Aus Moskau berichtet Carsten Volkery
Moskau - Auf 90 Prozent hatten die Meteorologen die Niederschlagswahrscheinlichkeit am Vortag beziffert. Dagegen kamen selbst die russischen Zauberflieger zunächst nicht an, die in der Nacht aufgestiegen waren, um mit Silberjodid für blauen Himmel zu sorgen. Schwer hängen die Wolken über dem Roten Platz, Präsident Wladimir Putin muss seine Gäste mit Regenschirm empfangen. Es ist die erste Niederlage der Planer an diesem 60. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg.
Erst mit einer Stunde Verspätung kommt die Sonne heraus. Abgesehen davon läuft die Choreografie reibungslos. Schon am Flughafen werden die rund 50 anreisenden Regierungschefs aus aller Welt von einem riesigen roten Banner empfangen: "Victory, one for all", steht darauf. Die Autobahnen in die Stadt sind gesäumt von Plakaten mit einer großen 60, gern nimmt die Zahl auch mal eine ganze Hausfassade ein. Die Fontänen im Siegespark sind blutrot angestrahlt. Das Foyer des Hotels Rossija, in dem die internationale Presse untergebracht ist, zieren Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg, auf einem reißt ein russischer Soldat mit wehendem Mantel sein Gewehr in die Höhe. "60 Jahre Sieg" steht über dem Eingang.
So groß war die Siegesfeier noch nie. Sie ist der krönende Abschluss des Gedenkmarathons, der im letzten Sommer mit dem 60. Jahrestag des D-Day, der Landung der West-Alliierten in der Normandie, begonnen hatte. Nach dem Warschauer Aufstand, der Befreiung der Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald folgt nun das Kriegsende. Mehrere tausend Journalisten sind angereist, um über das Großereignis zu berichten.
Äußerlich ähneln die Feierlichkeiten den Jubelparaden vergangener Jahre. Schon morgens um sieben marschieren die Kompanien laut singend am Moskwa-Fluss entlang zum Roten Platz. Vor der Basilius-Kathedrale mit den bunten Zwiebeltürmen nehmen sie Aufstellung. Die Veteranen sammeln sich auf dem weiten Platz, Marineinfanteristen mit schwarzen Kappen, Luftlandetruppen mit leuchtend blauen Mützen. An der Brust klimpern Orden. Später wird geböllert, der Verteidigungsminister dreht stehend eine Runde im Cabrio der russischen Edelmarke Sil. Es regiert die Nostalgie: 7000 junge Soldaten sind in die alten Weltkriegsuniformen gesteckt worden, 2700 ordenbehängte alte "Frontowiki" fahren in nachgebauten Militärlastwagen an den Ehrengräbern von Breschnew und Stalin vorbei. Sie winken mit roten Nelken, auch die Fahnen sind rot - die Farbe des Sowjet-Reiches.
Das Gespenst Stalin erhebt sein Haupt
Wie jedes Jahr im Mai hebt auch das Gespenst Stalin in diesen Tagen der nationalen Überhöhung sein Haupt. An der Lokomotive eines der Veteranenzüge nach Moskau prangt sein Porträt. An seinem Grab werden wieder rote Nelken niedergelegt. Parlamentspräsident Boris Gryslow forderte kürzlich eine Neubewertung der historischen Leistung des Diktators. Das deckt sich mit Umfragen, in denen inzwischen eine positive Einschätzung des Schlächters überwiegt.
Doch im Unterschied zu früher sitzt neben den Kreml-Vetretern auf der Ehrentribüne vor dem Lenin-Mausoleum diesmal die gesamte Führung der westlichen Welt. Beim 50. Jahrestag vor zehn Jahren waren Bill Clinton und John Major zwar angereist, hatten die Parade aber boykottiert - wegen des Tschetschenien-Krieges. Auch Helmut Kohl flog damals erst mittags ein und kam nur abends zum Staatsbankett bei Boris Jelzin.
Heute sitzen da George W. Bush, Jacques Chirac sowie sämtliche Regierungschefs der einstigen Achsenmächte: Gerhard Schröder, Silvio Berlusconi und Junichiro Koizumi. Tony Blair hatte erst in letzter Minute abgesagt - wegen der Regierungsbildung in London, wie es offiziell hieß. Bush und Putin amüsieren sich prächtig, man sieht, dass sie gestern bereits einen fröhlichen Abend auf Putins Datscha verbracht haben.
Es ist Putins Triumph. Die Feier des "großen Sieges" im Kreise der internationalen Gemeinschaft dürfte auch auf die Popularität seiner Regierung abfärben. Selbst der Revolutionsheld mit dem zernarbten Gesicht, Wiktor Juschtschenko aus der Ukraine, klatscht brav im Takt der Militärmärsche. Besonders häufig ist der italienische Ministerpräsident Berlusconi im Bild, der so begeistert in die Hände schlägt, als zählte er persönlich zu den Siegern von 1945.
Putin sitzt in der ersten Reihe zwischen den Vertretern der alten Alliierten, Bush und Chirac. Erst neben Chirac folgt der Männerfreund Schröder. Weniger prominent sitzt diejenige, die im Vorfeld für den größten Wirbel gesorgt hatte: Die lettische Präsidentin Vike-Freiberga. Seit Monaten versucht sie, die internationale Öffentlichkeit auf das Schicksal der baltischen Staaten aufmerksam zu machen. Für Litauen, Estland und Lettland war der 9. Mai der Beginn einer neuen Diktatur. Für Lettland, sagt die Präsidentin, habe der Zweite Weltkrieg erst am 4. Mai 1990, dem Tag der Unabhängigkeit, geendet. Im Januar, anlässlich der Befreiung von Auschwitz, schenkte sie Putin ein neu erschienenes Geschichtsbuch zur "lettischen Geschichte des 20. Jahrhunderts". Die russischen Diplomaten tobten.
Protest-Besuch aus Lettland
Als einzige Vertreterin der baltischen Staaten hat Vike-Freiberga die Einladung nach Moskau angenommen - um ihren Protest fortzuführen, wie sie sagt. Als diplomatischen Erfolg konnte sie am Wochenende bereits den Besuch des US-Präsidenten in Riga verbuchen. Bush hielt auf dem Weg nach Moskau demonstrativ in der lettischen Hauptstadt, um der Forderung nach Aufarbeitung der russischen Geschichte Nachdruck zu verleihen. Auch EU-Kommissar Günter Verheugen will das Thema beim EU-Russland-Gipfel ansprechen, der sich morgen in Moskau an die Feierlichkeiten anschließt.
Schröder hingegen schweigt. Die deutsche Position sei immer gewesen, dass die Annexion der baltischen Staaten völkerrechtswidrig sei, heißt es aus Regierungskreisen. Heute sei im Übrigen keine Zeit zu einem Gespräch.
Denn heute ist Putins Tag. Der russische Präsident ist der einzige Redner des Tages. Er spricht vom Sieg des Guten über das Böse, der Freiheit über die Tyrannei. Die Versöhnung mit Deutschland nach dem Krieg nennt er ein historisches Ereignis und würdigt die Waffenbrüderschaft mit den westlichen Alliierten. Die Lehre aus dem Krieg sei es, eine Weltordnung der Sicherheit und Gerechtigkeit zu schaffen.
Putin sonnt sich im Ruhm der Roten Armee, die die Sowjetunion verteidigte. 27 Millionen Tote hatte die UdSSR zu beklagen - mehr als die Hälfte aller Weltkriegsopfer. Der Sieg über Hitler-Deutschland sei ein "Triumph der Gerechtigkeit" gewesen, sagt er. Bereits am Vorabend im Bolschoitheater hatte er daran erinnert, dass "die entscheidenden Schlachten" auf russischem Boden geschlagen wurden. "Hier wurde der Mythos der deutschen Unbesiegbarkeit zerstört", so Putin vor Veteranen.
Die deutschen Veteranen, die Schröder begleiten, haben Verständnis für die Siegesfeier. "Sie hatten ja ungeheure Verluste", sagt Jürgen Meyer-Wilmes, ein 78-jähriger ehemaliger Infanterist. Er will einen Beitrag dazu leisten, dass das deutsch-russische Verhältnis sich so positiv entwickelt wie das deutsch-französische. Am Nachmittag wird er mit russischen Veteranen zusammentreffen. Auch Putin wird er die Hand schütteln. Kritik an der Parade findet er abwegig: "Hätten wir gewonnen, hätten wir genauso gefeiert."
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