Berlin - Ahmad Sa'id al-Ghamidi wollte eigentlich Arzt werden. Zu diesem Zweck hatte sich der 20-Jährige an der Universität von Khartum im Sudan eingeschrieben. Für Studiengebühren und Lebensunterhalt hatte seine Familie ihm Geld mitgegeben, es lag sicher bei der Bank und sollte für das ganze Studium reichen. Doch es kam anders. Angestachelt von der Propaganda von al-Qaida & Co. aus dem Irak schmiss der junge Saudi-Araber seine Ausbildung hin: "Er hob all sein Geld ab ... zog in den Irak ... und wurde der Held einer einzigartigen Operation in Mosul". Diese "Operation" war ein Selbstmordanschlag: 19 US-Soldaten und 5 weitere Menschen starben, als al-Ghamidi sich inmitten eines Restaurants einer Militärbasis in der südirakischen Stadt in die Luft sprengte.
Die Geschichte des abgebrochenen Medizinstudenten, der zum Terroristen wurde, ist die Geschichte Nummer 93 von insgesamt über 200 Märtyrer-Nachrufen, die seit kurzem auf islamistischen Internetseiten kursieren. Nummer 114 etwa ist ein saudischer Kaufmann , "der sich von den weltlichen Dingen lossagte", Nummer 144 hatte eine schwangere Frau und Nummer 109 war ein von den Reden Osama Bin Ladens inspirierter Karate-Trainer.
Mehrere solcher Listen, die sich teils überlappen und teils ergänzen, liegen SPIEGEL ONLINE vor. Sie erlauben Einsichten in das Dschihad-Business im Irak, über das bislang nur Vermutungen möglich waren. Man erfährt Details vom Zusammenleben in "sicheren Häusern", den Umgang der Dschihadisten miteinander, Telefonanrufe bei den Verwandten in der Heimat und die Planung von Anschlägen. Vielen jungen Dschihad-Willigen, so kann man es nachlesen, war der Kampf im Irak so wichtig, dass sie es selbst noch versuchten, nachdem sie dreimal an der Grenze abgefangen wurden. Doch schließlich kamen auch sie ins Land.
Ziel: Heldenverehrung, Nachahmer anstacheln
Viele der auf diesem Internet-Friedhof verewigten "Märtyrer" waren Selbstmordattentäter. Weit über 1000 Menschen sind den vergangen zwei Jahren im Irak durch solche Anschläge ums Leben gekommen, darunter Soldaten der US-geführten Kriegsallianz ebenso wie Zivilisten und Rekruten der neuen irakischen Armee und Polizei. Andere der aufgeführten Gefallenen starben bei Luftangriffen oder im Häuserkampf in der Rebellenhochburg Falludscha. Sie kämpften und starben im Namen verschiedener Terrororganisationen, die meisten allerdings für die irakische Filiale des Terrornetzwerks al-Qaida, die von dem Jordanier Abu Musab al-Sarkawi geführt wird.
Die SPIEGEL ONLINE vorliegenden Listen beinhalten fast nur Namen und Geschichten von arabischen, aber nicht irakischen Dschihad-Freiwilligen. Die Einträge sind von unterschiedlicher Länge: Manchmal werden nur Name, Todesart und Todesdatum genannt, in anderen Fällen haben Freunde und Gefährten der Getöteten seitenlange Nachrufe verfasst.
Naturgemäß sind nicht alle Details nachprüfbar. Die Geschichten wurden auch mit dem Ziel verfasst, die Taten der Terroristen zu verherrlichen und Nachahmer anzustacheln: Da duftet der Leichnam des Attentäters nach Moschus, und die Erde wird mit seinem "reinen Blut" bedeckt. Trotzdem spiegeln diese Zeugnisse religiöse Einstellungen und persönliche Erfahrungen der Terroristen einigermaßen ungefiltert wider und vermitteln auch ein Bild vom Alltag der Mudschahidin. SPIEGEL ONLINE dokumentiert vier besonders aussagekräftige Nachrufe.
Es handelt sich dabei um die Geschichten von:
Die meisten sind Saudi-Araber
Die Sammlungen gestatten nicht zuletzt einen Einblick in die Zusammensetzung der Terror-Bataillone nach Nationen. Nach einer Auswertung von SPIEGEL ONLINE stammen wahrscheinlich über die Hälfte der Freiwilligen aus Saudi-Arabien. Mit großem Abstand folgen Syrien (rund 10 Prozent), Kuwait (rund 6 Prozent) und Jordanien (rund 3 Prozent). Iraker machen demnach etwa 6,5 Prozent aus.
"Der Weg in den Irak": Broschüre aus dem Internet zur Einreise auf das Schlachtfeld
Dass die Saudi-Araber den Löwenanteil unter den Kämpfern der Terrororganisationen ausmachen, ist aber unter Experten unbestritten - auch, wenn das US-Militär kürzlich erklärte, von 312 im Irak festgenommenen Ausländern, die an der Rebellion teilgenommen hätten, sei eine Mehrheit von 78 aus Ägypten und nur eine Minderheit von 32 Verhafteten aus dem Wüstenkönigreich. Möglicherweise lässt sich diese Diskrepanz dadurch erklären, dass die Saudi-Araber eher in den Reihen der Selbstmordattentäter zu finden sind: Nach Reuven Paz stellen sie hier rund 70 Prozent.
"Notendurchschnitt 5/5"
Der Islamexperte Guido Steinberg, der gerade ein Buch über neue terroristische Netzwerke geschrieben hat, vermutet, dass sich kaum mehr als 1000 nichtirakische, arabische Kämpfer im Irak aufhalten; Paz schätzt diese Zahl ein wenig höher. Die meisten dürften über die saudische und die syrische Grenze einsickern. Erst im Sommer erschien im Internet eine Broschüre, die Tipps offerierte, wie man am besten auf das Schlachtfeld gelangt - zum Beispiel als Geschäftsmann oder Patient getarnt, am besten mit Walkmann, westlicher Musik und Jeans, um nicht als Islamist aufzufallen.
Doch auch, wenn sie für einen Großteil der brutalsten Anschläge verantwortlich sind: Die ausländischen Kämpfer stellen zahlenmäßig die Minderheit. Zum Vergleich: Es wird geschätzt, dass neben ihnen mehrere zehntausend Iraker an einer vor allem nationalistisch motivierten Rebellion gegen die Besatzung teilnehmen.
Die meisten der Freiwilligen dürften, wenn man die Daten der Listen verallgemeinern kann, zwischen 18 und 28 Jahren alt sein. Viele von ihnen sind Familienväter, etliche der Älteren haben zuvor schon in Afghanistan gekämpft und saßen in ihren Heimatländern wegen extremistischer Umtriebe im Gefängnis. Einige waren hoch qualifiziert, Nummer 181, brüstet sich sein Gefährte, hatte einen "Notendurchschnitt von 5/5". Auch Brüderpaare finden sich unter den Gefallenen. Und sogar Telefonnummern der Hinterbliebenen wurden in einigen Fällen veröffentlicht, damit man den Familien gratulieren und sein Beileid aussprechen kann.
Die "Geschichten der Helden", schreibt die irakische Qaida zu der angekündigten Fortsetzung der Serie von Märtyrer-Biografien, hätten zum Ziel, die "Herzen zu erhöhen" und die "jungen Männer anzutreiben." Die Mütter sollten sicher sein können, dass sie Helden geboren hätten, deren Andenken gewahrt werde.
Mit welcher unvorstellbaren Verblendung das vorgebliche Heldentum einhergeht, wird besonders krass an einem der beschriebenen Fälle deutlich: Ein Syrer, wird berichtet, reiste mit seinem Sohn zum Kämpfen in den irakischen Dschihad. Beide starben Seit an Seit in der erbitterten Schlacht um die Rebellenhochburg Falludscha.
Der Sohn, der jetzt als Märtyrer verehrt wird, war zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt.
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