Die Wahl hat begonnen - und wie befürchtet mit ihr auch der Terror gegen die Wähler. Wenige Stunden nach Öffnung der Wahllokale im Irak häufen sich die Meldungen über Anschläge. Doch trotz Anschlägen mit mindestens 31 Toten haben die Iraker am Sonntag zum ersten Mal in ihrem Leben ein Parlament gewählt. Vor allem aus den schiitischen und kurdischen Gebieten wurde eine rege Beteiligung gemeldet. In den Hochburgen der sunnitischen Aufstandsbewegung blieben die Straßen hingegen vielfach menschenleer.
Allein in Bagdad wurden am Morgen fünf Selbstmordattentate verübt. Drei der Attentäter reihten sich bestückt mit Sprengstoff in Warteschlangen vor Wahllokalen ein und sprengten sich dann in die Luft. Dabei rissen sie Polizeiangaben zufolge mindestens elf Menschen in den Tod. Dutzende Menschen wurden verletzt. Im Westen von Bagdad ging ein Attentäter auf eine Warteschlange von Wählern zu und zündete einen Sprengsatz an seinem Gürtel, wie ein Augenzeuge berichtete.
Ein weiterer Attentäter zündete seine Bombe in einem Auto an einer Sicherheitskontrolle vor einem Wahllokal in einer Schule. Ein Polizist wurde getötet, mehrere Menschen wurden verletzt. Dabei wurden vier Menschen getötet, unter ihnen drei Polizisten. Insgesamt soll es bisher zu mindestens acht Selbstmordattentaten gekommen sein. Durch Granatenbeschuss kamen im Süden der Stadt mindestens zwei Menschen ums Leben.
Mörsergranaten von Extremisten trafen auch Wahllokale im nordirakischen Mossul, in Bakuba bei Bagdad und Hilla südlich von Bagdad. In Hilla wurde dabei ein Mensch getötet. Auch im südirakischen Basra explodierte eine Bombe in einem Wahllokal. Die Zahl der Opfer dort war zunächst unklar.
Trotz der massiven Bedrohung wurde in den Zentren der schiitischen Bevölkerung eine rege Wahlbeteiligung beobachtet. "Wir haben gehört, dass es in einigen Gegenden eine ziemlich kräftige Beteiligung gibt", sagte der amerikanische Wahlbeobachter Sam Patten vom International Republican Institute. Die Anschläge hätten die Wahl nicht stoppen können, erklärte der Berater der Vereinten Nationen bei der Wahlkommission, Carlos Valenzuela.
Der Wahlboykott in den sunnitischen Bevölkerungsgebieten westlich und nördlich von Bagdad scheint jedoch zu greifen, die Wahllokale blieben dort weitestgehend leer. Die Menschen folgten dem Aufruf sunnitischer Vertreter, die Wahl zu boykottieren. Die Gebiete sind eine Hochburg der Aufständischen, die im Vorfeld der Wahlen mit Anschlägen gedroht haben. Im Vorfeld hatte eine aktuelle Meinungsumfrage von Abu Dhabi TV noch ergeben, dass auch unter den Sunniten zumindest rund neun Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgeben wollten.
Die ersten landesweiten Wahlen seit dem Sturz des Tyrannen Saddam Hussein hatten unter strengen Sicherheitsvorkehrungen gegen 07.00 Uhr Ortszeit (05.00 Uhr MEZ) begonnen. Im Fernsehen waren Bilder von Irakern zu sehen, die nach der Öffnung der Wahllokale ihre Stimme abgaben. Die Wahllokale sollen bis 15.00 Uhr (MEZ) geöffnet bleiben. Die irakische Regierung hat starke Sicherheitsvorkehrungen getroffen, um die Wähler zu schützen.
Ministerpräsident Ijad Allaui rief die Iraker auf, ihren Widerstand gegen die Gewalt durch die Beteiligung an dem Wahlgang zu demonstrieren. "Dies ist ein historischer Tag für den Irak, ein Tag, an dem die Iraker ihr Haupt erheben können, denn sie haben den Terroristen widerstanden und damit begonnen, ihre Zukunft mit ihren eigenen Händen zu formen", sagte er.
Präsident Ghasi al-Jawir gehörte zu den ersten Wählern des Tages. Er gab seine Stimme im stark gesicherten Regierungsviertel ab und zeigte sich danach mit einer kleinen irakischen Flagge: "Wir danken Gott", sagte er. "Ich hoffe, dass alle kommen und wählen, so Gott will."
Trotz der angedrohten Anschläge zeigten sich viele Wähler froh und zuversichtlich über den ersten Urnengang im Land seit dem Sturz von Saddam Hussein. "Ich habe keine Angst", sagte ein junger Mann, der in Basra allein zum Wahllokal gekommen war. "Die Sicherheitsvorkehrungen sind gut und ich bin sehr glücklich. Das ist ein Fest für alle Iraker."
Insgesamt 15 Millionen Iraker sind aufgerufen, eine Nationalversammlung zu wählen. Sie soll unter anderem eine neue Verfassung ausarbeiten, auf deren Grundlage für Ende des Jahres Parlamentswahlen geplant sind.
Am Vorabend der Wahl waren bei einem Raketenangriff auf den Gebäudekomplex der US-Botschaft in der Hauptstadt Bagdad zwei Amerikaner getötet und vier verletzt worden. Einer Umfrage des Instituts Zogby International zufolge wollen zwar 80 Prozent der schiitischen Mehrheit an der Wahl teilnehmen, aber nur neun Prozent der unter Saddam dominanten sunnitischen Minderheit.
Sunnitische Aufständische und Terroristen hatten zu einem Boykott der Wahl aufgerufen und mit Anschlägen auf Wahllokale gedroht.
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