London - Es gelinge dem Terrornetzwerk al-Qaida, immer neue Rekruten für Terroranschläge zu gewinnen, indem sie die US-Präsenz im Irak als "neo-christliche Okkupation eines bedeutenden islamischen Staates" darstelle, stellte die Oxford Research Group in einer heute veröffentlichten Studie fest. Großbritannien werde seine Truppen nur in dem "höchst unwahrscheinlichen" Fall zurückziehen können, dass es sein Bündnis mit Washington aufkündigt.
"Das wäre dann ein grundsätzlicher Wandel in der Politik der Regierung von Tony Blair, der zu den weitaus schärfsten Differenzen in den Beziehungen zu Washington in den letzten acht Jahren führen würde", heißt es weiter in der Studie der britischen Wissenschaftler. "Unter den gegebenen Umständen ist dies höchst unwahrscheinlich, dennoch dürfte der Krieg in den nächsten Jahren einen größer werdenden Schatten auf die britische Politik werfen."
Verteidigungsminister John Reid hatte in der vorigen Woche erklärt, der Rückzug der rund 8000 britischen Soldaten aus dem Irak könne wahrscheinlich im kommenden Jahr beginnen. Es gebe allerdings noch keinen "unveränderlichen Zeitplan". Gestern sagte Blair hingegen, ein übereilter Truppenabzug würde den Irak schutzlos rivalisierenden Gruppen ausliefern und komme daher nicht in Frage.
Nach Einschätzung der Oxford Research Group ist es für eine Beilegung des Irak-Konflikts von überragender Bedeutung, dass die Sicherheit im Lande und eine stabile Regierung gewährleistet werden.
Abzug wäre außenpolitisches Desaster
Der langfristige Zugang zu den Ölvorkommen in der Golfregion sei für die USA angesichts ihrer wachsenden Abhängigkeit von importiertem Erdöl lebenswichtig. Ein Abzug der US-Truppen wäre daher "ein außenpolitisches Desaster, das größer wäre als jenes beim Rückzug aus Vietnam".
Zuvor hatte US-Außenministerin Condoleezza Rice den Abzug von Truppenteilen der US-Armee in Aussicht gestellt. Schon sehr bald könnten die Bedingungen dafür erfüllt sein.
Die Opposition in London forderte die Regierung derweil zur Vorlage einer "umfassenden Strategie für Großbritanniens Ausstieg aus dem Irak" auf. Die Studie verstärke die Unsicherheiten hinsichtlich der Dauer der britischen Truppenpräsenz im Irak, erklärte der außenpolitische Sprecher der Liberaldemokraten, Sir Menzies Campbell.
Neue Gewaltausbrüche im Irak
Im Irak setzte sich die Gewalt heute fort: So starben bei der am Wochenende beendeten Operation "Eiserner Vorhang" laut Angaben von heute in mehreren Vororten der Stadt al-Kaim insgesamt zehn US-Soldaten und 139 "Terroristen". Im Laufe der 17-tägigen Offensive, für die auch lokale Hilfssoldaten rekrutiert worden waren, nahm die US-Armee 256 mutmaßliche Aufständische gefangen.
Das amerikanische Militärkommando berichtete außerdem, zwei US-Soldaten seien in Mossul bei einer Patrouillenfahrt von Aufständischen erschossen worden. Der Angriff ereignete sich bereits am vergangenen Samstag.
Irakische Rebellen erschossen heute zudem einen sunnitischen Stammesführer, der eine Beteiligung an der bevorstehenden Parlamentswahl unterstützte. Bei dem Überfall in Bagdad wurden auch vier weitere Mitglieder der Familie getötet, wie ein Sprecher des Innenministeriums mitteilte.
Das Attentatsopfers, Hima Sarhid al-Hemaijem, war der Führer des Batta-Stammes, einer der größten und einflussreichsten sunnitischen Gemeinschaften nördlich von Bagdad. Ein Bruder des Stammesführers kandidiert bei der Parlamentswahl am 15. Dezember. Der älteste Sohn des Stammesführers wurde bereits vor einem Monat erschossen.
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