Frau Beck, erschreckende Szenen spielen sich seit Wochen in Ceuta und Melilla ab. Ist das ein Vorgeschmack auf den Sturm der Armen auf die Wohlstandsbastion Europa?
Beck: Sicherlich nicht. Es fällt gerade nur das Auge der Öffentlichkeit auf diese Orte. Diese spanischen Städte auf afrikanischem Boden sind seit Jahren eine Anlaufstelle zum Übergang nach Europa. In diesem Jahr haben etwa 12.000 Menschen aus Afrika versucht, nach Spanien zu gelangen, 2004 waren es insgesamt 55.000.
SPIEGEL ONLINE: Warum wird jetzt hingeschaut?
Beck: Die Strategie der Flüchtlinge hat sich verändert. Es ist jetzt nicht mehr ein einzelnes Durchschlüpfen durch den Zaun. Nun versucht ein großer Pulk, die Zäune zu überrennen. Im Grunde sind es nur die neuen Bilder, die derzeit die öffentliche Aufmerksamkeit erregen. Als überladene Flüchtlingsschiffe vor Italien landeten, waren auch alle Kameras darauf gerichtet. Doch täglich spielen sich Tragödien ab, von denen wir gar nichts mitbekommen.
SPIEGEL ONLINE: Kann man den Flüchtlingsstrom mit höheren Zäunen stoppen?
Beck: Die USA machen die Erfahrung an ihrer mexikanischen Grenzen, dass selbst die höchsten Zäune die Migration nicht aufhalten können. Wichtig ist also eine Politik, die die Ursachen, warum Menschen aus ihrer Heimat fliehen, langfristig angeht.
SPIEGEL ONLINE: Warum nehmen die Flüchtlinge sogar ihren Tod in Kauf? Ist eine noch so erbärmliche Unterkunft in Europa besser als ein Slum in Lagos?
Beck: Die Menschen verbinden mit ihrer Flucht große Hoffnungen: Manche suchen Schutz vor Verfolgung andere wollen einen Anker in Europa legen, vielleicht um Geld nach Hause zu schicken und vielleicht ist es auch nur die Hoffnung, dass es der zweiten Generation einmal besser gehen könnte. Die spanische Politik hat zudem eine Besonderheit, die viele Träume forciert: Es gibt faktisch keine legale Einreisemöglichkeit und gleichzeitig verfügt das Land über ein rasantes Wirtschaftsaufschwung. Arbeitskräfte finden häufig - zumal in der Landwirtschaft - illegal die Möglichkeiten zum Geldverdienen. Oft gibt es dann eine nachträgliche Legalisierung ihres Status.
SPIEGEL ONLINE: Sollte Deutschland einen Teil der Menschen in Ceuta und Melilla aufnehmen?
Beck: Für Verfolgte gibt es klare Zuständigkeitsregelungen zwischen den EU-Mitgliedsstaaten. Was die anderen anbelangt: Eine Massenfluchtsituation wie damals beim Kosovo-Konflikt vermag ich in Spanien derzeit nicht zu erkennen. Gleichwohl wird Europa gemeinsam nach Lösungen suchen müssen. Ich sage es noch einmal: Wir müssen langfristig helfen, die Situation der Menschen in ihren Heimatländern zu verbessern.
Das Interview führte Lars Langenau
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