Von Jürgen Gottschlich, Istanbul
Istanbul - "Die privilegierte Partnerschaft ist Geschichte, abgehakt und weggelegt. Die EU verhandelt mit der Türkei nur mit dem Ziel einer Vollmitgliedschaft. Wenn Sie mir nicht glauben, machen Sie ein Interview mit der Vorsitzenden der CDU". Als Schröder gestern Abend diese Botschaft in Istanbul verkündete, strahlte er über das ganze Gesicht.
Ein gelöst wirkender Noch-Kanzler zog hier Bilanz über eines seiner wichtigsten außenpolitischen Projekte. "Es gibt immer wieder seltene historische Momente, die man nutzen oder verstreichen lassen kann. Der 3. Oktober war so ein Moment und wir haben ihn genutzt." Obwohl Schröder von der gesamten EU redete, wusste doch jeder der 2000 Gäste, dass der deutsche Kanzler hier im pluralis Majestatis sprach: Ich habe dafür gesorgt, dass diese historische Chance ergriffen wurde und der Türkei mit dem Beginn der Beitrittsgespräche die Tür nach Europa endgültig geöffnet wurde.
Und die Anwesenden dankten es ihm wahrhaftig. Schröder erhielt bei seiner ersten Station als abschiednehmender Kanzler in Istanbul Standing Ovations. Gerhard Schröder hatte am Nachmittag des 3. Oktober seinen Freund Tayyip Erdogan per Telefon zugesprochen, er solle sich durch das Gezerre in Luxemburg nicht irre machen lassen. Zu diesem Zeitpunkt konnte Schröder nicht wissen, dass dieses Treffen sein erster Auftritt nach dem verkündeten Abschied aus dem Amt sein würde. Die Regie hätte besser nicht sein können.
Hochsymbolisch nahm Schröder am Mittwochabend am Fastenbrechen teil, dem Abendmahl, das die muslimische Welt im heiligen Monat Ramadan immer nach Sonnenuntergang zu sich nimmt. Es war ungefähr so, als hätte Erdogan zusammen mit Schröder einen Weihnachtsgottesdienst besucht und die türkische Seite tat alles, um gebührend darauf hinzuweisen. Flugs hatte die regierende AKP, deren Istanbuler Landesverband als offizieller Veranstalter fungierte, große Plakate mit der Aufschrift drucken lassen: "Willkommen zum Treffen der Zivilisationen".
So wurde aus einem Abschiedsbesuch ein Treffen der Kulturen unter dem Dach der EU als symbolisches Bild für die gemeinsame Politik Schröders und Erdogans. Damit auch ein Blinder die Botschaft nicht verpasst, wechselte traditionelle anatolische Musik mit Mozart und Beethoven. "Gerade die Neunte Sinfonie Ludwig van Beethovens", versuchte sich Gerhard Schröder dann in seiner Rede als Musikhistoriker, zeige doch in herausragende Weise, welche Einflüsse türkische Musik schon damals bei Europas Musikschaffenden gehabt habe.
Für kritische Anmerkungen war an diesem Abend denn auch kein Platz. Beide Männerfreunde würdigten sich gegenseitig als große Staatsmänner, die unbeirrt von allen Protesten an ihrer Vision einer um die Türkei bereicherten Europäischen Union festgehalten haben. Mehrfach betonte Erdogan, wie sehr die Unterstützung Schröders der Türkei auf diesem Weg geholfen habe, was Freund Gerhard sichtlich gut tat.
Vorschlag für einen Altersruhesitz
Tatsächlich hat sich Schröder im Laufe seiner Amtszeit stetig mehr in der Europapolitik engagiert und sich immer offensiver dafür eingesetzt, dass Europa die Türkei braucht. Vor allem nach dem 11. September 2001 war er sich mit seinem Außenminister Joschka Fischer einig, dass die Integration eines islamisch geprägten modernen demokratischen Staates in die EU, die Verbindung westlicher, christlicher Demokratien mit einer moderaten islamischen Gesellschaft, für Europas Sicherheit und Zukunft von überragendem Wert sei.
Deshalb war Schröder gegenüber der Türkei, anders als in China, nicht nur der erste Handelsvertreter seiner Nation und deshalb ging es ihm auch nicht nur um die Stimmen türkisch-stämmiger Wähler in Deutschland. Wenn Gerhard Schröder ein außenpolitisches Projekt aktiv betrieben hat, dann die Heranführung der Türkei an die EU. Auch deshalb war Schröder die Genugtuung so deutlich anzusehen, dass die Aufnahme der Beitrittsverhandlungen in praktisch letzter Minute doch noch geklappt hat.
Auch für die Zukunft verbreitete Schröder als Noch-Kanzler Zuversicht. Die Türkei werde, trotz aller Schwierigkeiten, ihren Weg in die EU machen und die deutsch-türkische Freundschaft werde, ganz unabhängig von den Personen an der Spitze, weiterhin bestand haben. "Diese Beziehung ist viel zu tiefgehend und von einer so langen Tradition geprägt, als dass eine Regierung daran etwas ändern könnte." Er gehe aber davon aus, dass auch die kommende Bundesregierung selbstverständlich ein großes Interesse daran haben werde, die "exzellenten Beziehungen" weiter so intakt zu halten. Daran ist natürlich auch Tayyip Erdogan, aller Männerfreundschaft zum Trotz, sehr gelegen. Er werde, bestätigte er eine Meldung des Tages, nicht zögern, im kommenden Jahr auch Angela Merkel zum Fastenbrechen einzuladen.
Falls Schröder für seine Zukunft einen Altersruhesitz sucht, sollte er die türkische Mittelmeerküste in Betracht ziehen. Die Türkei vergisst ihre Freunde nicht, vor allem die nicht, die ihr in schwierigen Zeiten beigestanden haben, versicherte Erdogan seinem "Freund" Gerhard wiederholt. Er kann also davon ausgehen, an den Gestaden des Mittelmeers noch lange als Ehrengast behandelt zu werden.
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