Von Marc Pitzke, New York
New York - Zwei alte Freunde gehen einen trinken. Im August 1999, in Santa Rosa, einem stillen Örtchen in den Weinbergen nördlich von San Francisco. Der eine ist Mitte 50, elegant ergraut und schnittig. Der andere ist Ende 80, hat schlohweißes Haar und trägt eine riesige Hornbrille. Sie trinken Martini.
Sie haben sich seit Jahren nicht gesehen. Der Ältere ist inzwischen etwas tattrig. Der Jüngere kommt aus Washington, er ist dienstlich in der Gegend. Er lässt sich von einem Chauffeur mit einer weißen Limousine konspirativ bis zu einem Schulparkplatz fahren, ein paar Straßen vom Haus des Freundes entfernt, den Rest geht er zu Fuß. Die beiden plaudern erst im Wohnzimmer, fahren dann ein bisschen im Auto herum und landen schließlich in einer Bar.
Der Besucher ist Bob Woodward, Star-Reporter der "Washington Post". Der Greis mit der Brille ist Mark Felt, während des Watergate-Skandals die Nummer Zwei der US-Bundespolizei FBI. Beide verbindet eine Freundschaft, die lange vor dem Skandal begann, dessen Enthüllung Woodward später berühmt machte und reich.
Sie verbindet aber auch, wie die Welt seit gestern weiß, noch etwas anderes: Felt war der legendäre, anonyme Informant, der Woodward mit Watergate-Tipps aus dem Dunstkreis des Weißen Hauses versorgte, meist spät nachts in einer Tiefgarage. Mark Felt war "Deep Throat".
Letzter Mythos entzaubert
"Ich bin der Kerl, den sie 'Deep Throat" nannten": Mit diesen flaxen Worten offenbarte sich Felt, heute 91, einem befreundeten Anwalt. Das historische Bekenntnis, zuerst kolportiert von der Zeitschrift "Vanity Fair", wurde gestern von Felts Familie bestätigt. Gemeinsam traten die Angehörigen am Nachmittag in Santa Rosa vor Dutzende Reporter und schoben auch den alten Herrn mal kurz an die Tür. "Mein Großvater", sprach Felts Enkel Nick Jones, "ist ein großer amerikanischer Held, der weit über die Pflicht hinauswuchs, unter schwerem persönlichem Risiko, um sein Land vor einer entsetzlichen Ungerechtigkeit zu bewahren." Wenige Stunden später brachen auch Woodward und sein damaliger "Washington Post"-Kollege Carl Bernstein ihr Schweigen: "Mark Felt war 'Deep Throat'."
Und damit ist es also gelüftet, das letzte Geheimnis von Watergate, jenes Jahrhundertskandals um die düsteren Machenschaften Richard Nixons. Das einzige Geheimnis Washingtons, das tatsächlich bis zum Schluss hielt - und auch nur deshalb platzte, da sich die Quelle nun selbst outete. Irgendwie kaum Zufall, dass er sich gerade jetzt entzaubert, der letzte Mythos des investigativen Journalismus, der mit Watergate erst richtig geboren wurde, doch dieser Tage so pietätlos wieder zu Grabe getragen wird, in der US-Hauptstadt zumindest, wo die Presse ein so mieses Image hat wie seit Generationen nicht.
Zigarette im Mundwinkel
Wer war "Deep Throat"? Wer war dieser furchtlose Whistleblower, der wohl berühmteste der US-Geschichte, der half, einen Präsidenten zu stürzen und das gesamte Regierungssystem ins Wanken zu bringen? Dessen Enthüllungen das Vertrauensverhältnis der Amerikanern zu ihren Politikern auf immer erschütterten - und auch das Verhältnis der Politiker zur Presse?
Diese Frage gebar Bücher, Dissertationen und Dementis, bot ewiges Smalltalk-Futter für die Cocktailpartys zwischen Potomac und Capitol Hill - auch wenn die jüngste Generation, wie spontane TV-Straßenumfragen gestern zeigten, Watergate oft erst mal im Geschichtsbuch nachschlagen muss. Historiker zerbrachen sich die Köpfe, Detektive durchwühlten die Archive, viele kamen der Wahrheit sehr nahe, keiner löste das Puzzle. Schließlich hatten Woodward und Bernstein ihrem Tippgeber geschworen, ihn erst nach seinem Ableben zu identifizieren.
Stattdessen hat Woodward ihn anonym zur Legende verklärt. Vor allem durch die Beschreibung besagter Treffen in der Tiefgarage, verewigt im Bestseller "All the President's Men" (1974) und zwei Jahre später in einem Oscar-gekrönten Kino-Kultthriller mit Robert Redford (Woodward), Dustin Hoffman (Bernstein) und Hal Holbrooke ("Deep Throat"). Es waren jene Filmszenen, die "Deep Throat" der Welt zum Begriff machten: Das dunkle Parkhaus, die Angst des schmucken Reporters, die Silhouette des mysteriösen Insiders aus dem Innersten der Macht, im Trenchcoat, eine Zigarette im Mundwinkel.
Das Gewissen des FBI
Doch alles war viel profaner als Hollywood es verklärte. Woodward und Felt kannten sich schon lange, als der Skandal losbrach, am 17. Juni 1972 mit einem Einbruch in die Wahlkampfzentrale der Demokraten im Watergate-Apartmentkomplex. Oft trafen sich der FBI-Mann und der junge Lokalreporter in einer Kneipe, um über Politik zu plaudern. Die Freundschaft "war aufrichtig", berichtete Woodward in "All the President's Men".
Felt war ein Top-Agent - damals noch als Mitglied der demokratischen Partei, erst viel später, unter Ronald Reagan, wechselte er zu den Republikanern. Er liebte Bourbon und Scotch, trug stets ein Waffenholster unterm Jackett, war ein Protégé von FBI-Chef Edgar Hoover und eigentlich prädestiniert, Hoover im Amt zu beerben, als der im Mai 1972 starb.
"Er schuftete sechs Tage die Woche, kam nach Hause, aß und ging zu Bett", erinnert sich Felts Sohn Mark Junior in dem Enthüllungsartikel, den "Vanity Fair" gestern vorab veröffentlichte. "Er glaubte mehr an das FBI als an sonst was in seinem Leben." Bald, berichtet Autor John O'Connor, "begann sich Felt als das Gewissen des FBI zu sehen". Als ihm dämmerte' welches Komplott das Weiße Haus vertuschte, und als er dann auch noch übergangen wurde bei der Beförderung, beschloss er, etwas zu tun. Selbst seine engsten Angehörigen ahnten nichts. "'Deep Throat' log seine Familie an, seine Freunde und seine Kollegen", sagte Woodward.
Geheimsache Blumentopf
Woodward nutzte Felt anfangs als eine von vielen Quellen für seine Watergate-Storys. Woodwards Kollege Bernstein dagegen hatte nie Kontakt zu "Deep Throat", den die Redaktion nach dem gleichnamigen Pornofilm getauft hatte. Lange kommunizierten Felt und Woodward per Telefon. Erst als sich die Dinge zuspitzten, wichen sie in die Tiefgarage aus.
Um die Treffen zu initiieren, vereinbarten sie ein elaboriertes Signal-System. Woodward stellte einen Blumentopf mit einem roten Plastikfähnchen auf seinen Balkon, und wenn er ein Treffen wünschte, schob er ihn nach hinten an die Wand. Felt wiederum machte sich über die "New York Times" bemerkbar, die der Journalist morgens auf der Fußmatte liegen hatte. Hatte Felt neue Informationen, markierte er die Seite 20 des Blatts mit der Uhrzeit der erwünschten Zusammenkunft.
Woodward traf extreme Vorkehrungen, um bei seinen Rendezvous nicht inflagranti ertappt zu werden. Meist nahm er zwei verschiedene Taxis und ging das letzte Stück per pedes, selbst um zwei Uhr nachts, wenn sich die beiden meist trafen. Manchmal, wenn kein Taxi zu haben war, wanderte er die gesamte Strecke, über zwei Stunden lang. Einmal folgten ihm zwei Männer, doch er konnte sie abschütteln.
Ein Krawallmacher, der gern trank
Erst gab "Deep Throat" Woodward keine direkten Hinweise, sondern bestätigte - oder korrigierte - nur, was der und Bernstein unabhängig recherchiert hatten. Später wurde er aber "immer wütender auf die Regierung", wie O'Connor schreibt, und streute konkrete Tipps ein. Auch wenn er sich selbst damit in Gefahr brachte, denn Nixon hatte ihn lange schon im Verdacht, ein Verräter zu sein.
"Follow the money", so Felts klassischer Rat an die Reporter. Er zeigte Woodward das ganze Ausmaß der Verschwörung, scholt ihn auch einmal heftig, als der was Falsches berichtet hatte. Woodward sah seine Quelle zwiespältig: "Er schlug gerne Krawall, trank zu viel, trieb es zu weit", erinnerte er sich später. "Er konnte seine Gefühle nur schlecht verbergen, kaum ideal für einen Mann in seiner Position."
Als Felt erkannte, dass er beim FBI nicht weiter kam, ließ er sich pensionieren - 1973, ein Jahr vor Nixons Rücktritt. Wegen einer anderen FBI-Affäre verurteilt, wurde er von Reagan 1981 amnestiert. Nachdem seine Frau Audrey starb, zog er nach Kalifornien und überließ Washington der Spekulation, die seither auch immer wieder auf seinen Namen zurückkam.
Held oder Verräter?
Warum jetzt? Felt, so "Vanity Fair" in seiner Geschichte, an der rund 15 Redakteure unter strikter Geheimhaltung beteiligt waren, habe sich nur widerwillig offenbart, auf Druck seiner Familie. Er selbst habe bis zuletzt gehadert, wie ihn die Welt sehen würde, als Held oder Verräter - und beide Positionen schollen gestern prompt aus allen TV-Kanälen, als die ergrauten Zeitzeugen ein letztes Mal antraten, um die Geister von Watergate zu beschwören.
Felts Kinder hätten ihn am Ende aber damit überredet, dass man jetzt noch "wenigstens genug Geld machen könnte, um ein paar Rechnungen zu bezahlen". Zum Beispiel die teuren Studiengebühren der Enkel. Ein erstes Ansinnen allerdings, sich sein Outing bezahlen zu lassen, lehnte "Vanity Fair" ab. Und so banal endet sie also, die Legende von "Deep Throat".
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