Mittwoch, 10. Februar 2010

Politik



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05.11.2005
 

Amerika-Gipfel

Hugo Chavez mimt den Anti-Bush

Aus Mar del Plata berichtet Jens Glüsing

Im argentinischen Mar del Plata toben Straßenschlachten. Vor dem Hintergrund der Krawalle und des Gipfeltreffens amerikanischer Staatschefs inszeniert sich Venezuelas linker Staatschef Chávez als Gegenspieler von "Mr. Danger" - so nennt er US-Präsident Bush.

Pünktlich zur Eröffnung des Gipfeltreffens der amerikanischen Staatschefs am Freitagnachmittag flogen die ersten Steine. Piqueteros, militante Arbeitslose, feuerten mit Zwillen auf Schaufenster im Zentrum des argentinischen Seebads Mar del Plata, zündeten Molotov-Cocktails und steckten die Räume einer Bank in Brand. Die Polizei warf Tränengasgranaten und formte menschliche Schutzwälle vor der McDonalds-Filiale, Geschäften und Banken.

Randalierer in Mar del Plata: "Fuera Bush!"
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AP

Randalierer in Mar del Plata: "Fuera Bush!"

Die Straßenschlacht war abzusehen: Seit Tagen verteilen junge Leute in den Straßen von Mar del Plata Wurfzettel mit dem Aufruf: "Fuera Bush!", "Raus mit Bush!". Der US-Präsident ist nicht willkommen, die Mehrzahl der Argentinier ist Umfragen zufolge gegen seinen Besuch. Fußballstar Diego Maradona, der sich an die Spitze der antiamerikanischen Proteste gesetzt hat, verstieg sich gar zu der Bemerkung, Bush sei "menschlicher Müll".

Dabei profitierte Argentinien als einziges Land vom Besuch des unbeliebten Amerikaners auf dieser ansonsten verunglückten Gipfel-Veranstaltung. Bush plauderte fast eine Stunde lang mit Argentiniens Staatschef Néstor Kirchner, anschließend versicherte er Buenos Aires seine Unterstützung bei den Umschuldungsverhandlungen mit dem Weltwährungsfond. Er äußerte sogar Sympathien für Kirchners Forderung nach einer Reform der verhassten Institution, die viele Argentinier für den Finanzcrash ihres Landes vor drei Jahren verantwortliche machen.

Die versöhnliche Geste ist ein großer diplomatischer Erfolg für den argentinischen Präsidenten. Kirchner hatte Argentinien mit seinem harten Kurs gegenüber dem IWF praktisch zum Paria der internationalen Finanzwelt gemacht, jetzt ist der La-Plata-Staat weitgehend rehabilitiert. Zugleich schmeichelt Bush dem Ego der Argentinier, das durch die diplomatische Vorzugsbehandlung des ewigen Rivalen Brasiliens in den vergangenen Monaten Schaden genommen hatte.

Bush auf der Suche nach Freunden in Südamerika

Der US-Präsident sucht dringend neue Freunde in Lateinamerika, denn Washington ist in der Region so isoliert wie schon lange nicht mehr. Der Irak-Krieg und die umstrittene Wirtschaftspolitik haben den ohnehin starken Antiamerikanismus der Latinos befeuert. Die meisten Länder Lateinamerikas werden heute von Linken oder Linkspopulisten regiert, die Washington kritisch gegenüber stehen. Das Gipfeltreffen, auf dem die Staatschefs eigentlich Einigkeit demonstrieren wollten, war daher von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Nicht einmal auf ein gemeinsames Abschlussdokument konnte man sich einigen: Washington wollte sein Projekt einer gesamtamerikanischen Freihandelszone, auf Spanisch ALCA, festschreiben; Argentinien, Brasilien, Venezuela und Uruguay sind strikt dagegen, sie fürchten die wirtschaftliche Vorherrschaft des mächtigen Nachbarn im Norden. "Wir haben ALCA in Mar del Plata endgültig begraben", triumphierte Venezuelas linkspopulistischer Staatschef Hugo Chávez.

Der charismatische Venezolaner ist zum wichtigsten Gegenspieler Washingtons auf dem Kontinent avanciert; er sieht sich als legitimer ideologischer Nachfolger des kubanischen Revolutionsführers Fidel Castro, den er als väterlichen Freund verehrt. Auf der Abschlusskundgebung des "Gegengipfels", den Globalisierungsgegner und linke Gruppen parallel im Fußballstadion von Mar del Plata abhielten, befeuerte er einige zehntausend Zuhörer mit revolutionären Parolen.

Er umarmte Volksidol Maradona, stimmte einen Tango an und zitierte von Rosa Luxemburg über Ché Guevara und Mao Tse Tung bis zu Martin Luther King so ziemlich alle Revolutionäre der Geschichte, um seinen "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" ideologisch zu untermauern. Übervater Castro war per Telefon dabei, so der launig aufgelegte Chávez: "Er rief mich vor meinem Auftritt auf dem Handy an und verfolgt alles am Fernsehschirm. Ich habe das Gespräch vorzeitig abgebrochen, sonst hätte er mindestens drei Stunden geredet".

In dieser Hinsicht steht der wortmächtige Venezolaner seinem Idol allerdings kaum nach: Trotz Regen und eiskaltem Wind sprach er zweieinhalb Stunden lang. Dann bestieg er seinen gepanzerten Mercedes und eilte zum Gipfel-Showdown mit "Mr. Danger" - so nennt er seinen amerikanischen Amtskollegen neuerdings.

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