Von Marc Pitzke, New York
New York - Seine hastige Handschrift ist kaum zu lesen. Exakt 24 bekritzelte, vergilbte Zettelchen sind es, grob von einem Spiralblock abgerissen und doch rechts oben säuberlich durchnummeriert, voller Abkürzungen, Adressen, Zeichen, Telefonnummern, Satz-Fragmenten: "5 Männer", "beschäftigt + haben Familie", "professioneller Einbruch", "Spezial-Handschuhe", "Kommunikation abfangen", "keine Waffen", "nichts Schlimmes gewollt".
Die Aufzeichnungen - über drei Jahrzehnte alt, doch bis vor ein paar Tagen geheim - haben historischen Wert: Sie traten im Juni 1972 den Skandal des Jahrhunderts los. Ihr Verfasser ist Bob Woodward, damals ein junger Reporter bei der "Washington Post". Der protokollierte so die Routinevorführung von fünf Männern beim Haftrichter. Sie hatten sich beim Einbruch ins Büro der Demokratischen Partei im Watergate-Haus erwischen lassen.
So banal beginnt Geschichte. Zwei Jahre sollte es dann noch dauern, bis US-Präsident Richard Nixon wegen des Watergate-Skandals zurücktrat. Ihre Notizen haben Woodward und sein Kollege Carl Bernstein, beide längst lebende Legenden, fast 33 Jahre lang unter Verschluss gehalten. Schließlich verkauften sie die Papiere, mit Tausenden weiteren Dokumenten, für fünf Millionen Dollar an die University of Texas, und die machte sie am vorigen Freitag der Öffentlichkeit zugänglich.
Posthumes Porträt vorbereitet
Ex-Präsident George H. W. Bush, Vater des derzeitigen Präsidenten: das Phantom von Watergate?
Doch auch das letzte Watergate-Rätsel - das eine Flut von Büchern, Artikeln, Dissertationen und Dementis inspiriert hat und in Washington ein unverändert beliebtes Gesellschaftsspiel ist - dürfte womöglich bald gelöst werden. "Deep Throat", berichtet der frühere Nixon-Berater John Dean, selbst ein "Throat"-Verdächtiger und ein Freund Woodwards, liege im Sterben. Und mit seinem Tod endet der journalistische Schweigeschwur.
Woodward, inzwischen leitender Redakteur bei der "Washington Post", habe seinen Chef Len Downie informiert, dass "Deep Throat" schwer krank sei, verriet Dean am Sonntag in der "Los Angeles Times". Ben Bradlee, Chefredakteur zu Watergate-Zeiten und einer der wenigen, die von Woodward eingeweiht waren, habe bereits einen Nachruf geschrieben - ein "posthumes Porträt", das die Maske von "Deep Throat" lüften werde, von dem kaum mehr bekannt ist, als dass er raucht und gerne Scotch trinkt.
War der alte Bush das Phantom?
Sollte das stimmen, widerspräche das zugleich der atemberaubenden Theorie, die der Autor Adrian Havill, ein alter "Deep Throat"-Fahnder, vergangene Woche über eine Website in Umlauf brachte: dass George H.W. Bush, der Vater der jetzigen Präsidenten und damals Nixons Uno-Botschafter, "Deep Throat" gewesen sei. Die Bush-These ist alt, doch Havill will neue Indizien gefunden haben.
Bush habe Motiv und Gelegenheit gehabt, Woodward & Co. mit Watergate-Material zu versorgen, schreibt Havill (der früher glaubte, "Deep Throat" sei eine Kombination mehrerer Personen gewesen). Das Motiv: Rache. Schließlich habe ihn Nixon mehrmals mit hohen Regierungsämtern gelockt und trotzdem fallen gelassen. Kein Wunder auch, dass Woodward seine Papiere jetzt nach Texas verkauft habe.
Henry Kissinger: einer von vielen Verdächtigen
Alle dementierten
Die Äußerungen feuern die Debatte um Informantenschutz à la "Deep Throat" an, in Washington gerade mal wieder ein heißes Thema - allerdings auf weit weniger amüsante Weise. Zwei namhafte investigative Reporter haben es hier mit der Justiz zu tun, weil sie ihre Quellen nicht preisgeben wollen. Im Oktober verurteilte ein Gericht Judith Miller ("New York Times") und Matt Cooper ("Time") deshalb zu Haftstrafen von bis zu 18 Monaten. (Das Verfahren hängt in der Berufung.) In dem Fall geht es darum, wer im Weißen Haus den Namen der CIA-Geheimagentin Valerie Plame an die Öffentlichkeit lanciert hat, offenbar um deren Mann, den Ex-Botschafter Joseph Wilson, für seine Kritik an der Irak-Politik zu bestrafen.
Solche Gewissensnöte kennt auch John Dean. Lange musste der Kronzeuge gegen Nixon ja selbst dementieren, der Spitzel gewesen zu sein. Nach Absitzen seiner Watergate-Haft (127 Tage) begab er sich auf die Suche nach dem "einzigen Mann der Geschichte, der noch höher auf Nixons Feindesliste stand als ich". Aber auch Dean kam nicht weit: Statt einer einzigen Person konnte Dean zum 30. Watergate-Jubiläum 2002 nur eine Liste potentieller "Throats" präsentieren.
Darauf fanden sich die üblichen Kandidaten. Nixons Stabschef Alexander Haig. Parteistratege John Sears. Präsidentenberater David Gergen. Diane Sawyer, damals im Weißen Haus angestellt und heute eine der prominentesten TV-Anchorwomen. Der damalige FBI-Direktor Patrick Gray. FBI-Mann Mark Felt. Alle waren früher schon als "Deep Throat" genannt worden. Alle dementierten.
Ein Martini auf alte Zeiten
Weitere Namen, die über die Jahre in der Gerüchtküche kursierten: Der konservative Politiker Pat Buchanan, seinerseits Ghostwriter für Nixon, Nixons Regierungssprecher Ron Ziegler, Watergate-Staatsanwalt Earl Silbert und Ex-Außenminister Henry Kissinger.
Wobei sich jedoch Mark Felt bis heute als populärste Variante hält - trotz wiederholter und oft erboster Dementis. Zu Watergate-Zeiten die Nummer zwei beim FBI, war er einer der wenigen, die Zugang zu den Interna hatten, die kurz darauf bei Woodward landeten. Nixon selbst hielt ihn für "Deep Throat", auch Bernsteins Ex-Frau Nora Ephron und sein Sohn Tim glaubten das. Felt, heute 90 Jahre alt, lebt zurückgezogen im kalifornischen Santa Rosa, wo ihn Woodward 1999 besuchte. Gemeinsam tranken die beiden nach Worten von Felts Tochter Joan einen Martini auf alte Zeiten.
Aufregung für Polit-Junkies
Die wohl aufwendigste Recherche nach "Deep Throat" betrieb der Pulitzer-Preisträger William Gaines. Mit 70 Journalismusstudenten von der University of Illinois erarbeitete er, ebenfalls zum 30. Watergate-Jahrestag, einen "Finder's Guide to Deep Throat". Aus 16.000 Aktenseiten und alten Telefonbüchern entwickelten sie ein Excel-Spreadsheet mit 1100 Zeilen: "Wer was wann tat." Ihre Schlussfolgerung: "Deep Throat" sei der Anwalt Fred Fielding gewesen, Deans Vize im Weißen Haus, der zuletzt als Mitglied der 9/11-Ausschusses durch die Schlagzeilen geisterte. Fielding dementierte.
So machte sich Professor Gaines denn auch am vorigen Freitag in aller Herrgottsfrühe nach Texas auf, um als Erster Einblick in die Woodward-Notizen nehmen zu können. Andere fragen sich dagegen: Wozu das Ganze? Barry Sussman, damals ein vorgesetzter Redakteur Woodwards, hielt die Rolle von "Deep Throat" immer für überdramatisiert: Seine Tipps hätten wenig geholfen. Selbst Dean schreibt "Deep Throat" mindestens eine Falschinformation zu. "Ich frage mich", seufzt "Post"-Medienkritiker Kurtz darob, "ob das heute außer den Junkies noch jemanden interessiert." Abwarten, orakelt Dean: "Bleiben Sie dran."
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