Paris - "Die Situation könnte sich noch weiter verschlimmern, denn die Strukturprobleme der Pariser Vororte gibt es in vielen anderen Städten auch", sagte der Soziologe Michel Wieviorka der französischen Tageszeitung "Le Parisien". Er befürchtet eine Radikalisierung der Gewalt in den sozialen Problemvierteln französischer Städte. Wievorka, Spezialist für städtische Gewalt, beklagte gleichzeitig das "Versagen des republikanischen Integrationsmodells".
Die Jugendlichen griffen alles an, "was die Institutionen des Staates symbolisiert". "Sie fühlen sich ungerecht behandelt und von der Gesellschaft verachtet. Das ist der Grund für die Ausschreitungen." Wieviorka forderte neue Maßnahmen, um die soziale Solidarität den wirtschaftlichen Realitäten anzupassen. "Das angebliche Modell der republikanischen Integration hat versagt", sagte er. Kosmetische Erklärungen und ein x-ter Notplan für die Vorstädte seien nicht ausreichend.
Seit einer Woche kommt es zu Gewalttaten in den Problemvierteln um Paris. Auslöser war der Unfalltod zweier Jugendlicher, die sich von der Polizei verfolgt glaubten. Nach Einschätzung von Innenminister Nicolas Sarkozy sind die Krawalle "perfekt organisiert". Sie seien "keineswegs spontan", erklärte der Minister. Die Gewalt griff inzwischen auch auf die französische Provinz über, wo unter anderem in Dijon südöstlich von Paris und in Südfrankreich über 30 Autos angezündet wurden.
Sarkozy verteidigte seine umstrittene Wortwahl, die an den Krawallen beteiligten Jugendlichen als "Gesindel" zu betiteln: Wer mit scharfer Munition auf "Beamten, Familienväter oder junge Leute von der eigenen Hautfarbe" schieße, könne nur so bezeichnet werden. Er finde es empörend, sich angesichts der Vorfälle "um Worte zu kümmern und nicht um die Geschehnisse", sagte der Minister.
In der Nacht zu heute hatten die Brandstiftungen in den Vorstädten von Paris weiter zugenommen. Bis zum frühen Morgen gingen etwa 400 Autos in Flammen auf, das waren 100 mehr als in der Nacht zuvor. Es gab nach Angaben der Behörden jedoch weniger direkte Konfrontationen zwischen jugendlichen Schlägerbanden und der Polizei. Fünf Beamte seien in der Nacht durch Steinwürfe leicht verletzt worden, hieß es nach Angaben der Polizei.
In einem Depot in Trappes bei Paris wurden durch einen Brand 27 Busse zerstört. Brandsätze wurden auf öffentliche Gebäude wie Rathäuser, Schulen und Polizeistationen geworfen. In Neuilly-sur- Marne wurden Schrotkugeln auf ein Polizeifahrzeug gefeuert. Insgesamt waren mehr als 1000 Polizeibeamte im Einsatz, um die Gewalt einzudämmen.
In französischen Zeitungen wurden Äußerungen von Randalierern aus den Problemvierteln angedruckt. "Das ist erst der Anfang. Wir machen so lange weiter, bis (Innenminister Nicolas) Sarkozy geht", zitiert "Le Monde" einen Jugendlichen aus Aulnay-sous-Bois. "Vielleicht kapieren die in der Regierung jetzt endlich etwas." In "Le Parisien" sagt ein anderer: "Wir haben es satt, von der Polizei wie Dreck behandelt zu werden."
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