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30.10.2004
 

Terrorismus

Bin Ladens doppelte Botschaft

Von Yassin Musharbash

Unter dem Titel "Botschaft an das amerikanische Volk" verbreitet Bin Laden seine bekannte Mischung aus Drohungen und scheinbaren Friedensangeboten. Aber seine Äußerungen haben ein zweites Ziel: Der Terroristenführer zeigt den Islamisten in aller Welt: Sehr her, ich lebe. Und ich rede genau dann, wenn ich es für richtig halte.

"Seht her, ich lebe!": Bin Laden in einer seiner Tonband-Botschaften
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AFP/ AL-ARABIYA

"Seht her, ich lebe!": Bin Laden in einer seiner Tonband-Botschaften

Berlin - Noch nie hat es eine Botschaft des Terrornetzwerks al-Qaida gegeben, die nicht mindestens zwei Adressaten hatte: Den Westen auf der einen, die muslimische Welt und das sympathisierende Umfeld auf der anderen Seite. Auch bei dem nun vom arabischen Satellitensender al-Dschasira ausgestrahlten Band mit einer Ansprache Bin Ladens ist das nicht anders - auch, wenn es den Titel "Botschaft an das amerikanische Volk" trägt.

Die erste darin enthaltene Botschaft Osama Bin Ladens richtet sich nämlich zweifellos an seine Unterstützer: "Seht her, ich lebe!", teilt er ihnen mit. Es ist das erste Lebenszeichen, dass der in Saudi-Arabien geborene Terrorist seit April dieses Jahres an ein größeres Publikum gesendet hat. Doch damals handelte es sich lediglich um ein Tonband mit der Stimme Bin Ladens. Eine Videobotschaft wie heute ließ der Terrorfürst zum letzen Mal im Frühjahr 2002 veröffentlichen.

Schon jetzt sind so gut wie alle Zweifel, auch die der US-Behörden, an der Authentizität des Videos ausgeräumt. Damit ist es bewiesen, das Bin Laden auch nach Jahren der erbitterten Jagd auf ihn noch lebt.

Und nicht nur das: Er ist offensichtlich in guter Verfassung; sanft im Tonfall, wie man es von ihm gewohnt ist, trägt er langsam und gut verständlich vor. Das Charisma und die Anziehungskraft des Qaida-Gründers haben sich stets daraus gespeist, dass er - anders als die gewohnten arabischen und muslimischen Könige und Despoten - gelassen, überlegt und souverän, fast schon entrückt und asketisch wirkt.

Bin Laden hat Geduld bewiesen

Geduld und Verharrungsvermögen gelten Islamisten und Dschihadisten als Tugenden von herausragender Bedeutung; in jedem Qaida-Strategiepapier, in jeder Dschihad-Anleitung wird darauf verwiesen, wie wichtig es ist, auf den richtigen Moment warten zu können. Osama Bin Laden hat in seiner Videobotschaft heute erneut gezeigt, dass er der ungeschlagene Meister in dieser Disziplin ist: Er demonstriert, dass er allen Verlockungen widerstanden hat, übermütig und stolz zu beweisen, dass er noch lebt und seinen Häschern bislang entrinnen konnte. Stattdessen hat er auf einen Moment gewartet, der perfekter nicht hätte gewählt sein können: Mitten im Muslimen als gesegnet geltenden Fastenmonat Ramadan, an einem Freitag, und das auch noch wenige Tage vor den Präsidentschaftswahlen in den USA, hat er sich geäußert.

Diese Tatsache wird von seinen Sympathisanten ohne Zweifel als weiterer Ausweis seiner spirituellen Führungsqualität gewertet werden. Osama Bin Laden mag schon lange keinen Überblick mehr über alle weltweit geplanten Terroranschläge seines Netzwerks und dessen Ableger haben, aber er hat sich erneut als Spiritus Rector gezeigt. Schon dies allein könnte auf seine Anhänger stimulierend wirken; auch wenn Bin Laden keine Anschläge vorhergesagt hat, wird jeder Dschihadist, der noch auf ein Signal gewartet hat, die Ansprache als solches werten - auch, wenn sie ausnahmsweise einmal keine ausführlichen Koranzitate enthält.

"Wenn ihr nicht angreift, greifen auch wir nicht an"

Der zweite Teil von Bin Ladens Botschaft richtet sich an die USA und den Westen insgesamt: "Wenn ihr uns nicht angreift, werden auch wir euch nicht angreifen", beteuert er darin. Man ist solche Töne von Osama Bin Laden gewohnt, sein Angebot für einen Waffenstillstand zwischen Qaida und dem Westen aus dem Frühjahr dieses Jahres ist ein Beispiel dafür.

Versucht einen Keil zwischen die Amerikaner und ihre Regierung zu treiben: Terrorpate Bin Laden
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AP

Versucht einen Keil zwischen die Amerikaner und ihre Regierung zu treiben: Terrorpate Bin Laden

Doch zugleich geht Bin Laden in der heutigen Botschaft darüber hinaus. Ausdrücklich befasst er sich mit der bevorstehenden Präsidentschaftswahl. Bedeutsam ist, dass er al-Dschasira zufolge beide Kandidaten - John F. Kerry und George W. Bush - namentlich erwähnt; dies ist übrigens ein weiteres Indiz dafür, dass das Band tatsächlich relativ neu ist, ebenso wie Bin Ladens Hinweis, man zähle das vierte Jahr nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Der Qaida-Chef warnt die US-Bürger in seiner Botschaft, dass keiner der beiden Kandidaten ihre Sicherheit garantieren könne. Nur das amerikanische Volk selbst könne dies, indem es auf Aggressionen gegen die islamische Welt verzichte.

Es ist nicht schwer, hierin den Versuch zu erkennen, zwischen die US-Bevölkerung und ihre Führung einen Keil zu treiben. So wie Bin Laden sich selbst als legitimen Vertreter der muslimischen Völker betrachtet, der sich von den nominellen Herrschern emanzipiert hat, sollen auch die Bevölkerungen des Westens ihre Regierungen über Bord werfen - Bin Laden sagt sogar explizit, die Führer des Westens erinnerten ihn an die Despoten der arabisch-islamischen Welt. Das Beispiel der Bush-Familie zeige, dass auch hier die Herrschaft vom Vater auf den Sohn übergehe.

Das Video nützt eher Bush als Kerry

Doch so klar ersichtlich dieser Aspekt der Ansprache ist, so uneindeutig bleibt Bin Ladens Absicht, was die Beeinflussung der Wahl angeht. Terrorexperten haben es seit langem als nahe liegend bezeichnet, dass Bin Laden eher für Bush sein müsste als für Kerry, weil ersterer sich wegen der religiösen Färbung seiner Politik besser als Gegenspieler eignet. Und tatsächlich dürfte das heute ausgestrahlte Band eher Bush als Kerry nutzen, da die US-Wähler dem Amtsinhaber in Fragen der Terrorbekämpfung mehr zutrauen als dem demokratischen Konkurrenten. Bin Laden, der schon zuvor gezeigt hat, dass er ein Gespür für solche Zusammenhänge westlicher Gesellschaften hat, ist dies mit Gewissheit bewusst.

Deshalb ist es auf den ersten Blick überraschend, dass bin Laden im selben Atemzug George W. Bush in seiner Ansprache der Lächerlichkeit preisgibt, indem er schildert, wie jener am Morgen des 11. September in einem Kinderbuch vor einer Schulklasse gelesen hat, während die Flugzeuge in das World Trade Center stürzten. Möglicherweise ging es ihm aber nur darum, noch einmal daran zu erinnern, wie unvorbereitet der Westen war, als al-Qaida ernst machte.

Al-Qaida verfügt noch über Infrastruktur

Die Tatsache, das Osama Bin Laden fähig ist, ein Band so offensichtlich fristgerecht herstellen und verbreiten zu lassen, zeigt unterdessen, dass der Terrorpate noch nicht am Ende seiner Mittel angelangt ist. Es besteht anscheinend noch ein nicht zu verachtender Rest an Infrastruktur, auf den Bin Laden zurückgreifen kann. Meldungen aus Pakistan aus den vergangenen Monaten, seine Festnahme stehe wohl unmittelbar davor, sind durch das Auftauchen des Bandes bis auf weiteres entwertet. Al-Qaida ist offensichtlich nach wie vor in der Lage, Kuriere zu schicken - ein selbst im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet, wo bin Laden vermutet wird, nicht einfaches Unterfangen.

Über die operativen Fähigkeiten der Qaida sagt das unterdessen nicht allzu viel aus. Längst ist das Netzwerk in Filialen in verschiedenen Ländern aufgeteilt; zusätzlich dürften nach wie vor klandestine Zellen existieren, die Anschläge planen. Dass Bin Laden aber einen Überblick darüber hat oder tatsächlich noch Einsätze befiehlt, bleibt trotz des Videos unwahrscheinlich. Bei den größeren Anschlägen nach dem 11. September, die der al-Qaida zugerechnet werden, hat sich während der Planungsphase bislang keine Verbindung zu Bin Laden nachweisen lassen. Als "Scheich" und geistiger Anführer hingegen hat Bin Laden sich heute einmal wieder geschickt in Szene gesetzt.

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