversion - gab es "Steve Harley & Cockney Rebel" mit dem Refrain: "Blue, blue eyes, why do you tell so many lies". Nachdem das gealterte Wunderkind Blair einen Zehn-Punkte-Plan in bonbonfarbenen Projektionen für eine noch erfolgreichere dritte Amtszeit vorgestellt hatte, in der selbst Hotel-Portiers ein besseres Leben versprochen wurde, kam er auf die Frage der Frage zu sprechen. Auf den Krieg. Und der Saal erwachte aus der satten Erfolgsmüdigkeit, in der er bis dahin dahingedämmert hatte.

Dass sie mit Tony Blair die Wahlen im nächsten Mai gewinnen würden, war den Delegierten durchaus klar. Wen sollte das Land auch sonst wählen - unter New Labour hatte es in den letzten sieben Jahren die längste und dauerhafteste wirtschaftliche Blüte erlebt.

Allerdings ist es der Krieg, sind es die elenden Bilder von Bombenterror, Geiselnahmen, protestierenden Witwen, die unter den Delegierten längst einen resignierten Widerwillen gegen denjenigen wachsen ließen, der sie, so sehen sie es, irregeführt hat und einen elenden Krieg begonnen hat, aus dem es nun keinen Ausweg zu geben scheint.

Semantische Akrobatik

Blair bei seiner Rede in Brighton: Vom Oppositionsführer erstmals als Lügner bezeichnet
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Blair bei seiner Rede in Brighton: Vom Oppositionsführer erstmals als Lügner bezeichnet

Während das Land um das Schicksal der Geisel Ken Bigley zittert, während sich viele der Delegierten fragten, warum in Gottes Namen britische Soldaten im Irak verbluten, brachte Tony Blair das Kunststück fertig, sich für haargenau die falsche Sache zu entschuldigen, aber das mit einem derartigen Augenaufschlag, dass ihm der Saal applaudierte. Die Delegierten waren nicht unbedingt beeindruckt von seiner Ehrlichkeit, sondern von den erneuten semantischen Akrobatenstücken, mit denen er den Krieg selber als Notwendigkeit zu verkaufen verstand.

Blair entschuldigte sich für die "falschen Informationen", die ihn zum Kriegseintritt bewegt hätten. Er entschuldigte sich für die Pannen der Geheimdienste. Dabei waren deren Informationen richtig. Sie hatten Zweifel angemeldet. Es war die Politik, die deren Erkenntnisse manipulierte und als Begründung zum Kriegseintritt nutzte.

Und peinlich genug: Kurz vor Konferenzbeginn war ein Papier bekannt geworden, in dem Blair durch seinen eigenen Außenminister Jack Straw vor einer Teilnahme am amerikanischen Feldzug gewarnt worden war.

Am peinlichsten ist jedoch das Pentagon-Papier, das am Tag nach der Blair-Rede auftauchte: Es spricht von Kriegsvorbereitungen bereits im Juni 2002, als der Premier noch öffentlich behauptet hatte, man habe keine Entscheidungen über eine kriegerische Intervention getroffen. Nun bezeichnete Oppositionsführer Michael Howard den Premier zum ersten Mal ganz schlicht als "Lügner" - bis dahin hatte er immer nur von "Irreführung" gesprochen.

Das Flehen der Geisel

Blairs Rede, die maßgeschneidert war, um das Vertrauen der Partei wiederzugewinnen, entpuppte sich also als eine weitere Nebelkanone. Der Ärger darüber machte sich in zahllosen Nebenveranstaltungen Luft, etwa im voll gepackten Russell-Saal des Albion Hotels gegenüber dem funkelnd erleuchteten Brighton-Pier. Hier, in einer Veranstaltung der Gruppe "Compass", wies Robin Cook, ehemals Außenminister, mit Recht darauf hin, dass der Irak erst mit dem Bush/Blair-Feldzug zum Pulverfass, zum mörderischen, islamistischen Terroristen-El-Dorado geworden ist. "Nicht die Terroristen haben den Irak zum Schlachtfeld gemacht, wir haben es getan."

Das Blair-Versprechen, sofort nach einem Sieg seines Freundes George W. Bush im Weißen Haus eine neue Friedensinitiative im Nahen Osten zu starten, wurde verlacht - eine derartige Blair-Initiative war bereits vor zwei Jahren versprochen worden, und vom amerikanischen Präsidenten und Israels Premier Ariel Scharon lässig vom Tisch gefegt worden.

Während all dieser Veranstaltungen flackerten neue entwürdigende Bilder der britischen Geisel Ken Bigley über die Monitore der Konferenzsäle und Hotellobbys - seine Appelle, seine Tränen, seine Hilferufe. "Sie Tony Blair, können mir helfen." Kurz zuvor war bekannt geworden, dass andere Geiseln freigekauft worden waren. Bigley flehte: "Die Franzosen haben geholfen, sie können mit Krisen umgehen. Warum können Sie mir nicht helfen, Tony Blair?"

Mit den TV-Bildern ist sicher klar geworden, wie zynisch, wie raffiniert die islamischen Kidnapper die Medien mittlerweile nutzen, um Einfluss auf die britische Öffentlichkeit zu nehmen und besonders auf die Delegierten in Brighton. Und die stellen Fragen. Etwa die, ob es richtig sei, dass die irakische Regierung die von den Terroristen geforderte Freilassung der beiden weiblichen Häftlinge bereits vorbereitet habe und erst nach einem Einspruch der amerikanischen Regierung zurückgerudert sei?

Und immer wieder die grundsätzliche Frage: Was suchen wir dort unten? Haben wir nicht den Terrorismus entflammt, statt ihn zu verhindern? Warum, fragt eine Delegierte an der Bar des Grand-Hotels müde, hat man nicht die "Klugheit der Deutschen und der Franzosen" gehabt. Man hätte Saddam Hussein mit anderen Mitteln in die Knie zwingen können, ohne ein einziges britisches Leben dort unten zu verlieren.

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