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12.07.2005
 

Srebrenica-Gedenken

"Aber lebe ich denn?"

Von Anne Seith

Jede Nacht bricht der Krieg in ihrem Schlafzimmer wieder aus, sagt Azemina Mustafic. Sie ist eine der 30.000 Muslime, die bei dem Massaker von Srebrenica aus der Stadt flüchteten. Seit zehn Jahren lebt sie in Deutschland, doch wirklich angekommen ist sie nie.

Niederländische Soldaten mit Flüchtlingen in Potocori (Archivbild von 1995): 30.000 Muslime flohen vor den bosnischen Serben
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Niederländische Soldaten mit Flüchtlingen in Potocori (Archivbild von 1995): 30.000 Muslime flohen vor den bosnischen Serben

Berlin - Azemina Mustafic beugt sich tief über den Schnellhefter, der vor ihr liegt. Wie eine Schülerin vor der Prüfung geht sie noch einmal durch, was sie für diesen Abend vorbereitet hat. Tonlos bewegen sich ihre Lippen. Viele der rund 50 Gäste, die an diesem Abend in die Vereinsräume des Südost Europa Kultur e.V. nach Berlin Kreuzberg gekommen sind, kennen das Massaker im entfernten Ex-Jugoslawien nur aus Zeitung und Fernsehen. Zuletzt in Erinnerung gerufen, als im Rahmen der Kriegsverbrecherprozesse das Video serbischer Soldaten - eine Dokumentation kaltblütiger Erschießungen - durch die Nachrichten ging.

Für Azemina Mustafic ist der 11. Juli 1995, als serbische Truppen im ostbosnischen Srebrenica einfielen und 8000 Jungen und Männer töten, lebendige Erinnerung. Heute so unerträglich wie damals. Die 58-Jährige hat sich drei Monate lang in Gruppensitzungen vorbereitet auf diesen Gedenkabend, ihre Geschichte immer wieder auf Papier geschrieben. Und trotzdem so viel Angst gehabt, dass sie an diesem Mittag die doppelte Ration ihrer Beruhigungstabletten nahm. Danach ist sie wie tot ins Bett gefallen.

Es ist schwül an diesem Abend. Mustafic trägt ein hellgrünes Kopftuch und ein altmodisches Kleid mit langen Ärmeln und Blumenmuster. Sie liest ihre Erinnerungen auf Bosnisch vor, die Übersetzung halten die Zuhörer in der Hand. Vom Abtransport aus Srebrenica auf dem Laster der serbischen Soldaten handelt die erste Geschichte, von Schlägen und Schreien. Immer wieder unterbricht sich Mustafic, dreht den Kopf zur Seite, tiefe Falten graben sich senkrecht über Nasenwurzel und Brauenbogen und verwandeln ihr Gesicht zur schmerzverzerrten Grimasse. Dann reißt sie sich wieder zusammen, ihre Stimme klingt laut und blechern, ihre Hände gestikulieren wild in der Luft.

Gedenkfeier in Potocari: "Versöhnung gibt es nicht"
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Gedenkfeier in Potocari: "Versöhnung gibt es nicht"

"Sie ist wütend, das ist gut", sagt Bosiljka Schedlich vom Südost Europa Kultur Verein. Seit über zehn Jahren arbeitet sie mit Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien, mit Serben, Kroaten und Muslimen. Viele schämen sich, für das was ihnen passiert ist. Dass sie überlebt haben. Wut sei besser, sagt Schedlich.

"Vielleicht lebe ich da ja gar nicht mehr"

Am Tag nach der Gedenkfeier ist Azemina Mustafic wieder in den Vereinsräumen, um noch einmal über ihre Erlebnisse zu berichten. Man mag kaum glauben, dass sie erst 58 ist. Die Brauen hat sie verloren, die grünen Augen darunter wirken stumpf, das Leid scheint wie eingemeißelt in ihren Gesichtszügen. 1992 flüchtete sie vor serbischen Truppen aus ihrem Dorf nach Srebrenica, drei Jahre vegetierte sie dort mit Zehntausenden von Flüchtlingen in der von serbischen Truppen eingekesselten Stadt dahin. Sie verlor ihren 20-jährigen Sohn, ihren Schwager, ihren Mann. "Ich wundere mich, dass ich so überhaupt leben kann", sagt sie. "Aber lebe ich denn?", fragt sie nach kurzem Zögern.

Sie trägt das Kopftuch von gestern, dazu einen langen Rock. Sie wirkt seltsam deplatziert in den hell gestrichenen Altbauräumen, wie ein Gast, der Angst hat, eine Last zu sein. Wenn sie über ihr Leben in Deutschland befragt wird, ist sie - die so voll energischer Wut über die Vergangenheit reden kann - plötzlich kraftlos und passiv. Auf die Frage danach, was in drei Jahren ist sagt sie: "Vielleicht lebe ich da ja gar nicht mehr."

Seit zehn Jahren ist Mustafic in Deutschland. Sie wohnt in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Kreuzberg, eine der beiden Töchter lebt mit den beiden Enkelinnen ganz in der Nähe. "Das gibt mir ein bisschen Mut." Sie habe nur wenig Freunde, weil sie kein Deutsch könne, die Sprache sei einfach nicht mehr in ihren Kopf gegangen.

Sie geht regelmäßig in den Südost Europa Kultur Verein, beschäftigt sich dort mit Seidenmalerei oder stickt. "Manchmal ist sie kurz lustig, doch dann stöhnt sie schon wieder auf, als schäme sie sich dafür", erzählt Schedlich. Seit einigen Wochen hat Mustafic eine vom Jobcenter finanzierte Arbeit in einer Nähwerkstatt, wo sie nun einige Stunden am Tag bunte Täschchen näht. So gehe die Zeit besser rum, sagt sie und lächelt wieder.

Massengrab: Tausende von Leichen sind noch nicht identifiziert
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DPA

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Dabei ist sie eigentlich eine energische Frau, sagt Schedlich. Als regelmäßig Abschiebebescheide in ihrem Briefkasten landeten, habe sie einen Kampfgeist gezeigt, den nur wenige Flüchtlinge an den Tag legen. "Sie wollte keinen Anwalt, weil sie sich im Recht fühlte", sagt Schedlich schmunzelnd. Als sie sich dann doch einen nahm und der sie schlecht behandelte, sei sie in sein Büro gegangen und habe ihn beschimpft. Eine Lebensenergie, die wohl nur noch die Angst bei Mustafic hervorrufen kann.

Die Tochter passt auf die Ruinen auf

Sie fühle sich oft verloren, sagt sie. Seit zehn Jahren ist sie in Therapie, nimmt zusätzlich Psychopharmaka. Viele Traumatisierte erleben die Kriegsschrecken immer wieder, auf offener Straße, beim Anblick einer Uniform oder eines Lastwagens. Mustafic wandelt stattdessen manchmal wie eine Tote durch die Stadt, erzählt sie. Sie steht eine halbe Ewigkeit lang mit offenem Schirm auf dem U-Bahn-Gleis. Oder versucht minutenlang die Tür zur Nähwerkstatt mit ihrem Haustürschlüssel zu öffnen anstatt mit der Magnetkarte - ohne zu merken, dass es nicht geht. "Der Kopf: leer", sagt sie auf Deutsch und ihr Blick wirkt verzweifelt.

Selbst der Schlaf bringt keine Ruhe. Irgendwann sei sie immer in Bosnien, sagt sie. Dann ist er wieder da, der Hunger, der sich damals fest in ihren Bauch gefressen hat und den Kopf beherrschte. Die Eiseskälte im Winter, in den Zimmern, deren Fenster die Granaten zerdrückt hatten. Die Schüsse, die die panisch flüchtende Menge am 11. Juli aus der Stadt trieb, die Soldaten, die brüllenden Frauen die Söhne wegreißen. Und immer wieder dieser eine absurde Traum, der ihr zentnerschwer auf der Brust lastet: Die Ruine ihres Hauses fällt weiter zusammen, zum Zuschauen schnell. Doch ihr Mann richtet ruhig das Bett für die Nacht. "Wir können doch hier nicht schlafen", schreit sie, "es gibt kein Dach."

Das Haus in Zaluzje, einem kleinen ostbosnischen Dorf, sei ihr ganzer Stolz gewesen. Ihr Mann habe als Buchhalter in einem Staatsbetrieb gut verdient, sagt sie, so konnte man sich das leisten. "Zwei Etagen." Ihre Stimme klingt stolz. Auf die Ruinen passt die zweite Tochter auf, die in Bosnien geblieben ist. Wenn das Gras zu hoch wird, fährt sie mit der Sense hin und stutzt es ein bisschen.

"Ich habe Sehnsucht zurückzukehren", sagt Azemina Mustafic, "doch wenn ich ein bisschen darüber nachdenke, merke ich, es geht nicht." Das Dorf, in dem früher fast nur Muslime wohnten, gehört jetzt zur Serbischen Republik - einer der beiden Entitäten Bosnien-Herzegowinas. Auf serbischem Territorium leben? Auf keinen Fall, sagt sie.

Bei den Ruinen liegen noch Kassetten ihres Sohnes

Vor drei Jahren war sie zum ersten Mal zu Besuch in Bosnien. Sie fuhr auch zu den Ruinen, um ein "ein bisschen aufräumen", wie sie sagt. Sie fand Musikkassetten ihres Sohnes und seinen Trainingsanzug. Mittags briet sie auf offenem Feuer Paprika. Zwei Männer kamen vorbei. "Ist doch serbisches Territorium hier", hörte sie einen sagen. Da sei sie aufgestanden, habe laut gefragt: "Wem gehört das hier?" Als der Mann dreimal sagte: "Den Serben", da hat sie ihm das Blech mit den Paprika wütend vor die Brust geschleudert.

Die mutmaßlichen Verantwortlichen: General Mladic und Serbenführer Karadzic
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Das Leid verschwindet für einige Momente aus ihrem Gesicht, sie lächelt zufrieden. Als könnte sie so die Dämonen der Vergangenheit kurz vertreiben. Mit dem gleichen Gesichtsausdruck erzählt sie, wie sie vor zwei Jahren zur Gedenkfeier zum ehemaligen Uno-Stützpunkt Potocari fuhr. Sie wollte dem angereisten früheren US-Präsidenten Bill Clinton eine Zeichnung in die Hand drücken: Kolonnen von Männern, die abgeführt werden, Erschießungsszenen. Clinton habe das Bild gesehen, versichert sie mehrmals, und der Übersetzer habe auch ihre Worte auf Englisch wiederholt: "Das ist Dein Werk." Die Weltmacht und die Uno sind für sie das gleiche. Beide hätten bei dem Gemetzel in Srebrenica einfach zugesehen, sagt sie und das Leid kehrt zurück in ihr Gesicht.

Von Versöhnung will Azemina Mustafic nichts wissen. Deshalb ist sie auch dieses Jahr nicht zu der Gedenkveranstaltung nach Srebrenica gefahren. Sie will erst wieder dorthin, wenn die Leichen ihres Mannes und ihres Sohnes identifiziert worden sind. Zum Begräbnis.

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