Aus Gush Katif und Jerusalem berichten Annette Großbongardt und Stefan Simons
"Nazis": Es ist gewiss das perfideste Schimpfwort, das sich israelische Soldaten von ihren eigenen Landsleuten anhören müssen, die seit gestern in 22 Siedlungen des Gaza-Streifens einrückten, um den dort noch ausharrenden Siedlern die Räumungsbescheide auszuhändigen.
Es sind dramatische Szenen: Mütter, die Kinder auf dem Arm, die den Soldaten, die sie bisher beschützten, wütend die Tür weisen. Religiöse Aktivisten mit Gebetsschal, die voller Verzweiflung auf ihre uniformierten Landsleute einschreien. Jugendliche in orangefarbenen T-Shirts (der offiziellen Farbe des Widerstands), die sich den Militärs an den Rolltoren der Siedlungen in den Weg stellen - oder mit Sitzblockaden die Umzugscontainer aufhalten, die auf das Zentrum der Siedlungen von Gush Katif vorrollen.
"Wie kannst du mir das antun", jammert ein junger Mann, als in der Siedlung Morag der Golani-Kommandeur Erez Zuckerman eintrifft, um die Evakuierungsbefehle zuzustellen. "Ich war ein Offizier unter deinem Kommando, du hast mir beigebracht, was es bedeutet, ein Offizier zu sein und wie Israel geschützt werden muss. Wir sind nicht deine Feinde."
Kollektive Zerreißprobe
Das lässt auch den Offizier der Elite-Einheit nicht ungerührt, der seinen Soldaten wiedererkennt und unter Tränen in die Arme schließt.
Dennoch geht heute um Mitternacht der Countdown zu Ende, für den von Premier Ariel Scharon angeordneten Abzug aus dem Gaza-Streifen; beendet ist damit die international umstrittene, jahrzehntelange Präsenz von rund 8000 jüdischen Siedlern unter 1,5 Millionen Palästinensern.
In den Flüchtlingslagern von Gaza und den Medien der arabischen Welt wird der Abzug als "Erfolg der Intifada" oder "erster Schritt auf dem Weg zum Sieg eines Staates mit der Hauptstadt Jerusalem" gefeiert; doch in Israel gerät die womöglich rabiate Evakuierung zur kollektiven Zerreißprobe - Juden deportieren Juden.
"Ich verstehe eure Gefühle, euren Schmerz und die Schreie jener, die nicht einverstanden sind", sagte Premier Scharon bei einer Fernsehansprache Montagabend und räumte ein, dass der Abzug "ernste Wunden und bitteren Hass unter Brüdern" ausgelöst hat. Auf seinen einsamen Entschluss werden die Emotionen aber keinen Einfluss haben. Scharon ungerührt: "Ich habe beschlossen, dass die Aktion für Israel lebenswichtig ist."
Deshalb hat der ehemalige Panzer-General rund 60.000 israelische Militärs und Polizisten in einer Zeltstadt außerhalb des Gaza-Streifens aufmarschieren lassen: Ab Mittwoch werden sie die verbleibenden Siedler abtransportieren - wenn nötig auch mit Gewalt. Die Armee ist zuversichtlich, die Evakuierung binnen zehn Tagen abzuwickeln, obwohl bislang nur eine Hand voll Siedlungen völlig geräumt und Tausende Sympathisanten in den vergangenen Wochen in das Gebiet eingesickert sind, um den Widerstand zu organisieren. Flugblätter an die "Infiltratoren von Gush Katif" schlagen vor, die "Bewegungsfreiheit der Sicherheitskräfte auf den Straßen zu behindern".
Historische Wende
Die generalstabsmäßig geplante Operation erfordert eine komplizierte Logistik - täglich werden allein 80.000 Wasserflaschen und 20.000 Eislollies ausgeliefert. Außerdem wurden Umzugscontainer bereitgestellt, Ausweichquartiere für die Siedlerfamilien angemietet und Hotelzimmer bereitgestellt.
Trupps von jeweils 17 Mann werden die Zwangsräumung vollstrecken: Sie sind unbewaffnet und ausgestattet mit neuen schwarzen Overalls - eine Vorsichtsmaßnahme des Geheimdienstes, der befürchtet hatte, Siedler könnten sich sonst, in leicht erhältlichen Polizeiuniformen verkleidet, unter die Sicherheitskräfte mischen.
Der Rückzug stellt eine historische Wende dar - nicht nur für Premier Scharon, 72, der bislang als erzkonservativer Ziehvater der Siedlungsbewegung galt. Zum ersten Mal wird sich der jüdische Staat aus palästinensischen Gebieten zurückziehen, die er beim Sechs-Tage-Krieg 1967 erobert hatte.
Zuvor hatte lediglich Premier Menachem Begin nach dem Friedensvertrag von Camp David 1972 die Sinai-Siedlung Yamit räumen lassen und seither galt es als in Stein gehauenes Gebot des nationalreligiösen und zionistischen Lagers: "Yamit wird sich nicht wiederholen."
Bis zu dieser Woche. Und trotz der Ankündigung im Februar 2004 wollten viele Siedler nicht wahrhaben, dass sie Gaza verlassen müssen. Die säkularen Bewohner schätzten die bukolische Idylle hinter Stacheldraht und Wachtürmen oder die wirtschaftlichen Vorteile, mit billigen palästinensischen Arbeitskräften moderne Landwirtschaft zu betreiben.
"Unsere Aktion ist eine Mitzwa"
Für die Mehrheit der religiös motivierten Siedler war ihre Existenz auf dem sandigen Territorium die Rückkehr ins biblische Israel - der Abzug rührt in ihren Augen an die Grundfesten des Staates. Premier Scharon ist für sie ein Verräter und Widerstand gegen die Evakuierung heilige Pflicht.
"Unsere Aktion ist eine Mitzwa", sagt die Siedlerin Rachel in Nezarim und erhebt den kollektiven Protest damit zur gottesfürchtigen guten Tat. "Wir werden nicht weichen, wir sind dem Volk Isarels verpflichtet", sagt sie und gelobt lediglich passiven gewaltfreien Widerstand gegen die Sicherheitskräfte. "Mit Gottes Hilfe werden wir hier bleiben."
Da die himmlische Hilfe bisher ausgeblieben ist, verlegen sich manche der Bewohner auf Symbolik: In Nezarim begannen die Anwohner noch am Montag mit dem Bau eines Hauses, in den Gewächshäusern wurde geerntet und bewässert.
Dennoch bereiten sich auch im Zentrum von Gush Katif die Siedler auf den Umzug vor, Familien packen ihre Habe in Container. Polizei und Protestler beäugen sich durch Barrieren aus Metall und Stacheldraht - gebaut als Schutzwall gegen die Palästinenser. Hier haben die Siedler verhindert, dass die Evakuierungsbefehle zugestellt wurden - ein Etappensieg ohne juristischen Wert, denn auch damit ist die Räumung nicht einmal aufgeschoben.
In "Shirat Hayam" (Poesie am Meer), wo 21 Familien und angereiste Jugendliche Demonstranten - insgesamt 800 Menschen - auf den Showdown warten, herrscht unter der brütenden Hitze noch Ferienlageratmosphäre: Jungen und Mädchen singen zur Gitarre, Kinder spielen am Strand.
Vielleicht, so glaubt ein Siedler, wird der Abzug ja doch nicht stattfinden: "Wir warten auf ein Wunder."
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