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13.01.2006
 

Internationale Pressestimmen

"Merkel - kein Speichellecker der US-Regierung"

Das Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit US-Präsident George W. Bush hat bereits im Vorfeld die Kommentatoren inspiriert. Die US-Presse sieht in Merkel jemanden, der das deutsch-amerikanische Verhältnis verbessern kann, der sich jedoch nicht scheut, Bush zu kritisieren.

Hamburg - SPIEGEL ONLINE veröffentlicht Auszüge aus der internationalen Berichterstattung zum Besuch von Kanzlerin Angela Merkel bei US-Präsident George W. Bush:

"New York Times": "Kanzlerin Angela Merkel ist entschlossen das deutsch-amerikanische Verhältnis zu verbessern. Doch sie wird ihre Linie vorsichtig finden müssen zwischen ihrem Ziel und der in Deutschland weit verbreiteten Ansicht, dass die USA viel falsch machen auf der Welt. Frau Merkel wird ein freundlicheres Verhältnis zu den USA nachgesagt als ihrem Vorgänger Gerhard Schröder, dessen heftige Opposition zur amerikanischen Irakpolitik zur schwersten Krise in den Beziehungen seit Jahrzehnten geführt hat. Zugleich hat sie ihre Uneinigkeit zum Ausdruck gebracht über einige Entscheidungen der Bush-Regierung. Letzte Woche sagte sie zum Beispiel, das Gefangenenlager in Guantanamo sollte eventuell geschlossen werden."

"Washington Post": "Angela Merkel ist noch keine 60 Tage im Amt, doch die deutsche Kanzlerin hat bereits gezeigt, dass sie nicht zögert, die Vereinigten Staaten zu kritisieren, als sie sich für die Schließung der Pentagon-Gefangenenlager in Guantanamo Bay auf Kuba aussprach, oder als sie ein Hühnchen mit Außenministerin Condoleezza Rice vergangenen Monat zu rupfen hatte. Dennoch: Merkel wird bei ihrem Antrittsbesuch in Washington eine erstklassige Behandlung seitens der Bush-Regierung erfahren dürfen. Die Bush-Administration und die neue Regierung in Berlin sehen das Treffen als eine Gelegenheit die Bande zwischen alten Verbündeten neu zu knüpfen, eine Beziehung, die während des Kalten Krieges stark war, doch in den vergangenen Jahren schlimm gelitten hat."

"CNN", Atlanta: "Die Opposition des früheren Kanzlers zum US-geführten Krieg, der zum Sturz des irakischen Präsidenten Saddam Hussein führte, spaltete Schröders Beziehung zu Bush derart, dass sich der Präsident zeitweise weigerte, mit ihm zu telefonieren. Im Unterschied dazu liegt Merkel mehr auf einer Wellenlänge mit der konservativen Politik Bushs. (...) Trotz ihrer Rufe nach einer Partnerschaft mit Washington, hat Merkel allerdings schon klar bewiesen, dass ihre Regierung kein Speichellecker der US-Regierung sein wird."

"Le Figaro", Paris: "Der Besuch Angela Merkels in Washington, der gestern Abend begann, ist mehr als eine Transatlantik-Reise: In den Augen der Amerikaner muss Merkel eine Verjüngungskur Deutschlands einleiten. Amerika verlangt nur, dass dieses Mitglied des 'alten Europas' dem Lager des 'neuen Europas' hinzugefügt wird. (...) Die Krise um das Atomprogramm Irans bietet den beiden Ländern eine wunderbare Gelegenheit, sich bei einem brennenden Thema zu einigen. Der neue Ton Berlins gegenüber Russlands Präsident Wladimir Putin, großer Freund Schröders, aber nur 'strategischer Partner' Merkels, ist auch eine Synchronisierung mit der amerikanischen Position. Der Rest wird durch die persönliche Chemie bestimmt: George W. Bush, der sich mit Frauen in seinem Kabinett umgeben hat, müsste den Pragmatismus der Kanzlerin schätzen und wird sicherlich den Unterschied zu ihrem Vorgänger mögen."

"Der Standard", Wien: "Einerseits will sie (Merkel, d. Red.) ein neues Kapitel des deutsch-amerikanischen Verhältnisses aufschlagen, will zeigen, dass die Regierung in Berlin nach sieben mageren rot-grünen Jahren Präsident Bush wieder wohl gesinnt und an einem engen, guten Verhältnis äußerst interessiert ist. Andererseits muss Merkel ein wenig Distanz halten und deutlich machen, dass sie längst nicht alle politischen Entscheidungen der amerikanischen Regierung goutiert. (...) "Man kann davon ausgehen, dass sich Angela Merkel mit diesen Referenzen in Washington auch als 'Madame Europe' präsentiert und Bush versichert, er könne getrost die Nummer des Berliner Kanzleramtes wählen, wenn die USA wieder einmal nicht wissen, wen in Europa sie anrufen sollen."

"Trouw", Den Haag: "Merkel kommt nicht als Gegenpol zu Schröder und nicht als bedingungslose Verbündete der USA. Aber sie kann die Beziehungen mit den Amerikanern verbessern. Auch auf amerikanischer Seite besteht ein Bedürfnis, die Wunden zu heilen, die der Irak-Krieg verursacht hat. ... Wenn Merkel innerhalb der Europäischen Union Brücken schlagen und so einen schwelenden Konflikt um die Finanzen aus der Welt schaffen konnte, dann kann sie hoffentlich auch eine transatlantische Brücke zwischen den USA und kritisch gestimmten Ländern in Europa schlagen. Das nutzt der internationalen Zusammenarbeit auf zahlreichen Fronten, und nicht nur auf dem Gebiet der Terrorismusbekämpfung."

"Turun sanomat", Helsinki: "Frau Merkel versteht Bush - aber sie wird sich nicht zu seinem 'Pudel' machen lassen. Man sollte jedoch keine allzu großen Erwartungen in den Besuch setzen. Für die großen politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Probleme der Welt werden wohl kaum Lösungen gefunden werden. Aber wenn die größte europäische Wirtschaftsmacht und die einzige Supermacht der Welt sachliche Gespräche führen, dann ist das ein großer Schritt nach vorn, denn Probleme und Krisen lassen sich leichter lösen, wenn Europa und die USA nicht gegeneinander arbeiten."

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