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30.01.2005
 

Hohe Wahlbeteiligung

Iraker trotzen dem Terror

Als um 15 Uhr MEZ im Irak die Wahllokale schlossen, hatten die irakischen Wähler ihr Zeichen gesetzt: Offiziellen Angaben zufolge fanden rund 60 Prozent von ihnen den Weg zur Urne - trotz massiver Drohungen und zahlreicher Terroranschläge. Verlässliche Zahlen und Ergebnisse wird es frühestens in sechs Tagen geben.

Gerührt: Eine irakische Wählerin zeigt nach der Stimmabgabe ihren markierten Finger
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REUTERS

Gerührt: Eine irakische Wählerin zeigt nach der Stimmabgabe ihren markierten Finger

Bagdad - Extremisten haben am Wahlsonntag im Irak ihre Drohung wahr gemacht und mit einer Serie von Anschlägen und Überfällen versucht, die ersten freien und demokratischen Wahlen zu sabotieren. Verhindern konnten sie die Wahl jedoch nicht: Millionen irakischer Wähler trotzten aller Gefahr.

Vor allem die Schiiten im Süden und die Kurden im Norden gingen offensichtlich unbeeindruckt an die Urnen. Lediglich im sunnitischen Kernland, wo bereits im Vorfeld der Wahl Terror und Gewalt am schlimmsten gewütet hatten, war die Beteiligung teils deutlich schwächer.

Nach einer vorläufigen Schätzung der Wahlkommission dürfte die Beteiligung landesweit bei rund 60 Prozent gelegen haben. Schätzungsweise acht Millionen Iraker hätten ihre Stimme abgegeben.

Eines von mindestens acht Selbstmordattentaten: In diesem Auto explodierte am Morgen eine Bombe
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DPA

Eines von mindestens acht Selbstmordattentaten: In diesem Auto explodierte am Morgen eine Bombe

Ein Mitarbeiter der offiziellen Wahlkommission hatte am Nachmittag noch vor Schließung der Wahllokale zunächst davon gesprochen, es seien bis dahin 72 Prozent der Stimmberechtigten zu den Urnen gegangen. Später ruderte er zurück und nannte mehrere widersprechende Zahlen, die aber unter den zuerst genannten 72 Prozent lagen. Der Beamte, Adel al Lami, sagte später, er habe mindestens zwei sunnitische Provinzen nicht berücksichtigt, in denen die Beteiligung gering sei. Rund eineinhalb Stunden später veröffentlichte die Wahlkommission die neue Schätzung, die alle Landesteile in Betracht ziehen soll.

Es wird wohl einige Zeit brauchen, bis hier ein genauer Überblick möglich ist: Die Wahlbeteiligung schwankte regional von nahe Null in einigen sunnitischen Hochburgen bis zu 95 Prozent in einigen Vierteln Bagdads. Unter dem Strich jedoch verbuchen die irakische Interimsregierung, die Wahlkommission und ausländische Beobachter die Wahl bereits jetzt als Erfolg.

UN-Generalsekretär Kofi Annan hat die Parlamentswahl im Irak am Sonntag als ersten Schritt zur Demokratie bezeichnet. "Sie wissen, dass sie über die Zukunft ihres Landes abstimmen. Sie stimmen über den Tag ab, an dem sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen", sagte Annan am Rande des Gipfels der Afrikanischen Union in der nigerianischen Hauptstadt Abuja. "Dies ist der erste Schritt eines demokratischen Prozesses." Die Iraker sollten ermutigt werden, auf diesem Weg voranzuschreiten, forderte Annan weiter.

Grafik: Wahlen im Irak
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SPIEGEL ONLINE

Grafik: Wahlen im Irak

Auch die neue US-Außenministerin Condoleezza Rice zeigte sich zufrieden mit dem Verlauf der ersten freien Parlamentswahl im Irak. Die Wahl sei besser als erwartet verlaufen, sagte sie im Fernsehsender ABC. Sie schränkte aber ein, es sei noch keine perfekte Wahl gewesen. "Was wir hier sehen, ist die Stimme der Freiheit", meinte die Nachfolgerin von Colin Powell weiter.

US-Präsident George W. Bush sei ebenfalls erfreut. "Er ist auch unglaublich ermutigt durch das irakische Volk", sagt sie. Es werde zwar noch viel schwierige Tage geben, sagte sie. "Aber bislang war das ein außergewöhnlicher Tag für das irakische Volk."

Zahlreiche Attentate

Ein leichter Tag war dieser Wahlsonntag für Iraks Wähler wahrlich nicht. An zahlreichen Orten kam es zu Anschlägen, denen nach bisherigen Angaben mindestens 36 Menschen zum Opfer fielen, die Zahl der Verletzten ist nicht bekannt. Allein in Bagdad wurden bis zum Nachmittag neun Anschläge gezählt.

Zu insgesamt dreizehn Anschlägen hat sich inzwischen die Extremisten-Gruppe um den Al-Qaida-Verbündeten Abu Mussab al-Sarkawi bekannt. Über das Internet gab die Gruppe unter anderem ihre Beteiligung an sieben Anschlägen auf Wahllokale und das US-Militär am Sonntag in Mossul zu.

Condoleezza Rice: "Besser als erwartet"
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DPA

Condoleezza Rice: "Besser als erwartet"

In einer Mitteilung auf einer radikal-islamischen Internetseite hieß es, die Gruppe habe fünf Anschläge auf Wahllokale und zwei auf US-Armeefahrzeuge verübt. In der von Sunniten und Kurden bevölkerten nordirakischen Stadt waren Spannungen zur Wahl der Nationalversammlung erwartet worden. Ein US-Offizier sagte allerdings, es sei dort alles viel besser gelaufen als erwartet.

Die Extremisten bekannten sich auch zu weiteren Attentaten an verschiedenen Orten in dem Golfstaat: "Dreizehn Löwen der Märtyrerbrigade der Al-Qaida-Organisation für den Heiligen Krieg im Irak haben verschiedene Wahllokale in Bagdad und anderswo angegriffen."

Bereits kurz nach Öffnung der Wahllokale hatte eine Serie von Selbstmord-Bombenanschlägen in Bagdad begonnen. Die Attentäter kamen dabei meist zu Fuß. Am folgenschwersten war die Tat eines Selbstmörders im Osten, der sich mit umgeschnallten Sprengstoffgürtel in eine Schlange wartender Wähler mischte, um dann seine Bombe zu zünden. Nach offiziellen Angaben riss der Attentäter mindestens sechs Menschen mit in den Tod. An anderen Stellen in Bagdad sowie in den Städten Basra, Mossul, Bakuba und Hilla griffen Extremisten mit Werfergranaten an. Die Polizei berichtete zunächst nur von einem Toten, doch war das ganze Ausmaß der Gewalt zunächst nicht absehbar.

Flash: Iraks Kandidaten
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Flash: Iraks Kandidaten

Vor der Wahl hatte die Organisation des aus Jordanien stammenden Extremisten al-Sarkawi alle Wahlwilligen über das Internet mit Mordanschlägen bedroht. Eine mindestens gleich große Gefahr dürfte aber von radikalen, gewaltbereiten Anhängern des gestürzten Baath-Regimes ausgegangen sein. Unter Saddam Husseins Herrschaft wurde die nur 20 Prozent der Bevölkerung des Irak ausmachende sunnitische Bevölkerungsgruppe stark privilegiert. Die Wahlenthaltung vieler Sunniten wie die außerordentlich hohe Wahlbeteiligung unter Schiiten ist somit aus der Angst vor, respektive der Hoffnung auf einen nachhaltigen Wechsel der Machtverhältnisse begründet. Im einigen Schiitengebieten soll die Wahlbeteiligung über 90 Prozent gelegen haben. Allgemein wird erwartet, dass die Schiiten aus den Wahlen als stärkste politische Kraft herausgehen werden. Vorläufige Ergebnisse werden in rund sechs Tagen, das Endergebnis wahrscheinlich erst in zehn Tagen erwartet.

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