"Schockierend prägnant und scharf" sei John Kerry gewesen, meinte Mickey Kaus, ein meist zu den Republikanern neigender Kommentator, nach der Debatte. "Präsidentialer als der Präsident" habe Kerry sich dargestellt, schrieb Tom Shales, Kolumnist der liberalen Washington Post. Bush hingegen wirkte "verwirrt von seinen eigenen Antworten".
Am Tag nach der ersten Fernsehdebatte zwischen US-Präsident George W. Bush und seinem demokratischen Herausforderer John Kerry waren sich die Kommentatoren beider politischen Lager weitgehend einig: Die erste Runde geht an Kerry, mindestens nach Punkten. "John Kerry hat George W. Bush nicht zerstört. Aber für 90 Minuten sah es so aus, als könnte John Kerry Präsident sein", schrieb das liberale Online-Magazin "Salon".
Bemerkenswert ist das Schweigen des konservativen "Wall Street Journal" zum Thema. Als Einzige der Ton angebenden Zeitungen veröffentlichte das Blatt keinen eigenen Kommentar zur Debatte. Die Website des "Journals" bietet allerdings eine nicht repräsentative Online-Umfrage: 72 Prozent der Leser halten Kerry für den Sieger, nur 22 Prozent Bush. In einem Artikel der Printausgabe zollt der ehemalige Wahlkampfmanager von Ronald Reagan Kerry Respekt. Es sei jedoch mehr als unsicher, ob der positive Eindruck sich auch auf das Wählerverhalten durchschlage.
Die großen liberalen Zeitungen "New York Times" und "Washington Post" hielten sich staatstragend zurück und veröffentlichten sehr ausgewogene Kommentare. "Es war ein Unentschieden", schrieb die "New York Times". "Beide waren glaubwürdig genug, um die Wähler beim nächsten Mal wieder einschalten zu lassen", meinte die "Washington Post". Gleichwohl fand auch die "New York Times" Vorteile bei Kerry. Der Demokrat habe wie ein Präsident gewirkt, Bush hingegen "weniger überzeugend" als sonst.
Die Rollenverteilung von Herausforderer und Präsident ist vielen Beobachtern aufgefallen. "Kerry wirkte häufig größer", schrieb Andrew Sullivan, ein konservativer Kommentator, in seinem Blog Andrewsullivan.com. Bush hingegen erschien als ein "Mann, der seinen Job nicht beherrscht". Sullivan zeigte sich beeindruckt von Kerry, der sich für viele Zuschauer zum ersten Mal "stark" präsentierte.
Auch Kaus war nicht zufrieden mit dem Präsidenten. "Ein geschickter Redner hätte Kerry auseinander genommen. Bush ist kein solcher Redner", schrieb er auf Kausfiles.com. Bush habe im Übrigen einen strategischen Nachteil gehabt: Die Höhe des Stehpultes habe ihn "neben Kerry noch kleiner erscheinen lassen, als er tatsächlich ist". Er habe ausgesehen wie ein "Gargoyle", eine dieser Wasser speienden gotischen Figuren mit Fratzengesicht.
Auch beim Vergleich der Körpersprache gewinnt Kerry. Bush habe "gereizt" gewirkt, urteilte die "New York Times". Kerry habe "groß und staatsmännisch" ausgesehen neben einem "kleinen und linkischen" Bush, schrieb Shales in der "Washington Post".
Beim Argumentieren habe es Bush an Flexibilität gefehlt, meinte "Salon". Elfmal die Phrase "Es ist harte Arbeit" zu benutzen, zeuge von einem Mangel an Einfallsreichtum. Den Hang zur Wiederholung einfacher Slogans bemängelte auch die "New York Times", wobei sie gleichzeitig darauf hinwies, dass Ronald Reagan so beim Volk angekommen sei.
Für Kaus hat Kerry jedenfalls den Rückstand in den Umfragen verringert. "Wenn er nicht ein, zwei Punkte gutmacht, wäre ich überrascht."
Carsten Volkery
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