Von Claus Christian Malzahn
Berlin - Als Kardinal Joseph Ratzinger vor etwas mehr als 100 Tagen zum neuen Papst gekürt wurde, interpretierte man seine Wahl allenthalben als Verlängerung der Regentschaft von Johannes Paul II. Der Deutsche teile dieselben konservativen theologischen Grundüberzeugungen wie der Pole und garantiere mit seinem katholischen Eigensinn die Originalität der von Petrus begründeten Kirche. Ein Sinnstifter im Meer der Beliebigkeit und des Schwachsinns sei dieser Intellektuelle aus Marktl am Inn, ein Bewahrer der Spiritualität im tosenden Materialismus.
Doch die Begeisterung für den deutschen Segen schwindet. Denn Benedikt XVI. ist kein konservativer Papst, er ist ein Reaktionär, der seine Kirche in eine geistige Zitadelle führt, anstatt sie selbstbewusst ins offene Feld zu schicken. Die von jüdischer und israelischer Seite geäußerte Kritik hat der Vatikan kalt abgefertigt. Dass er Terrorismus gegen Israel nicht Terrorismus nennen will, ist ein Beleg dafür, dass Benedikt XVI. nicht in der Tradition von Johannes Paul II. sondern eher in der geistigen Nachfolge von Pius XII. steht. Auch der hat immer streng nach Vorschrift gehandelt und Dogmen für wichtiger gehalten als das wahre Leben und die politische Wirklichkeit.
Die Unterschiede zwischen dem ehemaligen Chef der Glaubenskongregation und seinem erfolgreichen Vorgänger auf dem Stuhl Petri treten gerade offen zu Tage. Johannes Paul II. hat die Kirche nach innen streng geführt, aber sich nach außen um Ausgleich bemüht. Papst Johannes Paul war, trotz seines Beharrens auf theologischen Dogmen, in mancher Hinsicht ein libertärer Geist. Sein Anteil am Freiheitskampf der Polen, ja aller dem Sowjetimperium einverleibten Völker, ist kaum zu überschätzen. Kein Papst vor ihm hat je so viel für den Dialog und die Versöhnung der Weltreligionen getan. Dabei ging es ihm nicht um spirituelle Beliebigkeit, sondern immer um Wahrhaftigkeit der Kirche. Doch die schloss einen kritischen Blick auf die eigene Vergangenheit ausdrücklich ein.
Johannes Paul II. bekannte sich zu den Verbrechen der Kirche, auch wenn manchen seine Erklärungen dazu nicht weit genug gingen. Er war der erste katholische Oberhirte, der den Weg in eine Synagoge fand. 2000 Jahre hat das gebraucht. Für Johannes Paul II. waren Verständigung und Ausgleich eine Christenpflicht. Mehr als einmal griff er ein, wenn in seiner Heimatkirche in Polen antisemitische Töne laut wurden und strafte die im schwarzen Talar daherkommenden Hetzer mit aller Härte ab. Denn der polnische Papst, mit jüdischen Nachbarn in Südpolen vor dem Krieg der Nazis groß geworden, hat den Holocaust erlebt. Sein Dorf liegt nicht weit von Auschwitz entfernt. Der Pole wusste, was das mörderische 20. Jahrhundert bedeutete, und er machte es zu seiner persönlichen Aufgabe, die Gespenster des Totalitarismus zu vertreiben.
Als Benedikt XVI. gewählt wurde, schäumte die britische Boulevardpresse und wies ätzend auf die Vergangenheit Ratzingers als Flakhelfer im zweiten Weltkrieg hin. Deutsche Blätter feuerten munter zurück. Der Krieg der Blätter um Ratzingers Jugendsünden schien banal. Heute spielt die unterschiedliche Geschichte des Deutschen und des Polen doch wieder eine Rolle.
Denn Benedikt XVI. braucht nicht mal 100 Tage, um das junge Pflänzchen Vertrauen zwischen Juden- und Christentum niederzutrampeln, das Johannes Paul II. gepflanzt hatte. Das Verhältnis zwischen Israel und dem Vatikan war nie von inniger Freundschaft geprägt. Im Gegenteil. Erst unter Johannes Paul II. hat der Vatikan den Staat Israel diplomatisch anerkannt. Schon deshalb hätte der Pole diese verheerende, gegen Israel gerichtete Erklärung nie zugelassen. Die Kritik an manchen Aktionen der israelischen Armee hätte Johannes Paul II. freilich dennoch geäußert. Aber er wusste, wann was an der Reihe ist und welchen Ton man anschlägt.
Ratzingers Politik führt dagegen ins Abseits. Nicht nur mit dem Judentum und Israel riskiert der Deutsche einen Rückfall in die Zeit des Kalten Krieges. Auch sein bisheriger Umgang mit der protestantischen Kirche in Deutschland ist ein Affront. Zunächst wurden die Nachfahren Luthers gar nicht zum Weltjugendtreffen nach Köln eingeladen. Nachdem die Protestanten sich öffentlich darüber wunderten, reichte der Vatikan eine Einladung in gequälter Pose nach. Nun dürfen Bischof Huber - ein Mann übrigens, der sich vor Ratzinger intellektuell nicht zu verstecken braucht - und Vertreter anderer Kirchen in Köln offenbar auch mal am Papst vorbeidefilieren. Dialog sieht anders aus, und die evangelische Kirche in Deutschland sollte sich gut überlegen, ob sie sich diese Demütigung gefallen lassen soll, um die Idee der Ökumene wenigstens der Form halber noch hoch zu halten.
Ratzinger will keinen Dialog. Der deutsche Papst will Recht haben. Sein Vorgänger kämpfte für den Glauben - und rang auch mit ihm. Was für ein Unterschied.
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