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10.05.2005
 

Interview mit dem britischen Botschafter

"Die Deutschen sollten nicht so empfindlich reagieren"

Der britische Botschafter in Berlin, Peter Torry, hat das Verhältnis zwischen Deutschland und Großbritannien als so gut wie nie zuvor bezeichnet. Damit widersprach er im SPIEGEL-ONLINE-Interview seinem deutschen Kollegen in London, der vor einem Auseinanderdriften der beiden Länder gewarnt hat.

Botschafter Torry: "Die britischen Medien sind ziemlich respektlos"
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DPA

Botschafter Torry: "Die britischen Medien sind ziemlich respektlos"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Botschafter, haben Sie schon mal versucht, im Urlaub eine Liege am Pool mit Ihrem Handtuch zu reservieren?

Torry: (lacht) Nein. Ich war zwar bis gestern in Portugal. Dort war der Pool jedoch so leer, dass man keine Liege reservieren musste. Aber das ist eines dieser Stereotypen, die man nicht ernst nehmen sollte.

SPIEGEL ONLINE: Natürlich nicht. Die Frage ist nur, warum halten sich diese Vorurteile trotzdem so hartnäckig?

Torry: Sie werden von der Presse in beiden Ländern einfach immer wieder hervorgeholt. Die britischen Medien sind ziemlich respektlos - jedem gegenüber. Das richtet sich nicht besonders gegen Deutschland. Unsere Royal Family und die Regierung sind auch oft Ziel dessen. Genauso wie Franzosen und Amerikaner. Man sollte einen Unterschied machen zwischen den Schlagzeilen, die ziemlich zugespitzt werden, um die Zeitung zu verkaufen, und dem Inhalt.

SPIEGEL ONLINE: Das macht einem die britische Presse manchmal aber ganz schön schwer, wenn man etwa an die Wahl des deutschen Kardinal Josef Ratzinger zum neuen Papst denkt.

Torry: Sicher. In den Schlagzeilen hieß es, "Rottweiler-Papst". Aber der Inhalt war dann doch eher positiv gegenüber der Tatsache, dass ein Deutscher Papst geworden ist. Sogar in der britischen Boulevardzeitung "The Sun" ist ein positiver Meinungsartikel erschienen. Man muss bei der Presse und bei den Inhalten einfach stärker differenzieren. Im Übrigen darf man nicht vergessen, dass die britischen Medien die heutige Ehefrau von Prinz Charles, Camilla Parker Bowles, ebenfalls jahrelang als Rottweiler bezeichnet haben.

SPIEGEL ONLINE: Gestern waren in Moskau die Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Kriegsendes. Im Vorfeld ist viel über das deutsch-russische und das deutsch-französische Verhältnis debattiert worden. Aber längst nicht so viel über das Verhältnis zwischen Berlin und London.

Torry: Das liegt daran, dass wir nicht ständig zu behaupten brauchen, dass die Beziehungen gut sind. Die guten Beziehungen zwischen Deutschland und Großbritannien sind inzwischen selbstverständlich geworden. Sie waren nie besser. Wir sind Freunde, wir sind Partner. Der deutsche Markt ist nach dem amerikanischen für uns der wichtigste auf der Welt. Es gibt tausende Deutsche, die in Großbritannien arbeiten. Das ist heute alles selbstverständlich. Zudem hat der britische Premierminister Tony Blair einer großen deutschen Zeitung ein Interview gegeben und darin auch gesagt, dass die Beziehungen nie besser waren.

SPIEGEL ONLINE: Ihr deutscher Kollege in Großbritannien, Botschafter Matussek, hat das am Wochenende deutlich anders dargestellt. Er hat sich in einem Zeitungsinterview darüber beschwert, dass viele Briten 60 Jahre nach Kriegsende noch auf die Nazi-Zeit fixiert seien und überhaupt kein Interesse an dem Deutschland von heute haben.


Torry: Aber er hat auch das deutsch-britische Verhältnis gelobt. Wenn - ich unterstreiche dieses Wenn - es überhaupt ein Problem gibt, dann, dass die jungen Leute ein sehr unscharfes Bild von Deutschland haben. Sie kommen nicht so oft nach Deutschland und sie lernen seltener Deutsch in der Schule als früher. Andererseits sind die Briten in Berlin die größte Touristengruppe. Und auch unter den jungen Leuten hat Berlin den Ruf einer coolen Stadt. Der Film "Goodbye Lenin" war ein Riesenerfolg in Großbritannien, ebenso die Joseph Beuys-Ausstellung in der Tate-Galerie und das Theaterstück von Michael Frayn über Willy Brandt. Wenn man negative Aspekte suchen will, dann findet man immer etwas. Aber man sollte das Gesamtbild nicht aus den Augen verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn es möglicherweise nur an der Oberfläche ist: Es bleibt die Frage, warum dieses Nazi-Thema in Ihrer Heimat so präsent ist?

Torry: Ich empfinde das nicht als so präsent. Ich denke, man sollte einfach nicht zu empfindlich sein. Ich finde eher, dass die deutsche Presse im Moment ständig über dieses Thema schreibt. Das wird langsam in sich selbst zu einem Stereotyp. Wir sprechen über die angeblich schlechten Beziehungen, weil es keine anderen Probleme gibt. Wir riskieren langsam, das Deutschlandbild in Großbritannien zu einem Problem aufzubauen.

SPIEGEL ONLINE: Nächstes Jahr ist die Fußball-WM in Deutschland. Was wird sie für die deutsch-britischen Beziehungen bringen?

Torry: Das kommt darauf an, wer gewinnt. Wenn England gewinnt, dann wird die Fußball-WM einen riesiger Erfolg für die deutsch-britischen Beziehungen. Am liebsten fünf zu eins im Endspiel gegen Deutschland wie bei unserem letzten Spiel gegen die deutsche Nationalmannschaft. (lacht)

Das Interview führte Lisa Erdmann

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