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01.11.2004
 

US-Präsidentschaftswahl

Nervöse Stimmung im Auge des Orkans

Von Hans Michael Kloth, Washington

Unmittelbar vor dem entscheidenden Urnengang erreicht die Anspannung in der amerikanischen Hauptstadt den Höhepunkt. Kommt es zu Zwischenfällen? Was tun, wenn am Mittwoch keiner der beiden Kandidaten als Sieger feststeht?

John Kerry: Wahlkampf zu Halloween
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REUTERS

John Kerry: Wahlkampf zu Halloween

Washington - Frömmelei hin oder her: Es gibt kaum ein amerikanerisches Fest als das heidnische Halloween. Gräßlich grinsende Kürbisfratzen verzieren Ende Oktober die Hauseingänge überall in den USA, und als Vampire oder Monster verkleidete Halbwüchsige machen am letzten Sonntag des Monats die Nachbarschaft auf der Jagd nach Süßem unsicher. In Washington am letzten Wochenende vor dem Showdown zwischen George W. Bush und John F. Kerry jedoch wirkten all die mit Spinnweben dekorierten Hexen, leuchtenden Neon-Skelette und sonstigen Gruselgestalten eher wie eine makabere Metapher für all die Albträume, die das Land vor der morgigen Schicksalswahl plagen.

Seit Tagen ist die wachsende Anspannung in der amerikanischen Hauptstadt mit Händen zu greifen. "Election jitters" oder Wahlfieber ist in Washington eine chronische, in Schüben von vier Jahren wiederkehrende Krankheit. Doch diesmal bewegt sich die Fieberkurve geradewegs auf das Delirium zu. "Die Leute sind so aufgekratzt, wie ich es noch nie vor einer Wahl erlebt habe", gesteht privat ein Beamter aus dem Außenministerium. "Wir sind alle ziemlich durch den Wind", beobachtet auch ein Washingtoner Journalist in seinem Umfeld.

Wahlgruß per Video von Osama Bin Laden

Dass Osama Bin Laden, offensichtlich bei guter Gesundheit, per Video einen Wahlgruß mit düsteren Drohungen sandte, macht die Stimmung rund um Weißes Haus und Kapitol keinen Deut besser. Die Furcht vor einem Terrorakt ist so groß wie noch nie seit dem 11. September 2001, als al-Qaida-Terroristen einen Passagierjet in das Pentagon drüben auf der anderen Seite des Potomac steuerten. Tunlichst haben die Behörden es zwar vermieden, die Alarmstufe vor der Wahl offiziell heraufzusetzen, aber wenn Kampfjets der U.S. Air Force dieser Tage gelegentlich hoch über der Stadt parallele Kondensstreifen ziehen, empfinden dies durchaus nicht alle als beruhigenden Anblick.

Wahlkämpfer Bush mit Halloween-Piepmatz
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AFP

Wahlkämpfer Bush mit Halloween-Piepmatz

Doch es ist vor allem der Gedanke an die Wahl selbst, der allerorten nervöses Nägelkauen auslöst. "Ist dies die wichtigste Wahlentscheidung ihres Lebens?", fragte am Sonntag die morgendiche Call-in-Sendung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks - und viele Anrufer bejahten die Frage rundheraus. Nun, da der Tag der Abstimmung unmittelbar bevorsteht, dämmert immer mehr Amerikanern, welche fundamentale Richtungsentscheidung ihnen am Dienstag abverlangt wird.

Oberflächlich nehmen die Hauptstädter die Wahl wie ein Sportgroßereignis. Im "Hawk and Dove", einer alteingessenen Kneipe der Polit-Szene nahe des Kapitols, können die Gäste je nach politischer Präferenz zwischen "Samuel Adams"-Bier aus Kerrys Heimatstadt Boston und texanischem "Shiner Bock" wählen. Eine Sandwichbar in Washingons Nobelviertel Georgetown bietet Bush- oder Kerry-Kekse feil und selbst ein Second-Hand-Plattenladen auf der 18. Staße im Kneipendistrikt Adams Morgan hat für seine Schaufensterdeko eine obskure Siebziger-Jahre-Scheibe mit dem Titel "Running for President" herausgekramt.

"Redefeat Bush"

Doch privat gibt sich das politische Washington eher dunklen Gedanken hin. Vielleicht liegt es daran, dass diese Stadt, für die Politik wie Koks ist, während der Endphase des Wahlkampfs auf Zwangsentzug ist. Hier gibt es keine großen Wahl-Events mit Massenmagneten wie Bruce Springsteen (Demokraten) oder Arnold Schwarzenegger (Republikaner), keiner der Kandidaten hat sich während der Kampagne hier blicken lassen. Wer Dienstag etwas zu verlieren hat, hat Washington spätestens vergangene Woche verlassen und ist an der Front draussen in den "Battleground States". Und die ungewohnte Windstille im Auge des Wahlkampf-Hurrikans macht die Zurückgebliebenen um so nervöser.

Anti-Bush-Protest bei einer Halloween-Prozession in New York
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Anti-Bush-Protest bei einer Halloween-Prozession in New York

Das Bush-Lager treibt die Sorge um, dass der Präsident zwar die Mehrheit im Wahlmänner-Gremium auf sich vereinen, aber womöglich wieder nicht die Mehrheit der US-Wähler hinter sich bringen kann. Vor vier Jahren fuhr Bush rund 500 000 Stimmen weniger ein als Gore, und in vielen Fenstern prangt dieser Tage der Wahlslogan "Redefeat Bush": schlagt Bush noch einmal.

Auch dieses Mal weniger Stimmen als sein Herausforderer zu bekommen, wäre ein ständiger Stachel im Fleisch des populistischen Präsidenten, der die nie verstummten Zweifel an der Legitimität seiner Präsidentschaft gerne aus den Geschichtsbüchern tilgen würde. Es könnte auch politisch hinderlich werden, und so deuten manche Beobachter einige überraschende Wahlkampfauftritte Bushs außerhalb der umkämpften "Battleground States" als Teil einer Strategie, diesmal "richtig" zu gewinnen.

"Wie Hochgeschwindigkeitszüge auf Kollisionskurs"

Ein Szenario, das gemäßigte Beltway-Insider in beiden politischen Lagern in diesen Tagen schaudern macht, sieht Amerika am Tag nach der Wahl ohne eindeutigen Sieger aufwachen. Wenn sich das Desaster von 2000 wiederhole, bangte etwa im kleinen Kreis der Vize-Direktor eines einflussreichen Washingtoner Thinktanks, stünden die USA vor einer "existenziellen politischen und rechtlichen Krise".

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In der Tat scheinen die Demokraten nach dem Trauma von Florida wild entschlossen, sich diesmal nicht geschlagen zu geben und bei Bedarf das vorhandene juristische Arsenal voll auszureizen. Dass Gore vor vier Jahren darauf verzichtete, hat ihm seine Partei nie wirklich verziehen. So haben die Demokraten diesmal auf Wahlrecht spezialisierte Anwaltsteams im Einsatz, die mit kleinen Privatmaschinen sofort einfliegen werden, wenn irgendwo am Wahltag Unklarheiten auftreten. Die Republikaner wiederum haben 2000 und danach immer wieder zu erkennen gegeben, dass sie allein an der Macht und nicht an Institutionen interessiert sind.

Ab übermorgen könnten so zwei Hochgeschwindigkeitszüge unaufhaltsam aufeinander zurasen, bei deren Kollision die amerikanische Demokratie Schaden nehmen müsste - ein Ausblick, der in den Stadtvillen der Elite in Georgetown oder Kalorama dieser Tage manchem den Appetit am Dessert verdirbt.

Politische Geisteraustreibung

Bei eingefleischten Demokraten bekommt man noch ganz andere Dinge zu hören. Das unvermeidliche Lamento über die Polarisierung des Landes unter Bush junior und die mittlerweile unüberbrückbar gewordenen Gräben zwischen Konservativen und Liberalen mündet dann schon einmal in dramatische historische Vergleiche: Wenn Kerry die Rechte besiege, wird in vollem Ernst spekuliert, so gehe es ihm womöglich wie seinem erklärten Vorbild John F. Kennedy. Waren im November 1963, als der demokratische Hoffnungsträger zu seiner verhängnisvollen Reise nach Dallas aufbrach, die konservativen Blätter in Texas nicht voll von hasserfüllten Aufrufen gewesen, die den Präsidenten der Vereinigten Staaten als vaterlandslosen Verräter brandmarkten? Und ist das nicht eben die Rhetorik, mit der nun radikale Bushies den Kandidaten Kerry belegen?

Vielleicht ist es tatsächlich nur das Wahlkampffieber, das auf der Isolierstation Washington die Neurosen wuchern lässt. Womöglich ist Amerika aber auch von einem gefährlicheren Virus befallen. Halloween jedenfalls war gestern - die politische Geisteraustreibung, die ab morgen folgt, wird kein Zuckerschlecken.

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