Von Henryk M. Broder, Washington
Antoinette Richardson und David Livingstone sitzen an der Bar im "Papa Razzi", trinken Whiskey und schauen das laufende CNN-Programm an. Sie haben einen schweren Tag hinter sich, sind am Morgen aus Detroit angereist, um Präsident Bush eine "Notice of Eviction" zu übergeben, einen "Räumungsbescheid", wie ihn Vermieter gegen Mieter erwirken, die mit der Miete im Rückstand sind.
"Wir waren ganz nah dran", sagt Antoinette, "beinahe hätten wir es geschafft", seufzt David. Wenn sie nicht von Sicherheitskräften daran gehindert worden wären, die Plakate am Zaun des Weißen Hauses anzubringen. Jetzt, kurz nach 23 Uhr Ortzeit, steht es 210 zu 200 Wahlmänner zugunsten von Bush, und auch in der "popular vote", der absoluten Stimmenzahl, führt der Titelverteidiger vor dem Herausforderer mit 52 zu 49 Prozent. Es sieht nach einem Bush-Sieg aus, Antoinette und David bestellen noch zwei Whiskey und kommunizieren nur noch mit Blicken miteinander. Schon möglich, dass die "Notice of Eviction", die sie im Namen der amerikanischen Öffentlichkeit dem Präsidenten überreichen wollten, ein wenig voreilig war.
Antoinette, 1977 in Garden City, Michigan, als Kind italienischer Einwanderer geboren, ist Mutter dreier Kinder im Alter zwischen zwei und zehn Jahren. Sie arbeitet seit sechs Jahren als professionelle Stripperin und hat soeben eine "Real Estate Licence" erworben, eine Erlaubnis, als Immobilien-Maklerin zu arbeiten. Sie macht als Tänzerin in der "La Chambrea"-Lounge in Detroit zwischen 400 und 800 Dollar am Tag, die ihr die Besucher in den Thong stecken, von denen sie nur 50 Dollar an die Bar abgeben muss.
David, 41 und von Beruf PR-Berater, redigiert in Detroit zwei Monatszeitschriften. "Jamrag" für Rockmusik-Fans und "In Spirit" für bibeltreue Christen. Davids und Antoinettes Wege kreuzten sich, als David im Sommer 2003 eine Kleinanzeige im Veranstaltungsmagazin "Metro Times" aufgab: "Wanted - female models for anti-Bush calendar project". Es meldeten sich mehr als 50 Frauen: Models, Hausfrauen, Putzfrauen, Bankerinnen, Sekretärinnen und Lehrerinnen, unter ihnen auch Antoinette. David wählte 13 Bilder aus und produzierte den "2004 Regime Change Countdown Calender" der "Babes Against Bush".
Das Echo war gigantisch, in den USA und auch in Europa, es gab kaum eine TV-Station, die nicht über das "Project" berichtet hätte, wobei sich David klug im Hintergrund hielt und den "Babes" den Vortritt ließ, zumal diese die besseren Argumente präsentieren konnten. Antoinette zum Beispiel hat sich im Frühjahr 2003 die Brüste vergrößern lassen, von Größe A zu Größe D. "Es ist den Jungs egal, wie du tanzt, wenn du was zum Vorzeigen hast." Sie verdient jetzt viel mehr als vor der OP und bekommt Angebote wie nie zuvor. Der Manager von "Home Depot", wo sie ihre Haushaltswaren einkauft, gibt ihr 40 Prozent Rabatt auf alle Artikel, der Pilot, der sie von Detroit nach Washington flog, wollte sie prompt zum Essen ausführen. "Außerdem kann ich viel besser Golf spielen, ich habe jetzt einen kräftigeren Schlag."
Trotz aller PR wurden von dem Babes-Kalender nur 4000 Stück verkauft. Fast alle über das Internet, denn die Buchhändler waren nicht bereit, das Produkt neben ihre "Santa Claus"- und "Merry-Christmas"-Kalender zu legen. Nach einem Auftritt bei Fox bekam David "über 1400 Hassbriefe in der ersten Stunde nach der Sendung", darunter auch viele Todesdrohungen. Wenn Bush wieder gewählt wird, will er sich einen Job in England suchen, denn "in Bushs Amerika gibt es für mich keinen Platz" und vor allem "keinen Respekt für arme und arbeitende Menschen".
Rita Süßmuth beobachtete die Wahl in Virginia
Antoinette aber wird weiter in "La Chambrea" tanzen, nebenbei für eine große Firma ("Century 21") Immobilien makeln und sich um ihre drei Kinder kümmern. "Wenn ich nicht arbeite, habe ich viel zu tun." Unter anderem in der "Eltern-Lehrer-Gruppe", wo sie Kuchen für Schulfeste backt und Kindern Nachhilfe gibt. Da sie kein Krankenversicherung hat, nimmt sie ständig Ibuprofen, um Erkältungen abzuwehren. Für die Brustvergrößerung hat sie 7000 Dollar bezahlt, der Trailer mit drei Schlaf- und zwei Badezimmern, in dem sie mit ihren Kindern wohnt, hat 55.000 Dollar gekostet, die sie noch abzahlt. Schon deswegen würde sie gerne für den "Playboy" oder "Penthouse" Modell stehen oder sogar Sex-Filme drehen, "aber keine Hardcore-Geschichten, nur Softporno ohne Nahaufnahmen". Sie hat Kerry gewählt, aber wenn Bush gewinnt, wird sich für sie nicht viel ändern. "Leben ist das, was du daraus machst."
Kurz vor Mitternacht erscheint Rita Süßmuth im "Papa Razzi". Sie kommt aus Virginia, wo sie die Wahlen beobachtet hat - eine von 92 Wahlbeobachtern und Beobachterinnen der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa), die vom State Department eingeladen wurden, bei den Wahlen dabei zu sein. "Ist alles mit rechten Dingen zugegangen?", will Sandra Maischberger wissen, die aus dem "Papa Razzi" eine Live-Sendung für die ARD moderiert. "Das kann ich nur mit einem Ja beantworten", sagt Rita Süßmuth, es habe zwar lange Schlangen vor den Wahllokalen gegeben, sonst aber sei alles in Ordnung gewesen.
Darüber wären Antoinette und David sehr erfreut. Aber sie haben das "Papa Razzi" schon verlassen. Bevor sie nach Detroit zurückfahren, wollen sie am Mittwoch noch einmal versuchen, ihre "Notice of Eviction" im Weißen Haus abzugeben. Egal, wie die Wahlen ausgegangen sind.
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