Von Carsten Volkery
Berlin - Die Meinungsforscher hatten es lange vorhergesagt. Dennoch wurde es als Sensation gefeiert, als Evo Morales kurz vor Weihnachten mit 54 Prozent zum neuen Präsidenten Boliviens gewählt wurde. Morales ist Aymara-Indio und Kokabauer - und damit so ganz anders als die bisherigen Präsidenten des ärmsten Landes Südamerikas.
Am Sonntag legte der Sozialist im Kongress in La Paz den Amtseid ab - unter Tränen, aber mit erhobener Faust. Zehntausende Bolivianer feierten die Amtseinführung, viele in farbenprächtigen Trachten. Am Samstag war Morales im roten Poncho und mit weißer Blumenkrone bereits als "Großer Kondor", als Oberhaupt der Andenbewohner, eingesetzt worden. 20.000 Indios umjubelten ihn bei einer traditionellen Zeremonie in der Nähe des Titicaca-Sees.
Zur offiziellen Amtseinführung waren elf Staatsoberhäupter geladen, darunter der venezolanische Präsident Hugo Chavez und der spanische Kronprinz Felipe. Zum ersten Mal seit 1978 war auch das Staatsoberhaupt des Nachbarlandes Chile dabei, der scheidende Regierungschef Ricardo Lagos.
So wie die Wahl des früheren Arbeiterführers Luiz Inacio Lula da Silva vor drei Jahren für einen Ruck in Brasilien sorgte und das Ausland aufhorchen ließ, weckt der Amtsantritt von Morales hohe Erwartungen im Inland und Sorgen bei internationalen Beobachtern. In den letzten Jahren war der Kongressabgeordnete vor allem als Störenfried aufgefallen: So waren es unter anderem die Anhänger seiner Partei, des Movimiento para el Socialismo (MAS), die durch Straßenblockaden nach Belieben La Paz isoliert und so die beiden letzten Präsidenten zum Rücktritt gezwungen haben.
Widersprüchliche Signale
Welchen Kurs der neue Präsident, der über die zweitgrößten Erdgasreserven Südamerikas gebietet, einschlagen wird, ist noch unklar. Die Signale sind durchaus widersprüchlich. So führten ihn seine beiden ersten Antrittsbesuche nach Kuba und Venezuela, zu Fidel Castro und Hugo Chavez, dem Duo Infernale Lateinamerikas. Damit bestätigte Morales zunächst die schlimmsten Befürchtungen seiner Kritiker.
Die beiden Großrhetoriker Castro und Chavez, die sich im ständigen Kampf um die Herzen und Köpfe des Kontinents sehen, begrüßten den neuen Companero hocherfreut in ihrem Club der US-Hasser. Sie rollten ihm den roten Teppich aus und schwärmten von der "Achse der Guten" gegen das "Imperium" im Norden, die nun von Havanna bis La Paz reiche. Castro ließ Morales gar von der kubanischen Fluggesellschaft hin und zurück fliegen.
Der Bolivianer wurde mit Geschenken überschüttet: Castro versprach kubanische Ärzte, Chavez stellte eine Alphabetisierungskampagne für die bolivianische Landbevölkerung in Aussicht. Morales bedankte sich umgehend. "Hugo und Fidel sind die Kommandanten der Befreiungsarmee", flötete er. Internationale Schlagzeilen machte er mit dem Ausspruch, US-Präsident George W. Bush sei ein "Terrorist" und die Politik der US-Regierung "Staatsterrorismus".
Schlagzeilen dank Streifenpulli
Diesem heißen Auftakt folgten jedoch zahme Auftritte in Europa sowie in China, Südafrika und Brasilien. Mit seiner Weltreise vor dem Amtsantritt wollte Morales schon einmal beweisen, dass er das Zeug zum Staatsmann hat. In Madrid und Paris versicherte er den großen Energiekonzernen, die in seinem Land Erdgas fördern, dass ihre Investitionen sicher seien und er keinesfalls an Enteignungen denke. Für Aufsehen sorgte er allenfalls mit seiner Tracht. Statt in Schlips und Anzug erschien Morales in der "chompa", dem Streifen-Pulli seiner Heimat, was für zahlreiche - indignierte wie augenzwinkernde - Kommentare sorgte.
Auch im Verhältnis zu den USA ist bisher keine klare Linie zu erkennen. Mehrfach hat Morales seine Bereitschaft zum Dialog betont. Gleichzeitig liebt er aber Provokationen wie die Besuche bei Castro und Chavez. Diese Woche erklärte er, dass er einen Cocalero, einen Koka-Bauern, zum nationalen Anti-Drogen-Zar ernennen werde. Im Umgang mit der Nationalpflanze könnte es am ehesten zum Konflikt mit den USA kommen, denn Morales will die US-Politik der Vernichtung von Kokafeldern stoppen. Dafür würde er notfalls auch auf die Entwicklungshilfe verzichten.
Was heißt schon links?
Eins hat Morales jedenfalls bereits geschafft: Die Welt redet über ihn. Zu seiner Vereidigung am Sonntag hatten sich über tausend Journalisten angekündigt. Das gewaltige Interesse hängt auch damit zusammen, dass Morales als Personifizierung eines Trends gesehen wird. Er ist vielleicht der schillerndste einer Reihe von linken Politikern, die in diesem Jahr in lateinamerikanischen Ländern an die Macht kommen könnten.
Doch was heißt schon links? Die ebenfalls frisch gewählte chilenische Präsidentin Michelle Bachelet ist auch Sozialistin und doch Lichtjahre entfernt von Morales. Sie führt eine Regierungskoalition aus Sozialisten, Sozialdemokraten und Christdemokraten und wird den von Diktator Augusto Pinochet begonnenen liberalen Wirtschaftskurs wohl großenteils beibehalten.
Auch die Erfahrungen in Argentinien und Brasilien zeigen: Das Präsidentenamt macht auch noch den radikalsten Rhetoriker zum Pragmatiker. Der als Hoffnungsträger der Linken gefeierte Lula hat seine Anhänger schnell mit seiner konservativen Finanzpolitik enttäuscht. Inzwischen steht er auf Grund verschiedener Korruptionsskandale unter Druck.
Der Politikwissenschaftler Alvaro Vargas Llosa, Sohn des peruanischen Schriftstellers Mario Vargas Llosa, plädiert denn auch für Gelassenheit. Er glaubt, dass Morales eher ein zweiter Lula als ein zweiter Chavez wird. Der Grund: Anders als der Venezolaner habe Morales keine sprudelnden Ölquellen, die ihm Unabhängigkeit und Macht sicherten, schrieb Vargas Llosa in einem Gastbeitrag in der "New York Times". Stattdessen sei der arme bolivianische Staat auf ausländische Firmen, vor allem Petrobras aus Brasilien, angewiesen, um die Gasreserven zu fördern und in Geld zu verwandeln.
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